Magenerkrankungen aus Sicht der Psychosomatik
Mal psychosomatisch bedingt, mal wieder nicht...
![]() Arthur Jores |
Allen Ärzten ist schon immer aufgefallen, daß der Magenkranke ein 'nervöser' Mensch ist ... [und] daß die Magenkranken oft schwierige Menschen sind, 'Neurastheniker', leicht verbissen und zu jenen Menschentypen gehörend, von denen man sagt, daß sie alles 'in sich hineinfressen'", formulierte einer der Väter der modernen Psychosomatik, Arthur Jores aus Hamburg, noch in den 50iger Jahren [1]. Damals schien die Welt der wenigen Psychosomatiker hinsichtlich Erkrankungen des oberen Verdauungstraktes noch in Ordnung: Die Wirtschaftswunderjahre brachten einen Typ Mensch mit Ulcus-Persönlichkeit [2] hervor, der besonders anfällig für Magengeschwüre oder Refluxerkrankung mit Sodbrennen war - eben der erfolgreiche Unternehmer oder leitende Angestellte dieser Zeit, so die Botschaft.
![]() Sigmund Freud |
Dass die speziellen Magenbefunde, die Psychosomatiker damals gerne zitierten, vor allem auf Untersuchungen von Magenfistelträgern beruhten (eine Magenfistel ist eine künstliche Verbindung des Magens mit der Bauchdecke oder dem Darm) [2, 3] und nicht den 'normalen' Magenpatienten, wurde nicht besonders berücksichtigt. Zusammen mit den oft äußerst unbefriedigenden therapeutischen Ergebnissen, die psychotherapeutische Maßnahmen bei vielen Magenerkrankungen hatten und haben, kristallisierte sich bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Typbeschreibung des "Ulcus-Kranken" heraus, über den viele Autoren auch heute noch gerne schreiben: Den ehrgeiz-verzehrten, von ständigem Berufsstress geplagten, in seinen Sozialkontakten verkümmerten, seine Familie vernachlässigenden Erfolgsmenschen des spätkapitalistischen Industriezeitalters (oft auch noch starker Raucher und verstärktem Alkoholkonsum nicht abgeneigt). Dieser Menschentypus hatte natürlich überhaupt keine Zeit - so eine der damaligen Deutungen hinsichtlich der oft erfolglos bleibenden Therapie - sich längerdauernden psychotherapeutischen oder jahrzehntewährenden psychoanalytischen Behandlungen zu unterziehen, zumal sie als "Homo mobilis" auch ständig ihren Aufenthaltsort wechselten. Auch Umstellungen der Lebensweise und Ernährung - heute als Lifestyle-Medizin bezeichnet - konnten wegen tiefsitzender Renitenz der Betroffenen hinsichtlich ärztlicher Therapievorschläge nur wenig fruchten, so die Einschätzung vieler Psychosomatiker.
Chirurgen arbeitslos
![]() Theodor Billroth |
Mit einer Erfindung des späteren Nobelpreisträgers Sir James W. Black änderte sich die Welt der Ulcus-Kranken radikal: Sein H2-Blocker Cimetidin verhinderte plötzlich schwere Säureschäden der Schleimhaut von Magen und Zwölffingerdarm (Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni), Magenblutungen und vor allem die gefürchteten, weil lebensgefährlichen Durchbrüche der Magenwand (Ulcus-Perforation). Damit machte er zum einen viele Chirurgen der westlichen Welt arbeitslos - es gab schließlich weder Magenwand-Durchbrüche mehr zu operieren noch bedrohliche Magenblutungen zu stillen. Zum anderen war der schnelle Erfolg der kleinen Tabletten ein Ärgernis sondergleichen für die Psychosomatik der 80er-Jahre: Es brach ein potentiell zahlungskräftiges Patienten-Klientel ('Manager'...) weg und die allmählich zunehmende Akzeptanz der "sprechenden Medizin" im Versorgungssystem Deutschlands wurde bedroht (denn: "Wenn allein ein Medikament so schnell bei einer typisch psychosomatischen Erkrankung hilft, wie sieht es dann bei den anderen Psychosomatosen aus!?"). Trotzdem stellten sich der Freiburger Psychosomatiker Thure von Uexküll und andere - nicht zuletzt angesichts des nun endlich auch von den Körper-Seele-Spezialisten bemerkten Fehlens einer typischen Ulcus-Persönlichkeit - die ehrliche Frage, "ob es sich überhaupt noch lohnt, auf psychosomatische Probleme ... einzugehen, wenn 1. potente Pharmaka zur Verfügung stehen und 2. dieses Krankheitsbild auch zahlenmäßig an Bedeutung verliert" [5]. Die lebenspraktische Antwort der meisten Psychosomatiker lautet seither: Nein.
