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Antazida - Therapieprinzip mit breitem Wirkspektrum
(Teil 2 von 3)

Der pH-Wert ist nicht alles

Die ausschließliche Bedeutung der Säure für die Entstehung von peptischen Läsionen und Beschwerden wird schon seit langem infrage gestellt. Zum Beispiel kann Sodbrennen bei normaziden Verhältnissen im Ösophagus entstehen (functional heartburn) [18, 19], und im Zusammenhang mit einer Helicobacter pylori-Infektion können bei nur geringer Hyperazidiät erhebliche Magen- oder Zwölffingerdarm- Ulzerationen auftreten [20, 21].

Schon in den 80er-Jahren zeigte der Vergleich von Antazida und H2-Blockern: Therapeutisch äquipotente Dosierungen beider Medikamente verursachen z. B. äußerst unterschiedliche 24- Stunden-Verläufe des intragastralen pH-Wertes: 2.400 mg Cimetidin reduziert die Magenazidität weitaus stärker als 4 Antazidatabletten pro Tag, die nur einen moderaten Einfluss auf den intragastralen pH-Wert haben [22]. Zahlreiche andere Untersuchungen konnten zudem zeigen, dass Al/Mg-Antazida bereits in niedriger Dosierung ausgeprägte ulkusheilende Effekte haben [23- 25]. Solche Befunden lassen vermuten, dass die Säureneutralisation für die Therapie weniger relevant ist als andere Effekte - vor allem von Aluminiumsalzen - auf die Schleimhaut von Speiseröhre, Magen oder Duodenum. Eine Reihe solcher Effekte konnte bislang identifiziert werden, wobei aber längst noch nicht alle wissenschaftlich erschöpfend erklärt werden konnten.

Adsorption toxischer Gallensäuren

Gallensäuren und andere Anteile des hepato-pankreatischen Verdauungssaftes (Bilirubin, Lysolecithin) gelangen durch duodenogastralen Reflux in den Magen [26, 27] und durch duodenogastro- ösophagealen Reflux auch in Speiseröhre, Rachen oder Atemwege [28]. Diese Substanzen sind pathogenetisch relevante Faktoren bei Entzündungen von Magenund Ösophagusmukosa. Sie spielen zudem eine Rolle bei der Entstehung der Refluxösophagitis [29] und des Barrett- Ösophaguskarzinoms [30-32].

Antazida adsorbieren Gallensäuren resp. ihre Salze und Lysolecithin in vitro [33-36] und in vivo [37], wobei der Algeldrat- Anteil besonders relevant [38] und die Bindung bei (therapeutisch erzielbaren) pH-Werten von 2 bis 6 optimal ist [39].

Mukosa- und Zytoprotektion - verschiedene Effekte

Als Mukosaprotektion wird die Fähigkeit verschiedener Substanzen verstanden, die Magenmukosa gegen unterschiedliche Noxen (einschließlich absolutem Ethanol oder Hitze) unabhängig von einer Hemmung der Magensäuresekretion oder ihrer Neutralisation zu schützen [40]. Verschiedene topisch wirkende Arzneimittel (z. B. Prostaglandine, Sucralfat, Bismutsalze) besitzen gastroprotektive Eigenschaften [41-43].

Wirkspektrum aluminium- und magnesiumhydroxidhaltiger Antazida

Auch für Antazida wurde gezeigt, dass sie die Magenschleimhaut vor Läsionen durch unterschiedliche Noxen schützen können (Abb. 3) [44-49]. Die Tatsache, dass sie sowohl säureabhängige (durch ASS, Stress u. a.) als auch säureunabhängige Mukosaläsionen (durch Ethanol u. a.) verhindern können, spricht dagegen, dass ihren säurebindenden Eigenschaften dabei eine größere Bedeutung zukommt. Im Gegenteil: Eine In-vitro-Ansäuerung verstärkt und verlängert sogar die gastroprotektiven Eigenschaften von Al/Mg-Antazida [50, 51]. Weiterhin scheint Magnesiumhydroxid trotz seiner Bedeutung für die Säureneutralisation nur geringe gastroprotektive Wirkungen zu besitzen, während Algeldrat diesbezüglich deutlich wirksamer ist [52].

Auch bei Algeldrat führt die Invitro- Ansäuerung zu einer Verstärkung der gastroprotektiven Eigenschaften [53, 54].

Die Ähnlichkeit der gastroprotektiven Wirkungen der Prostaglandine (PG) mit denen der Antazida lassen gemeinsame Wirkungsmechanismen beider Substanzgruppen vermuten. Dies wird durch Studien unterstützt, in denen nach einer Behandlung mit Al/Mg-Antazida ein signifikanter Anstieg der PGE2-Konzentration im Mageninhalt [55-57] bzw. ein Anstieg der PG-Synthesekapazität der Magenmukosa [58] erfolgte. Außerdem stieg die Sekretion von Hydrogencarbonat durch die gastroduodenale Schleimhaut an [59].

Auch Aluminiumionen wirken zytoprotektiv. Ob dieser Effekt direkt vermittelt ist, wie Untersuchungen an Makrophagen nahe legen, oder indirekt - z. B. über eine Akkumulation von Al- Ionen in den Lysosomen -, ist unklar [60], eine rein mechanische Wirkung scheint jedenfalls ausgeschlossen [61].

Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass an den mukosaprotektiven Effekten von Al/Mg- Antazida noch weitere Mechanismen beteiligt sind; dazu gehört die Steigerung der mukosalen Schleimproduktion [62].

Stickstoffmonoxid (NO) als endogener gefäßaktiver Faktor trägt zur Wirkung der Al/Mg- Antazida bei [63].

Interaktionen mit EGF


Mukosaprotektive Wirkung von Mg/Al-Antazida an der Magenschleimhaut der Ratte. Makroskopische Ansicht 3 Stunden nach intragastraler Applikation von absolutem Ethanol ohne Vorbehandlung (links) bzw. mit Vorbehandlung (rechts): Gabe von 10 ml Maalox 70 mVal (nach A. Tarnawski).

Bei der Behandlung von gastroduodenalen Ulzera können Al/Mg-Antazida die Heilung signifikant beschleunigen [64 - 66]. Sie können auch die Affinität des Wachstumsfaktors EGF (Epithelial Growth Factor), der die lokale Zellproliferation, Angiogenese und Gewebsregeneration stimuliert [67], an den Ulkuskrater verstärken. Hinzu kommt, dass EGF durch die Bindung an Al/Mg-Antazida vor säurebedingtem Abbau geschützt ist, was ebenfalls zur Beschleunigung der Ulkusheilung beiträgt, ohne dass hierdurch die intragastrale Säuresekretion oder Säurekonzentration beeinflusst wird.

Weitere Studien belegen, dass sowohl Omeprazol als auch Al/Mg-Antazida die Ulkusheilung signifikant beschleunigen, dass es aber unter Al/Mg-Antazida zu einer histologisch weitaus besseren Qualität der Ulkusnarbe kommt (was z. B. für die Rezidivneigung relevant sein kann) [68]. Dies könnte darin begründet sein, dass Al/Mg-Antazida - im Gegensatz zu Omeprazol - die Bildung sowohl des EGF als auch seiner Rezeptoren (EGFR) fördern [69].

 

Bosseckert H, Bubenzer RH: Antazida - Therapieprinzip mit breitem Wirkspektrum. Dtsch Apoth Ztg. 2004 Feb 19;144(8): 857-63.
Alle Literaturangaben finden Sie hier.



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