Der Magenkranke
Einleitung
aus: Jores, A.: Vom kranken Menschen - Ein Lehrbuch für Ärzte [*]
Paul Signac, Frischer Wind bei Saint-Briac, 1885 |
Die Zahl der Patienten, die mit Klagen über Oberbauchbeschwerden, oft im Zusammenhang mit dem Essen, zum Arzt kommen, ist im Zunehmen begriffen. Statistiken aus der Schweiz und aus Dänemark zeigen, daß die Zahl der Ulkusträger sich seit 1940 etwa verdoppelt hat. Gleichzeitig vollzieht sich eine Verschiebung der höchsten Frequenz von den jüngeren Altersklassen zu den 40- bis 5Ojährigen. Das Verhältnis Männer zu Frauen beträgt 4 : 1. Vor 1900 überwogen die Frauen, etwa mit der Jahrhundertwende erfolgt die Verschiebung zu den Männern. Auf die möglichen Faktoren, die hier eine Rolle spielen können, soll später noch eingegangen werden.
Die Art der geklagten Beschwerden läßt meist keinen Rückschluß zu, ob es sich nur um eine funktionelle Störung ohne organischen Befund, eine Hyper- oder Hypoazidität, eine Gastritis oder ein Ulkus handelt. Bei der großen Häufigkeit der Magenkranken haben sich von jeher die Ärzte und Wissenschaftler für dieses Krankheitsbild interessiert, und es gibt insbesondere über das Ulkusleiden eine Literatur, die kaum noch zu übersehen ist. Die Zeiten, in denen man die Erkrankung als eine lokale Erkrankung des Magens ansprach, sind vorbei. Es besteht heute völlige Einigkeit darüber, daß es ein Allgemeinleiden ist und der Magen nur den Hauptlokalisationsort der Erkrankung darstellt. Wieso es zu jenem merkwürdigen lokalisierten kreisrunden Defekt in der Magenschleimhaut kommt, hat die Wissenschaftler und Experimentatoren auch schon seit Jahrzehnten beschäftigt, und es wurde eine große Zahl von Tierversuchen durchgeführt, um dieser Pathogenese auf die Spur zu kommen. Aber auch hierüber läßt sich leider noch nichts Abschließendes aussagen. Noch heute stehen sich mancherlei Ansichten z.T. recht scharf und feindlich gegenüber. Aber allen Ärzten ist schon immer aufgefallen, daß der Magenkranke ein "nervöser" Mensch ist und daß sich vor allen Dingen deutliche Zeichen einer Übererregbarkeit seines vegetativen Nervensystems nachweisen lassen, und zwar scheint es so, als ob es in erster Linie der parasympathische Anteil sei, der sich unter einem vermehrten Tonus befindet. Die Hypermotilität wie die übermäßige Säuresekretion, die den Magenkranken weitgehend charakterisieren, sind Funktionssteigerungen, die einem Einfluß des Vagus zuzuschreiben sind. Weiter war schon immer aufgefallen, daß die Magenkranken oft schwierige Menschen sind, "Neurastheniker", leicht verbissen und zu jenen Menschentypen gehörend, von denen man sagt, daß sie alles "in sich hineinfressen". Der Einfluß nervös-psychischer Faktoren auf die Funktion des Magens ist heute somit nicht mehr strittig, er ist nicht nur durch die eben genannten Beobachtungen gesichert, sondern auch noch weiter durch eine Fülle von Experimenten, vor allem auch solchen in Hypnose erwiesen. Aus der neueren Literatur sei hier die schöne Studie von Wolf und Wolff [1] erwähnt, die bei einem Menschen mit Magenfistel die Abhängigkeit der Säurebildung und der Durchblutung der Magenschleimhaut von den Stimmungsschwankungen des betreffenden Trägers über viele Monate hin sorgfältig registriert haben. Von diesen Beziehungen zwischen Psyche und Magen haben die Menschen zweifellos schon immer etwas gewußt, wie sich insbesondere aus den vielen Redensarten unserer Sprache ergibt, z. B. es hat mir den Appetit