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Anhaltende Refluxbeschwerden nach Terroranschlag

Anhaltende Refluxbeschwerden nach Terroranschlag

Die gesundheitlichen Auswirkungen auf unmittelbar vom Anschlag auf das World Trade Center in New York (11.9.2001) betroffene Menschen werden in einer auf 20 Jahre angelegten medizinischen Langzeitbeobachtung seit 2003 erfasst (WTCHR - World Trade Center Health Registry). Neben akuten Verletzungen oder akuten und chronischen Atemwegserkrankungen („WTC-Husten“) standen und stehen Sodbrennen, Verdauungsstörungen und Refluxkrankheit an erster Stelle der nach der Katastrophe neu aufgetretenen oder verschlimmerten körperlichen Erkrankungen [1].

In die Langzeit-Nachbeobachtung sind über 70.000 Personen eingeschlossen (auch viele Feuerwehrleute oder Anwohner benachbarter Gebäude). Die ersten Datenanalysen sind auf Anschlagopfer begrenzt, die den später zusammengestürzten Gebäude entkommen konnten (bislang 8.418 Menschen im Alter über 18 Jahre erfasst). Ein Großteil dieser Opfer entkam zwar lebend dem Ort des Anschlages, wurde jedoch von der berüchtigten Staubwolke erfasst, die nach dem Zusammensturz der Gebäude große Teile von Manhattan für lange Zeit einhüllte. Die hohe Inzidenz von Atemwegserkrankungen (56,6%), aber auch von Augenproblemen (30,1%), wird hierdurch leicht erklärbar. Die Belastung der Atemwege erreichte ein derartiges Ausmaß, das ein Drittel der Überlebenden auch noch drei Jahre nach der Katastrophe über chronischen Husten und Kehlkopfprobleme klagte, und noch häufiger über Kurzatmigkeit oder chronische Sinusitis. Das Ausmaß der Atemwegsprobleme korreliert signifikant mit der Dauer der Exposition bzw. der Zeit bis zur Evakuierung. Die in Teilen hoch-aggressive, giftige Staub- und Rauchwolke führte auch zu anhaltenden Kopfschmerzen (21%) und Hauterkrankungen (11,4%), die Lärmbelastung wiederum zu Hörschäden (8,1%). Dass mit der Langzeit-Nachbeobachtung insbesondere auch maligne Veränderungen erfasst werden sollen, z. B. Lungenkarzinom infolge Asbest-Exposition, liegt nahe.

Der Anteil neu aufgetreten oder verschlimmerter Beschwerden des oberen Verdauungstraktes, vor allem Sodbrennen, Verdauungsprobleme und Refluxkrankheit, beträgt zusammengenommen rund 23,9 Prozent (2-3 Jahre nach der Katastrophe). Dieser Wert scheint zunächst dem Bevölkerungs-Durchschnitt zu entsprechen. Allerdings liegt die Erkrankungsrate bei Menschen im Alter zwischen 25 bis 44 Jahren niedriger - nahezu 60% der Betroffenen waren zum Zeitpunkt des Anschlages in diesem Alter. Auch die hohe Neuerkrankungsrate („Inzidenz“) der Beschwerden deutet auf einen kausalen Zusammenhang mit den Ereignissen des 11. Septembers hin.

Reflux bei Feuerwehrleuten  Medizinisch bis heute ungeklärt ist die unerwartet hohe Zahl von neu aufgetretener gastroösophagealer Refluxkrankheit bei den tausenden von Feuerwehrleuten, die nach dem Terroranschlag am World Trade Center eingesetzt waren. In einer gesonderten Untersuchung zeigte sich, dass 87 Prozent der Betroffenen über schwere und schwerste Refluxbeschwerden auch noch sechs Monate nach dem Terrorereignis berichteten. Unklar ist jedoch, ob dies alleine Folge einer Inhalationsverletzung durch giftigen Staub, Rauch und Qualm war oder noch weitere Gründe hatte [2]. Beispielsweise durch schweren Husten bedingter häufiger Rückfluss sauren Mageninhaltes oder giftige Inhaltsstoffe der Giftwolke, die zu einer nachhaltigen Schwächung des unteren Speiseröhren-Schließmuskels beitrugen oder die seelische Traumatisierung (posttraumatische Belastungsstörung, PTSD). Auch die umgekehrte Möglichkeit besteht: Eine durch starken Reflux ausgelöste Verschlimmerung von Atemwegserkrankungen wie chronische Bronchitis oder Asthma.