Wissenschaftliche Ignoranz
![]() James Whyte Black |
Eine ergänzende Antwort dieser Medizinergruppe besteht seither auch aus einer weitgehenden wissenschaftlichen Ignoranz gegenüber den anhaltend relevanten Erkrankungen im oberen Verdauungstrakt. Und dies, obwohl spätestens mit der Hypothese zur überragenden Bedeutung des Keimes Helicobacter pylori das grundlegende Dilemma der Gastroenterologie deutlich wurde - nämlich die weitreichende Unwissenheit hinsichtlich auslösender und chronifizierender Faktoren beim Ulcus und anderen Erkrankungen des oberen Verdauungstraktes. Neue Erkenntnisse zum psychologischen oder sozialen Hintergrund stammen - eher als Nebenbefunde - aus Studien von Gastroenterologen [6], z. B. der sog. RUDER-Studie (= Rezidiv des Ulcus duodeni/Epidemiologie unter Ranitidin). Diese zeigte u. a., dass verstärkter psychischer Stress die Heilungsgeschwindigkeit bei Zwölffingerdarmgeschwür und damit die Rückfallhäufigkeit verschlechtert [7] - ein nicht ganz unerwarteter Befund, besonders nicht für Psychosomatiker...
![]() Thure von Uexküll |
Diesen blieb nach dieser für sie unangenehmen Entwicklung eigentlich nur noch eines: Den Ulcus-Patienten zum Abschluss noch "eingeschränkte Psychotherapie-Motivation" zu bescheinigen [8], womit auch das eigene therapeutische Versagen schlussendlich erklärbar wurde. Der Versuch, mit einem finalen Todesschuss nicht nur die Patienten sondern auch die Gastroenterologen zu verunglimpfen, misslang - trotz knackiger Aussagen wie z. B. "Der Enthusiasmus, mit dem Gastroenterologen die Isolation und Identifikation von H. pylori bei den Erkrankungen des oberen Gastrointestinaltraktes und die Annahme einer kurativen Funktion der Antibiotika begrüßten, ist grenzenlos, um nicht zu sagen 'infektiös'. Jeder kritische Gedanke wurde beiseite gewischt" [9]. Wenn dieser Vorwurf des Reduktionismus auch nicht ganz ungerechtfertigt ist, so ist der Reduktionismus mancher Gastroenterologen wenigstens nicht gepaart mit einer funktional motivierten Diskreditierung von Patienten.
Resümee: Die Gastroenterologie hat - bezogen auf peptische und/oder funktionelle Erkrankungen von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm - innerhalb des letzten Jahrhunderts schon mehrere Paradigmenwechsel erlebt. Neueste Forschungen zeigen, dass dieses Organsystem des Menschen noch nicht einmal ansatzweise seine Geheimnisse preisgegeben hat (siehe z. B. Diskussion zu 'Diabetes mellitus als Magenerkrankung' [10, 11]). Und: Bewährte Therapiekonzepte wie Antazida - deren Wirkspektrum weit über eine alleinige, fast sofort beschwerdelindernde Säureneutralisation hinausgeht - behalten weiterhin ihren wichtigen Platz bei der Behandlung von peptischen Beschwerden wie z. B. Sodbrennen bei der Refluxkrankheit. Und zwar auch dann, wenn dies "nur" medizinisch gerechtfertigt, gesundheitspolitisch aber nicht gewollt ist.
- Auf der Zeitreise begleitete Sie: Rainer H. Bubenzer, Berlin (Fachmedizin-Journalist).
- Jores, A.: Vom kranken Menschen. Stuttgart, 1961.
- Dunbar F.: Mind and Body. Psychosomatic Medicine. New York, 1947.
- Wolf, S., H.G. Wolff: Human gastric funktion. Oxford University Press, New York, 1947.
- Wolf, S.: Psychosocial influences in gastrointestinal function. In: Levi, L.: Society, Stress and Disease. London-New York-Toronto, 1971.
- Schüffel, W., Uexküll, T.: Ulcus duodeni. In: Uexküll, T. (Hrsg.): Psychosomatische Medizin. München-Wien-Baltimore, 1986.
- Freyberger, H., Freyberger, J. H.: Ulcus duodeni. In: Meyer, A.-E., Freyberger H., Kerekjarto M., Liedtke R., Speidel H. (Hrsg.): Jores - Praktische Psychosomatik. Bern-Göttingen-Toronto-Seattle, 1996.
- Holtmann G, Armstrong D, Poppel E, Bauerfeind A, Goebell H, Arnold R, Classen M, Witzel L, Fischer M, Heinisch M, et al.: Influence of stress on the healing and relapse of duodenal ulcers. A prospective, multicenter trial of 2109 patients with recurrent duodenal ulceration treated with ranitidine. RUDER Study Group. Scand J Gastroenterol. 1992 Nov; 27(11): 917-23. (Medline).
- Overbeck, G: Untersuchungen zur Psychosomatik der Ulkuskrankheit - ein kritischer Rückblick. In Overbeck G., Möhlen K., Brähler E. (Hrsg.): Psychosomatik der Ulkuskrankheit. Berlin-Heidelberg, 1980.
- Weiner H.: Immer wieder der Reduktionismus. Psychother Psychosom Med Psychol. 1998 Nov; 48(11): 425-9. Review. German. (Medline).
- Pories WJ, Albrecht RJ: Etiology of type II diabetes mellitus: role of the foregut. World J Surg. 2001 Apr;25(4):527-31. (Medline).
- Rubino F, Gagner M: Potential of surgery for curing type 2 diabetes mellitus. Ann Surg. 2002 Nov;236(5):554-9. (Medline).






