Sodbrennen und Osterfest
Ernährungs-Empfehlungen medizinisch nicht zu rechtfertigen
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„Neben der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit scheint auch die Osterzeit eine Herausforderung für deutsche Mägen zu sein“, stellen Forscher des Wissenschaftlichen Instituts der AOK („WIdO“) bei der Analyse der Verordnungszahlen von säurehemmenden Mitteln fest. Und empfehlen dementsprechend wie die meisten anderen Sodbrennen-„Experten“ ein Maßhalten bei Genußmittel (Zucker, Süßigkeiten, Alkohol) und fettreichen Speisen [1].
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Diese Verzichts-Empfehlungen ausgerechnet zu Ostern auszusprechen, erscheint zwar logisch, entbehrt jedoch jeder wissenschaftlicher Grundlage. Zucker („Glukose“) erhöht weder die Säureproduktion im Magen, noch die Magensaftmenge. Und verschlechtert auch nicht die Verschlußkraft oder Funktion des Schließmuskels zwischen Speiseröhre und Magens (sonst eine der häufigsten Ursachen für Sodbrennen). Im Gegenteil: Viel Zucker - wie beispielsweise in normalen Schokoladen-Ostereiern enthalten - beschleunigt die Entleerung des Magens, was die mögliche Säurebelastung der Speiseröhre und damit die Gefahr von Sodbrennen sogar verringert [2]. Allerdings - und hier haben die Autoren des WIdO wenigstens halbwegs Recht: Fetthaltige Nahrung erhöht das Risiko von Sodbrennen nach dem Essen. Der angegebene Grund jedoch - nämlich das angebliche Absinken der Verschlusskraft des Speiseröhren-Verschlussmuskels durch fettreiche Speisen - stammt aus der Märchenstunde der Ärzteschaft („Bei Sodbrennen sollten sie nur noch fettarm essen...“) [3]. Die Ursache für Sodbrennen nach fetthaltiger Nahrung - zum Beispiel auch nougathaltigen, stark fetthaltigen Ostereiern und natürlich einem reichhaltigen Osterbraten - ist eine ganz andere: Bestimmte Fette in der Nahrung, vor allem Cholesterin, erhöhen vorübergehend die Schmerz-Empfindlichkeit der Speiseröhren-Schleimhaut [4, 5]. Dies führt zu Sodbrennen, wenn die Ösophagus-Schleimhaut mit zurückfließendem Mageninhalt in Kontakt kommt („Reflux“). Hinweis: Solcher Reflux ist bei allen Menschen völlig normal und tritt vielfach täglich auf. Nur bei Menschen mit chronischer Refluxkrankheit ist der Kontakt der Schleimhaut mit Mageninhalt krankhaft verstärkt - sei es durch verstärkten oder verlängerten Rückfluß oder durch eine verringerte „Selbstreinigung“ der Speiseröhre bedingt.
Arzneimittel bei Sodbrennen Obwohl Sodbrennen und Refluxkrankheit zu den häufigsten Beschwerden der Bundesbürger gehört (ca. 40%), gibt es kaum einen Erkrankungsbereich, für den unser „Gesundheits“-System so wenig Geld ausgibt. Nach Auswertung des Statistischen Bundesamt betrug der Anteil 2002 gerade einmal 1,3%. Seit 2004 dürfen säureneutralisierende Antazida nicht mehr von Kassen bezahlt werden. Allerdings haben sich seither die Kosten verschoben: Immer häufiger verordnen Ärzte höchstwirksame und nebenwirkungsreichere Arzneimittel („Protonen-Pumpen-Inhibitoren“, PPI) - unzulässigerweise - auch bei Sodbrennen oder Reflux ohne Speiseröhren-Schaden. Und die Autoren der AOK unterstützen dies, indem sie sich vor der Aussage scheuen, dass diese Therapie nicht nur eine Übertherapie ist („mit Kanonen auf Spatzen schießen“), sondern auch arzneimittelrechtlich nicht gedeckt ist. Zu den klassischerweise bei Sodbrennen eingesetzten säureneutralisierenden Antazida wie zum Beispiel Maaloxan® schreiben die Autoren zusammengefasst nur, dass es diese Mittel gibt und sie nicht von Kassen bezahlt werden. Dies ist eine beunruhigende Philosophie: Antazida brauchten wegen geringer oder fehlender Nebenwirkungen schon lange kein ärztliches Rezept mehr und werden seit 2004 genau deshalb nicht mehr von den Kassen bezahlt. Und nun werden sie nicht einmal mehr in Patientenratgebern der AOK oder Fachabhandlungen der Ärzteschaft als wirksame Therapie-Möglichkeit erwähnt! Manchmal ist wirklich fraglich, wessen Interessen Krankenkassen oder Ärzteschaft überhaupt vertreten...
