Der Mensch und seine Krankheit
Arthur Jores, ca. 1950/51 [*] |
zitiert aus: Rattner, Josef / Danzer, Gerhard: Hundert Meisterwerke der Tiefenpsychologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1998, S. 135ff.
Arthur Jores (1901-1982), ein bekannter Hamburger Internist und Endokrinologe, setzte sich nach dem Zweiten Weitkrieg engagiert für die Integration der Tiefenpsychologie in die Schulmedizin ein und erhielt den ersten Lehrstuhl für Psychosomatik in Hamburg. Im Anschluß an Der Mensch und seine Krankheit veröffentlichte er noch eine Reihe von Arbeiten über die Psychosomatik, die die im Untertitel angekündigte Absicht in die Tat umsetzten, eine "anthropologische Medizin" zu begründen.
Dem versierten Internisten war aufgefallen, daß von den in unserer Zivilisation so verbreiteten Krankheiten wie Diabetes mellitus, Hypertonie, Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüren, Allergien, Fettsucht, Asthma bronchiale usw. die Ursachen trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit nicht bekannt waren. Er nannte sie "spezifisch menschliche Krankheiten", da sie bei den in der freien Natur lebenden Tieren nicht auftreten. Aus den bei Tier und Mensch übereinstimmenden biochemischen, bakteriellen und viralen Befunden zog er den Schluß, daß -zumindest bei diesen Erkrankungen - andere Kriterien und Methoden zu ihrer Erforschung angewandt werden müssen.
Im Unterschied zur Schulmedizin sucht die anthropologische Medizin nicht nach den Ursachen eines Krankheitsgeschehens, sondern fragt nach dem "Wozu?", d.h. nach dem Sinn der aufgetretenen Symptome innerhalb der Lebenssituation und des Werdegangs der Betroffenen. Für diesen neuen Ansatz, der das Seelisch-Geistige betrifft, hat die Tiefenpsychologie Wichtiges beigetragen. Jores stützt sich dabei vor allem auf H. Schultz-Henckes Lehre von den Antrieben - dem Besitz-, Geltungs- und Liebesstreben -, die betont, daß der Mensch zahlreichen "Hemmungen" ausgesetzt ist, die zu neurotischen und psychosomatischen Krankheiten prädestinieren.
Claude Monet, Pfad auf der Ile Saint-Martin, 1880 |
Der Mensch ist von Instinkten entbunden und hat deshalb die Freiheit, sich in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Dabei kommt ihm zugute, daß er ein "Zwischennesthocker und Nestflüchter" (Portmann) ist, der bereits in den ersten Lebensjahren ein enormes Lernpensum absolvieren kann und für sein Überleben auch muß. Die Instinkte werden durch Bewußtsein, Vernunft, Sprache und Ethik ersetzt; das Kind erwirbt sein Wissen um "gut" und "böse" durch die Erziehung, das soziale und politische Umfeld, die herrschende Moral und Kultur. Es ist ein großes Verdienst von Jores, daß er durch diese Betrachtungsweise emotionale, soziokulturelle und ethische Komponenten bei der Beurteilung der ,,menschlichen Krankheiten" - das Gebiet der Psychosomatik - einbezieht.
Anstatt nun der Dichotomie von Körper und Seele zu verfallen, plädiert Jores für das "Ganzheitsdenken" in der Medizin: Leib, Seele und Geist sind eine Einheit, die noch am ehesten mit den Begriffen "Außen" (die Welt der Objekte) und "Innen" (das Subjektive) unterschieden werden kann. Die naturwissenschaftlich ausgerichtete Schulmedizin beschränkt sich ausschließlich auf die zählbaren und meßbaren Elemente der Krankheiter und vernachlässigt gröblich die "Wirklichkeiten, die die Handlungen der Menschen in einem viel höheren Maße bestimmt haben und bestimmen als alle äußere Erfahrung", nämlich Liebe und Haß, Treue und Glaube. Es ist nun ein Anliegen der anthropologischen Medizin, sich vermehrt mit den Kategorien des Innenlebens, mit Motivationen, Finalität und Intentonalität usw. auseinanderzusetzen.
Nach Jores ist das Leben des Menschen "eine Aufgabe" (Menschsein als Auftrag, 1964). Er zitiert die Philosophin Margarete Eberhardt, die im Lebendigen das evolutionäre Gesetz hervorhob, daß alles "nach höchstmöglicher funktioneller Entfaltung" strebe, "Selbstentfaltung" und "Selbstverwirklichung" - das sokratische "Werde, der du bist" - entstehen auf dem Boden des menschlichen Freiseins, und jede Person muß sich fragen, "wozu" sie frei sei. Der Mensch hat die Freiheit, sich gegen diese Conditio humana zu entscheiden, Dann aber "verfehlt" er sich selbst und erkrankt neurotisch oder psychosomatisch. Krankheit erfährt auf diese Weise eine ethische Interpretation, die bei Jores christlich-religiös geprägt ist.
