Natrium-Bicarbonat: Als Antazidum „überholt“, im Sport ein Dopingmittel
|
Die Olympiade naht, die Fernseher beginnen zu glühen und der Breitensportler und Fitness-Anhänger fragt sich zu wiederholten Male, ob die oft unglaublichen Leistungen der Hochleistungssportler alleine durch Training, Gesundheit und optimale Ernährung zustande kommen mögen. Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass grobe Ausreißer im Bereich des Dopings geächtet und manchmal sogar bestraft werden. Zum Beispiel die Einnahme von Mitteln zur künstlichen Anregung der Blutbildung. Viele andere Maßnahmen sind aber nach den Doping-Statuen des Internationalen Olympischen Komitees offenbar erlaubt, obwohl sie - was seit Jahren bekannt ist - in erheblichem Umfang Leistungen steigern können.
„Denn auch der Jäger aus Kurpfalz aß oft und gerne Bullrich-Salz!“ Werbeslogan 1970
Beispielsweise ein bestimmtes säureneutralisierendes Antazidum, das die bei Höchstleistungen in der Muskulatur entstehende Milchsäure abpuffert, dadurch Schmerzen und Ermüdung besser in Schach hält und damit letztlich die Leistung steigert. Bei professionellen Schwimmern, so hat jetzt eine Gruppe britischer Sportmediziner gezeigt, um immerhin anderthalb Sekunden bei einer Freistil-Schwimmstrecke von 200 Metern [1]. Untersucht wurde Natrium-Bicarbonat (NaHCO3, Natron, doppeltkohlensaures Natron, Backpulver, Speisesoda, Bullrich-Salz, korrekte Bezeichnung: Natriumhydrogencarbonat), ein säureneutralisierender Wirkstoff, der - obwohl als Antazidum gegen Sodbrennen medizinisch völlig überholt ist und als ungeeignet eingeschätzt wird - immer noch in einigen freiverkäuflichen Mitteln gegen Sodbrennen oder saures Aufstoßen (Antazida) enthalten ist.
„Hat dein Corpus etwas Stauung, Bullrich fördert die Verdauung.“ Werbeslogan Werbeslogan 1895
Chemisch gesehen zeigt der pH-Wert (ein Maß für die Konzentration an Wasserstoffionen) eine saure, neutrale oder basische Reaktion von Lösungen an, zum Beispiel von unseren Körperflüssigkeiten. Das Blut hat normalerweise einen beinahe neutralen pH um 7,4, der Magensaft einen sauren pH von etwa 1,8. Der pH-Wert beeinflusst viele Stoffwechsel-Abläufe, zum Beispiel die Abbauaktivität von Enzymen, die Reizleitung der Nerven, die Bildung von Signalsubstanzen oder das Zellvolumen. Für eine Vielzahl der Lebensreaktionen in den Zellen ist es überlebenswichtig, dass der pH-Wert möglichst konstant gehalten wird, wofür es etliche zahlreiche, komplex miteinander vernetzte Puffersysteme gibt. Eine der körpereigenen Puffer-Schlüsselsubstanzen ist Bicarbonat. In der Medizin wurde Natrium-Bicarbonat früher zur Neutralisation von Magensäure, als reinigende und aufhellende Substanz bei der Zahnpflege und bei äußerlicher Anwendung zur Pflege von Wunden und Verbrennungen eingesetzt. Vielen ist Natrium-Bicarbonat auch als Backpulver zur Teiglockerung bekannt.
„Original Bullrich Salz ist nach Herstellerangaben ein ‚mild wirkendes Arzneimittel bei Sodbrennen und säurebedingten Magenbeschwerden’. Ganz so harmlos sind die Magentabletten mit dem Wirkstoff Natriumhydrogencarbonat aber nicht: Dieser Wirkstoff lässt im Magen-Darm-Trakt besonders viel CO2-Gas entstehen, beschleunigt wahrscheinlich die erneute Magensäureausschüttung. Daher gilt der Wirkstoff als überholt.“ Werbeslogan Zitat Öko-Test [3]
Effekte der von Supplement-Aufnahme und Sport auf den pH-Wert im Blut für die Kontroll- (K), die Natrium-Bicarbonat- (NB) und die Placebo-Gruppe (P). Werte sind als Durchschnitte mit Standardabweichungen angegeben. * NB signifikant höher als K und P (p < 0,05). # NB signifikant höher als K (p < 0,05). |
Bei hochintensiven, anaeroben Belastungen kurzer Dauer sinkt der pH-Wert im Blut, es wird also saurer. Keines der Puffersysteme ist kurzfristig in der Lage, die hierbei eintretende Säureakkumulation zu verhindern. Aus Sportlersicht erscheint dies jedoch wünschenswert, weil diese Anhäufung von Säure letztlich die körperliche Leistungsfähigkeit reduziert und zu früherer Ermüdung führt. Schon um 1930 kamen Forscher auf die Idee, den Säure-Basen-Haushalt über die Verabreichung von Puffersubstanzen in Form von alkalisierendem Natrium-Bicarbonat zu beeinflussen. Natrium-Bicarbonat scheint dabei die Blutbicarbonat-Konzentration direkt oder indirekt über die mit der Supplementation einhergehende erhöhte Natrium- und Chloridausscheidung zu erhöhen und damit die Pufferkapazität des Blutes zu verbessern. Die verbesserte Pufferkapazität des Blutes soll dabei zu einem erhöhten Wasserstoffionen- und Laktatabtransport aus dem Zellinnern führen, den intrazellulären pH stabilisieren (den Blut-pH senken) und damit letztlich die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern [2].
