Die „Wahrheit“ über die Refluxkrankheit
Eminenzbasierte Medizin |
„Wahrheiten“ über eine Erkrankung wie der Refluxkrankheit zusammenzustellen, ist nicht leicht. Besonders, wenn diese dabei helfen sollen, dass es betroffenen Patienten besser geht. Deshalb gibt es immer wieder sogenannte „Konsensus-Konferenzen“, in denen Experten eines Faches das vorhandene Wissen zusammenzufassen. Dabei wird dann über „Evidenz“ geredet (siehe Kasten Evidenzklassen-System). Wenn jedoch nicht die „nackte Wahrheit“ im Vordergrund, sondern bestimmte Industrie-Interessen, dann dominiert nicht mehr die wissenschaftliche Evidenz. Sondern die Meinung von Experten, was ironisch auch als „eminenzbasierte Wissenschaft“ bezeichnet wird.
Das Evidenzklassen-System dient dazu, die Beweiskraft einer Studie einzuschätzen. Danach haben systematische Reviews auf der Basis mehrerer hochwertiger kontrollierter randomisierter Studien (Stufe Ia) die höchste Beweiskraft. Es folgen Evidenz aufgrund von mindestens einer randomisierten, kontrollierten Studie (Stufe Ib) sowie Evidenz aufgrund von mindestens einer kontrollierten, jedoch nicht randomisierten Studie (Stufe IIa). Am unteren Ende der Skala rangieren Meinungen und Überzeugungen von angesehenen Autoritäten, Expertenkommissionen und beschreibende Studien (Stufe IV).
Ob die im folgenden vorgestellten Ergebnisse einer „Evidenz“-basierten Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten zum Thema „Gastroösophageale Refluxkrankheit“ eher evidenz- oder eminenzbasiert sind, sei dahingestellt [1]. Zahlreiche Aussagen erscheinen jedoch eher von festsitzenden Vorurteilen solcher Ärzte bestimmt, die den ganzen Tag nur Magen-Darm-Erkrankungen vor Augen haben als von der lebendigen Wirklichkeit von Refluxpatienten mit ihren vielfältigen Beschwerden. Die in den jeweiligen Konsensfindungen zu bestimmten Reflux-„Wahrheiten“ gemachten „Empfehlungsangaben“ A bis C sind in der folgenden Tabelle erklärt.
| Einteilung von Empfehlungsklassen nach der Ärztlichen Zentralstelle für Qualitätssicherung | |
|---|---|
| A | ist belegt durch schlüssige Literatur guter Qualität, die mindestens eine randomisierte Studie enthält („Evidenz“grade Ia, Ib). |
| B | ist belegt durch gut durchgeführte, nicht randomisierte klinische Studien („Evidenz“grade IIa, IIb, III). |
| C | ist belegt durch Berichte und Meinungen von Expertenkreisen und/oder klinischer Erfahrung anerkannter Autoritäten. Weist auf das Fehlen direkt anwendbarer klinischer Studien guter Qualität hin („Evidenz“grad IV). |
Bereits zwei Schwerpunkte in der folgenden Einleitung der Experten der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGSV) in dem Konsensuspapier zeigen eine thematische Schlagseite. Nämlich die Überbetonung angeblicher Krebsgefahren durch Sodbrennen (Speiseröhrenkrebs extrem selten, Krebs-Screening überflüssig) und die exzessive Überverordnung von Säureblockern, die ja gerade durch viele der „Experten“ erst ausgelöst worden ist (Zunahme von PPI-Rezepten nicht durch Ärzte-Aufklärung zu stoppen ).
Gastroösophageale Refluxkrankheit
Ergebnisse einer „Evidenz“-basierten Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten [1]
Einführung
Die gastroösophageale Refluxkrankheit ist eine häufige Erkrankung in den Industrieländern der westlichen Welt. Die Prävalenz liegt bei 10 % der Bevölkerung, wenn mehrmals wöchentliche oder tägliche Refluxsymptome zugrunde gelegt werden. Die Erkrankung wird nicht nur zunehmend häufiger diagnostiziert (weil die betroffenen Patienten häufiger den Arzt aufsuchen), sondern es scheint, dass die Inzidenz ebenfalls zunimmt. Darüber hinaus hat sich das Spektrum der Refluxkrankheit in den letzten Jahren erweitert, so durch Beziehungen zu Symptomen des Respirationstraktes (so genannte extraösophageale Manifestationen). Parallel zur Zunahme der Refluxkrankheit wird auch eine mögliche, wenn auch seltene Folgekrankheit, nämlich das Adenokarzinom des distalen Ösophagus im Gefolge der Ausbildung eines Barrett-Ösophagus, in rasch wachsender Zahl beobachtet.
Aufgrund ihrer Häufigkeit führt die Erkrankung zu einer erheblichen Inanspruchnahme von Ressourcen im Gesundheitswesen. Diese betreffen nicht nur die finanziellen Aufwendungen für Arztbesuch und Diagnostik, sondern insbesondere für Medikamente in der Langzeittherapie bzw. für Antirefluxoperationen. So wurden allein 2001 in der gesetzlichen Krankenversicherung für die Protonenpumpenblocker Esomeprazol, Omeprazol und Pantoprazol rund 230 Millionen € aufgewendet (WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK, 2002). Verlässliche Angaben über die Gesamtausgaben für Refluxkranke in Deutschland existieren nicht. Noch weniger transparent sind die indirekten Kosten, die durch Arbeits- und damit Produktivitätsausfall aufgrund von Refluxbeschwerden entstehen. Interviewbasierte Daten zeigten bei Patienten mit symptomatischem gastroösophagealen Reflux einen Arbeitsausfall in rund 10 %. In Niedersachsen sind im Jahr 2001 aufgrund von statistischen Auswertungen der örtlichen Kassenärztlichen Vereinigung und der gesetzlichen Krankenversicherungen an ca. 160 000 Tagen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aufgrund von Erkrankungen mit den ICD-Nummern K21.0 (Refluxösophagitis), K21.9 (Refluxkrankheit ohne Ösophagitis) und K22.1 (Ösophagusulkus) ausgestellt worden (H. Jablonowski, pers. Mitteilung). Dies weist auf die beträchtlichen ökonomischen Aspekte der Refluxkrankheit hin. Vor diesem Hintergrund erschien die Etablierung einer „Evidenz“-basierten Leitlinie für Deutschland dringend geboten.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Dezember 2010.
- Koop H, Schepp W, Müller-Lissner S, Madisch A, Micklefield G, Messmann H, Fuchs KH, Hotz J: Gastroösophageale Refluxkrankheit -- Ergebnisse einer evidenzbasierten Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Z Gastroenterol. 2005 Feb;43(2):163-4.
- Bildquelle: Hermann Otto Hoyer: Ferdinand Sauerbruch bei der Operation, 1922 (Öl auf Leinwand; heute in der Chirurgischen Klinik, Charité - Berliner Universitätsmedizin.

