Kindermedizin: Wenn Magensäure Zähne schädigt
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Schwere Schäden an der schützenden Zahnoberfläche und der Zahnsubstanz ("Erosionen") stellen Zahnärzte mittlerweile immer häufiger auch bei Kindern fest. Sowohl die Milchzähne als auch die Dauerzähne sind betroffen, sagt Zahnmediziner Prof. Dr. Adrian Lussi von der Klinik für Zahnerhaltung der Universität Bern/Schweiz [1]. Als Ursache dieser Schäden werden äußere und/oder innere Säure-Einwirkungen verantwortlich gemacht, die jedoch im Unterschied zur Karies (Zahnfäule) nicht bakteriell bedingt sind. Hauptursachen: Neben dem steigenden Konsum saurer Nahrungsmittel und Getränke ist vor allem der Rückfluß von saurem Verdauungssaft vom Magen über die Speiseröhre bis in die Mundhöhle ("gastroösophageale Reflux-Krankheit") für die Entstehung schwerer Zahnerosionen verantwortlich. Häufig wird dieses Grundleiden erst bemerkt, wenn Säureschäden an den Zähnen bereits entstanden sind. Wichtig für die erfolgreiche Behandlung dieser Patienten, so Lussi, ist die Früherkennung der Reflux-Krankheit, die Einleitung zielgerichteter Vorbeuge-Maßnahmen und - wenn nötig - die Durchführung einer angemessenen Behandlung sowohl der Zähne als auch der Reflux-Krankheit und ihrer Ursachen.
Abb. 1 Der Aufbau eines Zahnes. |
Säure von außen Dass äußere und innere Einflüsse ("extrinsische und intrinsische Faktoren") an der Entstehung von Zahn-Erosionen beteiligt sind, ist - wenn auch meist nicht berücksichtigt - schon länger bekannt. Der wichtigste äußere Schadeinfluss ist saure Ernährung, die bei einseitiger Diät zu massiven erosiven Läsionen der Zähne führen kann. Besonders dann, wenn zusätzliche ungünstige Faktoren hinzukommen, z. B. eine verringerte Speichelbildung oder ungenügende Pufferkapazität des Speichels (=verringerte Säurebindungsfähigkeit). Wird dann eine durch Säure angeätzte Schmelz- oder Dentinoberfläche (Dentin = Zahnbein, im freiliegenden Zahnanteil vom Schmelz bedeckt) zusätzlich mechanisch belastet, so ist der Verlust an Zahnsubstanz besonders hoch und schreitet schnell voran. Typische mechanische Belastungen sind z. B. nächtliches Zähneknirschen ("Bruxismus"), Kaufunktions-Störungen, unsachgemäßes, übermäßiges Zähneputzen oder harte Nahrungsmittel, die den Zahnabrieb verstärken. Übermäßiger Konsum von Fruchtsäften, sauren Softdrinks sowie sauren Nahrungsmitteln kann zu Erosionen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern führen. Die wachsende Beliebtheit von Softdrinks, aber auch die Zunahme des Konsums saurer alkoholischer "Designer-Getränke" ("Alcopops") führt bei vielen Jugendlichen zu einer stark erhöhten Säure-Aufnahme, was die Gefahr von Zahn-Erosionen erhöht. Auch eine einseitige, z. B. obstbasierte Ernährung (z. B. als Dauer-Diät zur Gewichtskontrolle) erhöht die Säurebelastung der Zähne über das physiologische Maß hinaus und steigert so das Risiko von Zahnschäden.
Tipp Etwa 42% aller verbrauchten Fruchtsäfte werden von Kinder im Alter zwischen zwei und neun Jahren getrunken. Außer dem häufigen Verbrauch von sauren Getränken und Nahrungsmitteln ist die Art der Einnahme von Wichtigkeit bei der Entstehung von Erosionen. Kinder, die saure Getränke oder Lebensmittel länger im Munde behalten, zeigen häufiger Zahnoberflächen-Schäden als solche, die die Getränke oder Nahrungsmittel sofort hinunterschlucken. Zudem kann das Trinken eines Glases klaren, frischen Wassers nach dem Genuss von Fruchtsaft oder saurem Obst die Säurebelastung der Zähne verringern (natürlich auch bei Erwachsenen). Grundsätzlich gilt: Kindern und Jugendlichen sollte neben Fruchtsäften in mindestens dem gleichen Umfang auch ungesüßte Tees angeboten werden. Das Angebot von Fertigtee-Mischungen ist reichhaltig und bietet für fast jede Geschmacksrichtung genügend Auswahl.