„Bei jedem Brand die Feuerwehr, bei Sodbrand aber Bullrich her.“ Werbeslogan Werbeslogan 1930
Im Rahmen der britischen Untersuchung mussten neun männliche Schwimmprofis unter drei verschiedenen Bedingungen jeweils 200 Meter unter Maximaleinsatz schwimmen: Ohne Einnahme eines Medikamentes, nach Einnahme von 300 Milligramm Natrium-Bicarbonat pro Kilogramm Körpergewicht oder nach Einnahme eines Scheinmedikamentes („Placebo“), jeweils in Gelatinekapseln verpackt, 60-90 Minuten vor der Belastung eingenommen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die mittleren 200 Meter-Schwimmzeiten waren nach Einnahme von Natrium-Bicarbonat um im Mittel 1,5 Sekunden signifikant höher als bei der Kontroll-Belastung oder nach Einnahme des Placebos (1:52,2 ± 4,7; 1:53,7 ± 3,8; 1:54,0 ± 3,6 Minuten:Sekunden; p < 0,05). Die Blutlaboruntersuchungen zeigten zudem: Die Einnahme des Antazidums führte zu einer ebenfalls erhöhten Basenabweichung, zu einem erhöhten pH sowie erhöhten Bicarbonatgehalte im Blut vor Beginn der sportlichen Belastung im Vergleich zu den beiden anderen Durchläufen, jeweils in statistisch signifikantem Umfang (p < 0,05). Insgesamt kommen die Mediziner zum Schluss, dass die Natrium-Bicarbonat-Supplementation die Leistung beim 200 Meter-Freistilschwimmen bei Hochleistungsschwimmern verbessern kann, vermutlich durch eine Blutalkalisierung und damit eine erhöhte Säurepufferungskapazität. Ein Leistungszuwachs um 1,5 Sekunden entsprach bei der Olympiade von Athen dem Unterschied der vier ersten Athleten vom Rest der Mitbewerber, ist also im Sportalltag relevant. Die Autoren sprechen damit klar aus, um was es sich bei Natrium-Bicarbonat - zumindest im Schwimmsport handelt -, nämlich um eine ergogene Substanz, also um einen Wirkstoff, der die sportliche Leistung fördert.
„Nach Kaffee und Kuchen jedenfalls, empfiehlt sich etwas Bullrich Salz.“ Werbeslogan Werbeslogan 1994
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
So veraltet wie die Bullrich-Werbesprüche ist auch der säureneutralisierende Wirkstoff Natrium-Bicarbonat selbst. Nicht zuletzt, weil er viele unangenehme Nebenwirkungen wie Gasbildung, Aufstoßen, Störungen des Elektrolytstoffwechsel, Blutdrucksteigerung, Nervenstörungen, Krämpfe, Herzrhythmusstörungen oder die Bildung von Nierensteinen zur Folge haben kann. Sogar lebensgefährliche Komplikationen sind möglich (das Milch-Alkali-Syndrom) [3]. Es ist eine Katastrophe, dass solche Medikamente immer noch frei verkäuflich angeboten und von unwissenden Konsumenten erworben werden können. Zumal es wirksame Alternativen ohne diese Nebenwirkungen gibt, zum Beispiel auf der Basis von Aluminium-Magnesium-Hydroxid (Maaloxan®). Genauso ist es aber eine Katastrophe, dass im Hochleistungssport sehenden Auges die Risiken solcher Supplemente für die Sportlergesundheit in Kauf genommen werden. Und dass die Doping-Verantwortlichen der Verbände leistungssteigernde Wirkstoffe wie Natrium-Bicarbonat weiterhin nicht der Gruppe der verbotenen Dopingmittel zuordnen.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juli 2008.
- Fotoquelle: photoinsel - Fotolia.com
- Lindh AM, Peyrebrune MC, Ingham SA, Bailey DM, Folland JP: Sodium bicarbonate improves swimming performance. Int J Sports Med. 2008 Jun;29(6):519-23 (Medline).
- Mannhart C: Aktuelle Leistungsförderer im Sport. Sportmedizin und Sporttraumatologie. 2003; 51(1):58-79.
- Öko-Test: Jahrbuch Gesundheit für 2004, Kapitel „Mittel gegen Sodbrennen - Nicht sauer sein“. Öko-Test Verlag GmbH, Frankfurt, 12.1.2004 (Infos, kostenloser Testbericht).