Ein instruktives Beispiel von verhinderter Selbstentfaltung und verfehltem Lebenssinn gibt die gemeinsam mit H.C. Puchta durchgeführte Untersuchung an 63 Hamburger Beamten, die wegen ihrer Tätigkeit unter den Nazis 1945 entlassen wurden. Innerhalb von fünf Jahren starben zwei Drittel dieser Beamten an Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs, obwohl manche von ihnen zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. Der "Pensionierungstod" ist also wesentlich durch "menschliche Krankheiten" eingetreten, so daß Jores ethisches Versagen, Sinn- und Hoffnungslosigkeit, existentieIle Angst und Entwurzelung als maßgebliche Krankheitsfaktoren namhaft machen kann.
Im Hauptteil des Buches geht Jores auf die Frage nach dem Wesen der Krankheit ein. Unbestritten hat die moderne Medizin große Erfolge auf dem Gebiet der Infektionen, der Unfälle, des Organersatzes, des Vitamin- und Hormonmangels und der Krebs-Therapie erzielt. Erst durch Freuds epochale Entdeckungen jedoch wurden die seelischen Erkrankungen ernst genommen und einer näheren Untersuchung für würdig gehalten. Jores legt nun am Leitfaden der Psychologie Schultz-Henckes dar, wie z. B. ein Mann, der in der Kindheit Hemmungen im Besitzstreben erfuhr, später in einer Versuchungs-Situation (er sollte Geld einfordern) eine Magensymptomatik entwickelte. Andere Patienten produzieren ihre somatischen Leiden, wenn ihre ungenügende Entfaltung wieder eine "Versagung" erfährt. Einprägsam konzentriert Jores seine Erfahrungen in folgendem Merksatz: "Härte hemmt das Handeln, Verwöhnung das Verzichten."
Es gelingt dem Autor, mehrere psychosomatische Theorien - von M. Boss, V. von Weizsäcker, Th. von Uexküll, A. Mitscherlich - kurz und verständlich darzustellen. Er bezieht auch das soziale Umfeld der Kranken mit ein und prangert die moderne Zivilisation an: Sie fördere wenig Lebensentfaltung, gebe wenig Liebe und Geborgenheit und verstricke den einzelnen im individuellen Ich. Der "überspitzten Individualität und Ich-Verstrickung" könne "Demut" Abhilfe verschaffen.
Krankheit hat auch mit Schuld zu tun, wobei Jores betont, daß es dabei nicht um das schlechte Gewissen der Patienten, sondern um eine "Existentialschuld" gehe. Anhand der Suchtkrankheiten demonstriert er das Schuldigwerden dieser Menschen am "humanistischen Gewissen" (Fromm), das ihnen zuruft, das eigene Leben zu bejahen und Verantwortung für die Entwicklung der eigenen Person zu übernehmen. Zu Recht empfänden die Süchtigen ihr Tun als "Laster", da sie sich ihrer existentiellen Verantwortung entziehen, indem sie sich selbst zerstören. Als Hauptursache dieser Misere benennt Jores den Mangel an der "Grundkraft" des Menschen, nämlich der Liebe.
Die Abschnitte über das "Altern und den Tod" strahlen nicht nur Wissen, sondern auch bewundernswerte Weisheit aus. Der Leser spürt, daß hinter diesen Worten echte Erfahrung und Humanität stehen, entging doch Jores während der NS-Zeit nur knapp dem Tod, nachdem er wegen einiger unbedachter Worte denunziert worden war. Der "innere Tod" trete ein, wenn der Mensch seine Aufgaben erfüllt oder keine Hoffnung mehr habe, Sinnvolles verwirklichen zu können. Krankheit erinnert den Menschen stets daran, daß er sterblich ist; sie "mahnt" ihn zu überlegen, ob er dem Aufruf nach Selbstentfaltung gefolgt ist oder nicht.
Ein wesentlicher Sinn der Krankheit liegt somit darin, den Menschen aufzurütteln und ihm durch die Symptome klarzumachen, daß er seine Möglichkeiten nicht entfaltet hat und in seiner Gehemmtheit verblieben ist: "Gehemmte Entfaltung macht krank." Die Asthma-Patienten leiden z. B. am Allein- und Unbeschütztsein, da sie Hemmungen im Geltungsstreben aufweisen. Mit Hilfe der Krankheit kompensieren sie in gewisser Weise ihr Defizit, indem sie durch ihr Leiden Aufmerksamkeit und Fürsorge erringen - allerdings auf Kosten ihrer Gesundheit.
In seinem Werk Der Kranke mit psychovegetativen Störungen (1973) demonstriert Jores diese Erkenntnis an zahlreichen "funktionellen" Krankheiten wie Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Magen- und Darmsymptomen usw. Diese Leiden treten auf, wenn aus neurotischer Entwicklung heraus weder in Beruf, Partnerschaft, Gemeinschaft noch Kultur eigene Tüchtigkeiten (= Tugenden), Wissen und soziale Kooperation verwirklicht werden. Statt dessen jagen diese Kranken dem Geld, Vergnügungen, Zerstreuung und Prestige hinterher; mit anderen Worten: Sie verfehlen sich selbst.
Josef Rattner, Krankheit, Gesundheit und der Arzt, München 1993.
Foto-Quelle:
[*] Historisches Archiv des Universitäts-Krankenhauses Eppendorf, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Hamburg.
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