Der Magenkranke
Der Befund
Pierre-Auguste Renoir, Ufer der Seine bei Champrosay, 1876 |
Magenkranke sind eigentlich nie korpulent, sondern gehören immer dem leptosomen Habitus an. In ihrem äußeren Erscheinungsbild sind sie gekennzeichnet durch einen verdrießlichen Gesichtsausdruck, fest zusammengekniffene Lippen und stark gezeichnete Nasolabialfalten. Sie machen gewöhnlich einen kranken Eindruck. Die Gesichtsfarbe ist blaß, obwohl keineswegs immer gleichzeitig eine Anämie vorhanden zu sein braucht. Ich habe den Eindruck, als wenn nur der zur Blutung neigende Magenkranke von diesem Typ etwas abweicht, ein frischeres Aussehen - selbstverständlich, wenn nicht gerade eine Blutung stattgefunden hat - aufweist und auch mehr zum pyknischen Habitus gehört. Die Untersuchung ergibt meist eine etwas belegte Zunge und einen Druckschmerz im Oberbauch, der gewöhnlich mehr links als rechts und oberhalb des Nabels lokalisiert wird. Im übrigen ist nichts Wesentliches zu finden, außer daß das Körpergewicht unter der Norm liegt, aber keineswegs erheblich. Der Arzt steht nunmehr vor der Frage, welche weiteren Untersuchungen er noch durchführen soll. Das wird man von Fall zu Fall entscheiden, insbesondere die Röntgenuntersuchung, die natürlich allein in der Lage ist, den objektiven anatomischen Befund zu ermitteln. Sicher wird es ratsam sein, diese Untersuchung durchzuführen, wenn eine längere Anamnese vorliegt und man bis dahin noch keine Röntgenuntersuchung gemacht hat. Unbedingt indiziert ist die Röntgenuntersuchung bei dem Symptom des Erbrechens, bei besonders starken subjektiven Beschwerden und bei stärkerer Gewichtsabnahme insbesondere älterer Patienten. Ist aber durch frühere Untersuchungen ein Ulkus schon bekannt, so scheint bei den erneut auftretenden Beschwerden eine wiederholte Röntgenuntersuchung nicht so wesentlich. Die nur röntgenologisch zu stellende Differentialdiagnose zwischen nur nervösen Magenbeschwerden, einer Gastritis oder einem Ulkus ist vom Gesichtspunkt der Therapie aus betrachtet unerheblich. Sie läßt sich aus dem Beschwerdebild nicht mit Sicherheit stellen, wenn auch der Nüchternschmerz einen recht zuverlässigen Hinweis für ein Ulcus duodeni darstellt. Zwischen den drei genannten Diagnosen bestehen fließende Übergänge. Sicher werden heute sehr viel mehr Röntgenuntersuchungen durchgeführt, als wirklich notwendig sind. Man sollte aber nie versäumen, bei einem Magenkranken einen Blick auf die Schleimhäute zu werfen und sich durch eine Bestimmung von Hb und Ery, wie evtl. durch eine Untersuchung des Stuhles auf okkultes Blut, davon zu überzeugen, ob eine Sickerblutung vorliegt oder nicht. Bei bestehender Sickerblutung ist wegen der Möglichkeit eines Karzinoms eine Röntgenuntersuchung immer erforderlich. Eine weitere Untersuchung, die meist bei unseren Magenkranken durchgeführt wird, ist die Bestimmung der Azidität des Magensaftes. Ich halte sie für nicht so wesentlich, einmal deswegen, weil es sich um eine Stichprobe handelt, die nicht verallgemeinert werden kann, zum andern deswegen, weil es mit den zur Verfügung stehenden Präparaten doch jeweils nur für sehr beschränkte Zeit gelingt, die Aziditätsverhältnisse zu beeinflussen. Sicher spielt die meist ja erhöhte Azidität der Magenkranken bei der Entstehung des Ulkus eine Rolle. Aber es ist ein Epiphänomen, das nur durch die Behandlung des Grundleidens beeinflußt werden kann. Hier gibt es eigentlich nur die Indikation, die auf Seiten des Patienten liegt, der den Wunsch nach einer wirklich "gründlichen" Untersuchung hat und beruhigt ist, wenn er weiß, ob er zu viel oder zu wenig Magensäure bildet.
Alfred Sisley, Der Pfad entlang des Ufer von Saint Mammes, 1881 |
Zwei Dinge sind es, die für den Ulkuskranken eine unmittelbare Gefahr bedeuten können: die Perforation und die Blutung. Beide pflegen nicht selten plötzlich und unvermittelt - mitunter sogar als erste Manifestation der Krankheit - einzusetzen. Beides geht mit einem Kollaps einher. Die Perforation führt zu jener bekannten Abwehrspannung im Oberbauch, die Blutung zu Melaena und Teerstuhl und nachfolgender Anämie. Die Perforation bedarf chirurgischer Behandlung, die Blutung nicht. Sie läßt sich immer, evtl. durch Transfusionen, beherrschen. Es zeigt sich aber, daß Ulkuskranke, die bluten, zu Rezidiven dieser Blutungen neigen, so daß dann doch im beschwerdefreien Intervall eine Operation nötig werden kann. Bemerkenswert ist, daß sowohl Blutung wie Perforation nur bei einem kleinen Kreis der Ulkusträger auftritt und keine Beziehungen aufweisen zu Größe oder Tiefe des geschwürigen Prozesses. Es müssen hier besondere, noch unbekannte Bedingungen vorliegen. Auch von psychologischer Seite her ist es aufgefallen, daß diese Ulkuskranken anders wirken, aber es bestehen in dieser Hinsicht noch keine exakten Untersuchungen.
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