Akute Traumatisierungen, operative Belastungen oder viele andere Formen von massivem Streß können zu einer Schädigung der Schleimhaut von Speiseröhre, Magen oder Zwölffingerdarm beitragen. Dies bedingt wiederum Gewebeschäden („Streß-Ulkus“), Blutungen oder sogar Durchbrüche der Magenwand („Perforation“). Chronische seelische Belastungen nach dem 11. September 2001 drücken sich unter anderem in einer hohen Neuerkrankungsrate von Depressionen, Angsterkrankungen und emotionalen Problemen aus - rund 65 Prozent aller befragten Personen berichten darüber. Zudem berichten knapp 11 Prozent der analysierten Anschlagsopfer auch Jahre später von massiven, anhaltenden Belastungsstörungen. Unter der Annahme eines engen Zusammenhangs von Depressionen und Angsterkrankungen mit dem Auftreten einer Refluxkrankheit (→ Enger Zusammenhang: Angsterkrankung/Depression und Refluxkrankheit /news/200809-Enger-Zusammenhang--Angsterkrankung-Depression-und-Refluxkrankheit.htm) erscheint ein kausaler Zusammenhang mit den Folgen seelischer Traumatisierungen (Ängste, Depressionen, Streßreaktionen usw.) sehr wahrscheinlich. Und es wird deutlich, in welch erheblichem Ausmaß (post-)traumatische Belastungen über Jahre krank machen können. Ein Erlebnis - neben der eigenen Flucht und Evakuierung -, das keines der betroffenen Anschlag-Opfer jemals vergessen kann, war der Anblick der rund 200 Menschen, die in ihrer Not die Türme hinuntersprangen („Jumper“) sowie ihre Schreie und das Geräusch, was bei ihrem Auftreffen auf dem Boden entstand.

Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Auch wenn chronischer Reflux eine häufige Erkrankung ist, auch wenn Reflux im Gesundheitsapparat oft als „alltägliche Banalität“ links liegen gelassen wird, sind Refluxbeschwerden dennoch der Ausdruck eines komplexen, den ganzen Menschen betreffenden Krankheitsgeschehens. Darauf machen auch die medizinischen Folgeuntersuchung bei den Opfern des World Trade Centers aufmerksam. Etliche Studien zeigen zudem, dass chronisches Sodbrennen tief ins Leben eingreift und die Lebensqualität deutlich verschlechtert (→ Lebensqualität bei Refluxkrankheit, → Signifikant verringerte Lebensqualität). Und dies zeigt überdeutlich, dass Sodbrennen und andere Refluxbeschwerden für die meisten Betroffenen eben keine Banalität sind, dass die Betroffenen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen sind und - wie andere chronische Patienten auch - Anspruch auf eine ganzheitliche und wirksame Behandlung haben.



Autor
Quellen
  1. Brackbill RM, Thorpe LE, DiGrande L, Perrin M, Sapp JH 2nd, Wu D, Campolucci S, Walker DJ, Cone J, Pulliam P, Thalji L, Farfel MR, Thomas P: Surveillance for World Trade Center disaster health effects among survivors of collapsed and damaged buildings. MMWR Surveill Summ. 2006 Apr 7;55(2):1-18 (Medline).
  2. Prezant DJ, Weiden M, Banauch GI, McGuinness G, Rom WN, Aldrich TK, Kelly KJ: Cough and bronchial responsiveness in firefighters at the World Trade Center site. N Engl J Med. 2002 Sep 12;347(11):806-15 (Medline).

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