verschlagen, der Magen knurrt vor Hunger, dieses oder jenes liegt mir wie ein Stein im Magen, oder dieses oder jenes ist schwer zu verdauen. Die Tatsache daß der Mensch wirklich auf bestimmte Affekte des Ärgers "sauer reagiert", ist experimentell in den Beobachtungen von Wolf und Wolff erwiesen worden. In diesen Versuchen handelt es sich aber um offen erlebtes affektives Geschehen während in der Pathopsychologie das nicht Erlebte, das Unterdrückte das Entscheidende ist. Diesen Verhältnissen kommen die Untersuchungen von Mirsky [2] und Mitarbeitern sehr viel näher, die fanden, daß die Uropepsinausscheidung im Harn ein zuverlässiger Maßstab für die Säureproduktion des Magens ist. Sie konnten die Säurebildung über lange Zeiträume bei Normalpersonen wie bei Ulkusträgern verfolgen. So wurde festgestellt, daß offener Ärger und erlebte Versagungen wie manche andere Emotionen ohne Einfluß blieben. Eine Vermehrung der Sekretion wurde aber gefunden, sobald es sich um nicht erlebte oral rezeptive wie aggressive Regungen handelte. Drei normale Versuchspersonen zeigten einen deutlichen Anstieg der Pepsinogenausscheidung im Harn, als sie erfuhren, daß ihre Frauen ein Kind erwarteten. Die Geburt eines Kindes bedeutet für den Mann Gefährdung eigener Liebes- und Abhängigkeitswünsche und mobilisiert gewisse aggressive Affekte. Das entspricht in etwa der psychologischen Situation des Ulkuskranken. Auch die Ehemänner dieser drei Frauen haben von diesen Regungen nichts gespürt, weil solche Regungen ja nicht sein dürfen. Wichtig ist die Feststellung, daß unter diesen Bedingungen die Säureproduktion des Magens ansteigt.
Claude Monet, Klippen von Petites-Dalles, 1880 |
Die Suche nach den wirklichen ätiologischen Faktoren der Magenerkrankungen ist bis heute negativ verlaufen. Sicher ist es jedenfalls, daß äußere Faktoren, die in der Art der Nahrungsaufnahme, in der Art der Speisen, in der Zubereitung der Speisen gelegen sind, ebensowenig die Ursache darstellen wie die hier so oft angeschuldigten Genußgifte: Tabak, Alkohol, Koffein, falls sie nicht in einem wirklich extremen Ausmaße gebraucht werden. Vermehrter Alkoholkonsum und starkes Rauchen finden sich unter den Ulkusträgern gehäuft. Es wäre aber sicher falsch, wie es immer wieder geschieht, hieraus zu schließen, daß Alkohol und Rauchen ein Ulkus bewirkten. Die Ulkusträger sind Menschen, die unter erhöhten Spannungen stehen; Alkohol und Rauchen sind Möglichkeiten der Entlastung. Ulkusleiden und Süchtigkeit wachsen also auf demselben Boden. Daß der Alkoholkonsum ebenso wie das Rauchen ihrerseits auch den Magen wieder schädigen, soll nicht bestritten werden. Es ist das besondere Verdienst von Glatzel [3] in einer systematischen Untersuchung mit statistischen Methoden die Irrelevanz all der genannten Faktoren aufgewiesen zu haben. Die untergeordnete Bedeutung der Lebensweise des Menschen für die Genese des Ulkus wurde besonders deutlich in zwei Weltkriegen, wo bei allen kämpfenden Truppen übereinstimmend die Beobachtung gemacht wurde, daß die Magenkranken an der Front trotz der körperlichen Strapazen, dem Ausgesetztsein gegenüber der Witterung, dem unregelmäßigen Essen, einer Kost, die alles andere war als eine Magenschonkost, und den erheblichen unmittelbaren seelischen Belastungen, beschwerdefrei waren. Erst wenn sie aus der Front herausgenommen wurden, in der Heimat oder in der Etappe Verwendung fanden, stellten sich die Magenbeschwerden wieder ein.