Alkohol hat, auch hier liegen die WIdO-Autoren falsch, ist ebenfalls nicht ursächlich an der Entstehung von verstärktem Reflux oder Sodbrennen beteiligt [6]. Allerdings kann Alkohol Beschwerden einer refluxbedingten Speiseröhren-Entzündung verstärken, und zum Beispiel Schmerzen oder Sodbrennen auslösen. Sehr große Alkoholmengen (Alkoholkrankheit) können solche Schäden auch selbst hervorrufen, was aber weder bei festlichem Alkoholkonsum und schon gar nicht bei alkoholhaltigen Ostereiern der Fall ist. Ob Schokolade als Hauptbestandteil aller industriell gefertigten Osterschlemmereien wirklich Sodbrennen auslösen kann, ist immer noch ungeklärt. Zwar gibt es seither immer wieder abgeschriebene Behauptungen dieser Art [7]. Welche Bestandteile von Schokolade jedoch verantwortlich sind und ob überhaupt, bleibt unklar. Möglich ist, dass der hohe Fettgehalt, wie oben dargestellt, bei manchen Refluxpatienten die Säureempfindlichkeit erhöht.
Zusammenfassung: Auch wenn Ärzte uns gerne alle lustvollen Bestandteile bei dem wichtigsten Fest der Christenheit als reflux- und sodbrennenfördernd verbieten möchten, bleibt bei näherer Betrachtung kein stichhaltiges Argument für den Verzicht auf Ostereier, Osterlammbraten oder andere Leckereien übrig. Die Empfehlung von Sodbrennen-Welt.de lautet deshalb: Genießen Sie dieses Fest und verzichten nur auf jene Bestandteile, die bei Ihnen persönlich Sodbrennen auslösen oder verstärken. Zwackt dennoch mal die Säure, hilft schnell und zuverlässig ein erprobtes Antazidum.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Ostern 2007.
- Günther J, Nink K, Schröder H, Zawinell A: Was tun bei Sodbrennen? Säurebedingte Magen-Darm-Erkrankungen. Welche Mittel werden verordnet? - Bewertung der Arzneimittel - Nicht-medikamentöse Maßnahmen. Wissenschaftliches Institut der AOK, Bonn, 2006 (Volltext).
- Beckoff K, MacIntosh CG, Chapman IM, Wishart JM, Morris HA, Horowitz M, Jones KL: Effects of glucose supplementation on gastric emptying, blood glucose homeostasis, and appetite in the elderly. Am J Physiol Regul Integr Comp Physiol. 2001 Feb;280(2):R570-6 (Medline).
- Pehl C, Pfeiffer A, Waizenhoefer A, Wendl B, Schepp W: Effect of caloric density of a meal on lower oesophageal sphincter motility and gastro-oesophageal reflux in healthy subjects. Aliment Pharmacol Ther. 2001 Feb;15(2):233-9 (Medline).
- Mangano M, Colombo P, Bianchi PA, Penagini R: Fat and esophageal sensitivity to acid. Dig Dis Sci. 2002 Mar;47(3):657-60 (Medline).
- Shapiro M, Green C, Bautista JM, Dekel R, Risner-Adler S, Whitacre R, Graver E, Fass R: Assessment of dietary nutrients that influence perception of intra-oesophageal acid reflux events in patients with gastro-oesophageal reflux disease. Aliment Pharmacol Ther. 2007 Jan 1;25(1):93-101 (Medline).
- Nilsson M, Johnsen R, Ye W, Hveem K, Lagergren J: Lifestyle related risk factors in the aetiology of gastro-oesophageal reflux. Gut. 2004 Dec;53(12):1730-5 (Medline, Volltext).
- Murphy DW, Castell DO: Chocolate and heartburn: evidence of increased esophageal acid exposure after chocolate ingestion. Am J Gastroenterol. 1988 Jun;83(6):633-6 (Medline).



