Dyspepsie
Endoskopie für alle?
Entgegen weit verbreiteter Ansichten lässt sich bei einer Dyspepsie nicht vorhersagen, welcher Patient eine ernsthafte Erkrankung hat. Auch jüngere Patienten ohne Alarmsymptome können an Ulkus, Striktur oder einem Karzinom leiden.
Nach Schätzungen leiden zwischen 25% und 40% der erwachsenen Bevölkerung unter rezidivierenden oberen Abdominalbeschwerden. Nicht alle suchen deshalb einen Arzt auf, doch wenn sie es tun, ist guter Rat teuer. Man kann es einem Patienten bekanntlich nicht an der Nasenspitze ansehen, ob er unter einer "harmlosen" Non-Ulcer-Dyspepsie leidet, die bequem mit einem Antazidum behandelt werden kann oder ob ernsthafte Läsionen wie Ulkus, Striktur oder ein Karzinom vorliegen, die eine eingreifendere Therapie erfordern. Auch die Unterscheidung nach ulkusartigen, refluxartigen oder motilitätsbedingten Beschwerden hilft in der Praxis nicht weiter. Doch alle Patienten zu gastroskopieren, erscheint unpraktisch und wenig kosteneffektiv. Eine Regel lautet, dass man bei Patienten unter 45 Jahren und bei Fehlen von "Alarmzeichen" wie Gewichtsverlust, rezidivierendes Erbrechen, Dysphagie, Blutungen oder Anämie auf eine Gastroskopie verzichten kann. Diese Marschrichtung gibt etwa die American Gastroenterological Society vor.
Doch die Auswertung der Krankenakten aus fünf großen US-Zentren (alle mit Abteilungen der Primärversorgung) zeigt, dass diese einfache und einleuchtende Stratifizierung einer Überprüfung nicht standhält. Von 3815 Patienten, die wegen dyspeptischer Beschwerden schließlich gastroskopiert wurden, hatten 787 ernsthafte endoskopische Veränderungen. Doch nur 685 waren älter als 45 Jahre oder hatten Alarmsymptome. Bei den übrigen 102 Patienten, also etwa jedem 7. Patienten, wäre die richtige Diagnose ohne Endoskopie verpasst worden. Auch andere Prädiktoren wie männliches Geschlecht, Komorbidität, Sodbrennen, frühe Sättigung, Anginaschmerz, Odynophagie und Ernährungsprobleme gaben keinerlei Hinweis auf die zugrunde liegende Pathologie.
Was ist zu tun? Wer auf der sicheren Seite sein will, wird nach den Ergebnissen dieser Untersuchung nicht umhin kommen, jeden Patienten mit anhaltenden Oberbauchbeschwerden zu gastroskopieren oder an einen Facharzt zu überweisen. Dass dies zu einer nicht zu verantwortenden Kostenexplosion führt, ist übrigens keineswegs sicher. Die empirische Therapie aller Patienten mit H2-Blockern oder gar mit Protonenpumpeninhibitoren muss nicht billiger sein. In der vorliegenden Studie hatte nur 21% der Patienten eine ernsthafte Veränderung, welche den Einsatz dieser Medikamente oder eine Operation erfordern würde. Bei vier von fünf Patienten kann demnach auf eine "teure" Therapie verzichtet werden. Die sofortige definitive Diagnose kann für den Patienten auch eine Erleichterung darstellen. Die Gewissheit nicht ernsthaft erkrankt zu sein, kann die Unannehmlichkeiten der Endoskopie mehr als aufwiegen. Ein positiver Einfluss der Endoskopie auf die Lebensqualität lässt sich in Studien belegen.
- Wallace, M.B. et al: Age and alarm symptoms do not predict endoscopic findings among patients with dyspepsia: a multicentre database study. Gut 2001; 49:29-34. (Medline, kostenpflichtiger Volltext).