Die Magenerkrankungen gehören in die Gruppe der spezifisch menschlichen Erkrankungen, sie sind beim Tier unbekannt. Dies sei ausdrücklich betont, auch im Hinblick auf eine Mitteilung von Konjetzny [4] über das Auftreten von Ulkusbildungen bei jungen Kälbern, die zu früh Rauhfutter erhalten haben. Hier handelte es sich also eindeutig um eine ernährungsabhängige Erkrankung, was für die menschliche Ulkuskrankheit, wie wir sahen, ja gerade nicht zutrifft. Die Magenerkrankungen sind weiter eine ausgesprochene Zivilisationskrankheit, die bei primitiven Völkern nicht beobachtet wird. Auch hier hat man immer wieder in einseitiger Kurzschlüssigkeit nur die Ernährung dafür verantwortlich gemacht und ganz übersehen, welch eine Fülle von anderen Faktoren "Zivilisation" noch bedingt.
James Abbott McNeill Whistler, Die Küste der Bretagne, 1861 |
Die einzige ätiologische Aussage, die die heutige Medizin machen kann, ist die Feststellung, daß es für diese Erkrankung den sog. Anlagefaktor gibt und eine bestimmte Konstitution maßgebend ist. Magenkranke finden sich gehäuft in bestimmten Familien. Zwillingsuntersuchungen, die bisher nur in geringem Umfange vorliegen, sprechen gegen einen Erbfaktor. Magenkranke gehören überwiegend dem leptosomen Typ an (Wretmark [5]). Auch wenn man diese Feststellung als solche akzeptiert - sie ist von manchen Autoren bezweifelt worden -, so erheben sich immer wieder zwei Fragen: Was ist in dieser Konstitution Gen-, was umweltbedingt. Mit der Feststellung dieser Anlage ist nichts ausgesagt über die zweifellos vorhandenen Faktoren, die diese Anlage zur Manifestation bringen. Wir dürfen also feststellen, daß die Magenerkrankungen in die Gruppe derjenigen Erkrankungen gehören, über deren Ätiologie die heutige Medizin noch keine Aussagen machen kann.
Viele Kliniker haben den psychischen Faktoren Bedeutung für das Krankheitsgeschehen eingeräumt. So sprach Ewald bereits im Jahre 1884 von einer Neurasthenie, deren Teilsymptom die Funktionsstörungen am Magen seien, und v. Bergmann sprach sich, wie später noch viele andere, für die Möglichkeit des Überganges zunächst rein funktioneller Störungen zu organischen Veränderungen aus. Bleiben diese Feststellungen noch im allgemeinen, so hat erst die psychotherapeutische Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt, daß die Funktion des Magens eine enge Koppelung an all das aufweist, was mit dem Erwerb und der Einverleibung des Besitzes im Zusammenhang steht, aus Gründen, die in der frühen Kindheit gelegen sind. Dieser ganze Komplex wird daher von den Psychotherapeuten mit dem Wort "oral" bezeichnet, wobei noch zu unterscheiden wäre zwischen den oral passiven und oral aggressiven Tendenzen. Unter dem ersteren ist ein passiver Wunsch nach Nahrung = Liebe gemeint, und unter letzterem ein aktiver Wunsch, sich zu wehren und Nahrung = Besitz sich einzuverleiben, Daß sich eine Störung auf diesem wichtigen Gebiet menschlichen Entfaltungsstrebens nun in der Tat bei den Magenkranken mit einer nicht zu übersehenden Häufung findet, darauf soll weiter unten eingegangen werden.
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