Säure von innen Neben den bekannten Essstörungen Pubertätsmagersucht ("Anorexia nervosa") und Ess-Brechsucht ("Bulimia nervosa"), bei denen es durch Erbrechen zu einer Säurebelastung in der Mundhöhle kommt, ist der gastroösophageale Reflux eine weitere wichtige innere Ursache für die Entstehung von Zahn-Erosionen. Das Krankheitsbild verläuft oft unbemerkt und wird häufig erst beim Auftreten von Schleimhautläsionen in der Speiseröhre ("Refluxösophagitis") oder stärker ausgeprägten Zahn-Erosionen entdeckt. Die Symptome dieser Sekundär-Erkrankungen sind saures Aufstoßen, Magenschmerzen, Brennen oder Stechen in der Brustregion (Sodbrennen), Säuregefühl in der Mundhöhle und gesteigerte Empfindlichkeit der Zähne ("Hypersensibilität"). Meist treten die Refluxphasen nachts auf. Natürlich ist nicht bei allen Refluxpatienten der Reflux so stark, dass der Magensaft die Mundhöhle erreicht. Diese Patienten haben deshalb keine Erosionen. Gastroösophagealer Reflux hat viele verschiedene Ursachen, wie bei Sodbrennen-Welt.de eingehend beschrieben, z. B. eine Funktionsstörung des Verschlussapparates zwischen Magen und Speiseröhre.
Diagnostische Probleme Als krankhaft wird der Reflux bezeichnet, wenn bei mehr als 4% der Refluxphasen die "Sauerkeit"/Säure (=pH-Wert) im unteren Speiseröhrenbereich unter pH 4 liegt. Allerdings: Ist die Säurebelastung der unteren Speiseröhre refluxbedingt hoch, heißt dies noch nicht automatisch, dass auch die Zahnhartsubstanz immer in gleichem Maß betroffen sein muss. Umgekehrt kann bei vielen Patienten mit offensichtlichen säurebedingten Zahnoberflächenschäden - trotz gründlicher Befragung einschließlich der Ernährungsgewohnheiten - keine erkennbare Ursache der Zahnschäden gefunden werden.
Häufigkeit Die genauere zahnärztliche Untersuchung vom Ort des Auftretens der Zahnschäden und ihrer Schwere ergibt hingegen immer wieder Hinweise auf mögliche Ursachen. Schäden durch Erbrechen oder Reflux treten z. B. gehäuft an der zum Gaumen gelegenen Seite der Oberkieferzähne auf. Die Häufigkeit ("Prävalenz"), mit der solche durch innere Säure bedingte Schäden auftreten, ist jedoch bis heute unbekannt. Bei klinischen Studien, die das Auftreten, den Schweregrad und die Ursachen von Erosionen untersuchten, wurden Werte zwischen 20 und 50% ermittelt.
Hinweis Bereits im Babyalter können regelmäßige Säurewirkungen zu Erosionen führen. Es ist bekannt, dass Neugeborene häufig Reflux haben, der mit zunehmendem Alter abnimmt, sodass nach dem ersten Lebensjahr noch etwa 8% der Kinder an saurem Aufstoßen leiden.
Die medizinische Untersuchung und die konsequente Diagnosestellung sind wichtig. Denn: Nicht selten werden so z. B. Bulimiepatientinnen entdeckt, die ihre Krankheit häufig verneinen oder verdrängen und sie auf ärztliche Befragung auch nicht preisgeben. Für diese Patientinnen ist eine psychologische oder psychiatrische Beratung und Therapie nicht nur zur Vorbeugung weiterer Zahnschäden wichtig. Bei Refluxpatienten, denen ihre Krankheit häufig nicht bewusst ist, kann oft eine medikamentöse Therapie (Säure-Neutralisation, vorübergehende Hemmung der Magensaftsekretion), in chronischen Fällen auch ein operativer Eingriff (Antireflux-Operation) weiter helfen. Der Zahnarzt kann also bei der Erfassung des Grundleidens und der Einleitung einer ursächlich wirkenden Therapie sehr bedeutsam sein. Zudem können einfache vorbeugende Maßnahmen wie Hygiene-Schulung, Anregung des Speichelflusses mittels neutralisierender Kaugummis oder Fluorid-Anwendung das Fortschreiten von Zahn-Erosionen verlangsamen.
Tipp Leicht saure Fluoridgele bilden wirksamer als neutrale Fluoridgele eine CaF2-artige Deckschicht, die bei einem Säureangriff die darunter liegende Zahnhartsubstanz zu schützen vermag (fragen Sie Ihren Zahnarzt nach geeigneten Produkten).
- Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion, 2005.
- Lussi A, Jaegg T: Refluxbedingte Erosionen bei Kindern - Anhand von zwei Fallbeispielen wird die Ätiologie, das klinische Erscheinungsbild und Therapiemodalitäten von Erosionen bei Kindern diskutiert. Schweiz Monatsschr Zahnmed. 2004;114(10):1018-30 (Medline).
- Quelle Abbildung 1: Lexikon Zahnmedizin - mit freundl. Genehmigung von IPR Systeme GmbH (www.ipr-systems.com).

