Der Magenkranke
Die somatische Behandlung
Claude Monet, Die Seine bei Argenteuil, 1875 |
Alle Magenkranken, die zu uns kommen, haben schon selbst sich mehr oder weniger eine Diät aufgebaut und erwarten von uns Richtlinien für diese Kost. Die Tatsache, daß es die heterogensten Diätvorschriften für Ulkuskranke gibt, deutet darauf hin, daß eine feststehende Kost nicht existiert und daß es auch auf die Einzelheiten nicht so wesentlich ankommt. Die Beobachtung der unmittelbaren Nachkriegszeit, wo Milch und Eier, die ja meist den größten Raum in der Ulkuskost beanspruchen, völlig fehlten und unsere Ulkuskranken sogar mit Steckrüben wieder beschwerdefrei wurden, wenn diese nur püriert waren, spricht dafür, daß anscheinend die Breiform die Hauptsache ist. So hat ja auch Meulengracht sogar bei blutendem Ulkus Normalkost, nur in Breiform, mit Erfolg gegeben. Eine vergleichende Untersuchung einer Gruppe von Ulkuskranken mit Diätkost und Normalkost ergab keinen Unterschied (v. Ondarza und Glatzel [17]). Auch Voegt [18] berichtet über vergleichende Ulkustherapie bei 4 Gruppen mit Variation in bezug auf Kost, Bettruhe und Medikamente (Progynon) bei Soldaten, ohne einen Unterschied finden zu können. Man baue also eine Diät auf, die sich, ohne daß der Patient dies merkt, weitgehend nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen des Patienten richtet. Genauso verhalte man sich mit Nikotin und Alkohol. Die schädlichen Einflüsse des Rauchens auf die Magenerkrankung werden sicherlich überschätzt. Allein man muß hier einmal sehen, daß das Rauchen nur der Ausdruck der inneren Gespanntheit und der inneren Unruhe des Kranken bedeutet. Durch Trink- und Rauchverbot ist sicher noch kein Ulkuskranker gesund geworden. Beides stellen Möglichkeiten für eine, wenn auch nur vorübergehende Entspannung dar. Die Frage, ob ein Ulkuskranker rauchen soll oder nicht, stelle ich daher immer in die Entscheidung des Patienten selbst und mache es von seinen eigenen Beobachtungen abhängig.
Die Liste der Medikamente und Behandlungsmethoden, die für die Magenkranke empfohlen worden sind, scheint unerschöpflich. In den letzten 10 Jahren wurden allein 315 verschiedene Medikamente und Behandlungsmethoden in der Literatur angegeben (Jores und Droste [19]). Daß viele dieser Maßnahmen wahrscheinlich nicht spezifisch sondern nur magisch wirken, wird durch einige Placebo-Versuche erhärtet. Selbstverständlich müssen wir unseren Patienten medikamentöse Verordnungen geben, man wähle aber einfache und nicht zu kostspielige Präparate. Eine Dämpfung des vegetativen Nervensystems mit den bewährten Präparaten vom Typ des Bellergals bzw. Belladenals ist sicherlich immer anzuraten und häufig sehr wirksam gegen die subjektiven Beschwerden.
Pierre-August Renoir, Ein Frühstück in Bougival, 1880/1881 |
Die Ulkuskur, und zwar nicht so sehr zu Hause als wie im Krankenhaus durchgeführt, hat sich immer wieder bewährt und beseitigt in einem hohen Prozentsatz innerhalb von 3 bis 4 Wochen die Beschwerden und bessert auch den objektiven Befund. Sie ist nur nicht in der Lage, den Rezidiven vorzubeugen. Das ist verständlich, da sie ja keine kausale Therapie darstellt. Die recht erfreuliche Erfolgsquote der im Krankenhaus durchgeführten Ulkuskuren gewinnt von den oben dargelegten psychologischen Gesichtspunkten aus noch einen besonderen Aspekt, der wahrscheinlich für diesen Erfolg von ausschlaggebender Bedeutung ist. Man muss einmal sehen, daß das Krankenhausmilieu und seine größere Erfolgsquote darin ihre Begründung findet, daß hier ein Mensch in seine Kindheitssituation zurückkehrt. Er liegt im Bett und verhält sich wie in der Kindheit völlig passiv. Die Schwester bemüht sich um ihn und wird zur Mutterfigur, und der Arzt bemüht sich um ihn und wird zur Vaterfigur. Bei dem Ulkuskranken wird diese Situation der Umsorgung wie in der Kindheit nun noch weiter gefördert durch die Tatsache, daß auch die Ernährung wie im Säuglings- bzw. Kleinkindesalter erfolgt. Hier liegt sicher die Bedeutung der Magendiät. Sie hebt den Magenkranken als besonders aus der Gruppe der Familie oder auch der Gemeinschaft in seinem Betrieb heraus, sie fordert Mitleid und Liebeszuwendung. Da der Magenkranke, wie oben ausgeführt, gerade in bezug auf Liebe und Umhegtheit in seiner Kindheit mancherlei Entbehrungen erlitten hat, ist es verständlich, daß die Krankenhaussituation in der Mehrzahl der Fälle in wenigen Tagen die Beschwerden beseitigt. Daß dies nicht von Dauer sein kann, ist ebenso verständlich, da ja seine Fehlverhaltensweisen sich nicht ändern und er nachher wieder im Leben steht. Die Frage der Rezidive ist lediglich von den weiteren Ereignissen seines Lebens abhängig.
Claude Monet, Westminster Bridge und das House of Parliament, 1870 |
Die Medizin hat schon lange begriffen, daß bezüglich der Operation eines Ulkus äußerste Zurückhaltung am Platze ist, da die Zahl der Rezidive recht hoch ist und die Operation des Ulkus keine kausale Therapie darstellt. Die bisherigen von chirurgischer oder internistischer Seite durchgeführten Nachprüfungen der Operationserfolge ergaben sehr wechselnde Resultate. Nach einer neueren Statistik von Fischer [20] wurden nur 12% völlig beschwerdefrei, aber 90% wieder arbeitsfähig. Wenn man aber bei solchen Nachprüfungen nicht nur nach den Magenbeschwerden fragt, sondern nach dem allgemeinen Gesundheitszustand, dann zeigt sich, wie Browning und Houseworth [21] berichten, daß bei einer Nachuntersuchung von 30 operierten Ulkuskranken, die nach der Operation frei von Magenbeschwerden waren, alle 30 die verschiedensten anderen Symptome, wie z. B. Asthma, Hypertension, allgemeine Hinfälligkeit, Depression usw. entwickelten. Es war also das eingetreten, was die Psychologie als sog. Symptomverschiebung kennt. Wirklich gesund geworden war niemand. In einer mit psychologischen Testen durchgeführten Studie an operierten Ulkuskranken, die nach der Operation Magenbeschwerden behielten, verglichen mit solchen, die frei waren, erwies sich die erstere Gruppe als signifikant intensiver emotional gestört (Weiler [22]). Als unbedingte Indikation zur Operation gilt die Passagebehinderung durch Narben, die Blutung im beschwerdefreien Intervall wegen ihrer Rückfallsneigung und das chronische, immer wieder therapeutisch schwer angehbare und starke Beschwerden verursachende Leiden.
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