Grundlagenforscher warnen vor Einnahme von Säureblockern
Säure schützt den Magen oder: Warum Protonen-Pumpen-Inhibitoren eine Gastritis verschlimmern könnten
Wenn der Magen brennt, ist meistens zu viel Magensäure im Spiel. Tatsächlich lassen sich die Beschwerden durch Säure bindende Mittel meistens lindern. Am schnellsten ist dies mit Medikamenten möglich, welche die Säureproduktion auf Null fahren. Nach dem Motto, das Übel an der Wurzel zu packen, werden diese Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI) immer häufiger verordnet. Es gibt jedoch auch Wissenschaftler, die vor einem zu großzügigen Einsatz warnen. Denn die Säure hat im Magen eine wichtige Funktion. Sie desinfiziert die Nahrung und schützt den Magen möglicherweise vor Infektionen, wie Forscher des Howard Hughes Medical Institutes (HHMI) in Chevy Chase, Maryland und der Universität von Michigan in Ann Arbor zeigen.
Die Gruppe um Juanita Merchant vom HHMI hat die Rolle des Magenhormons Gastrin untersucht. Gastrin reguliert im Magen die Bildung von Salzsäure. Gastrin wird normalerweise beim Essen produziert, wenn erste Teile des Speisebreis in den unteren Magen gelangen und der Mageninhalt alkalisch wird. Dann wird das Hormon aus den so genannten G-Zellen freigesetzt. Über den Blutkreislauf gelangt es zu den Belegzellen, die in der Magenschleimhaut sitzen und die Magensäure bilden. Der Clou: Es gibt eine negative Rückkopplung. Wenn der Mageninhalt zu sauer wird, ist die Gastrin-Produktion gehemmt. Das ist der Normalzustand, der verhindert, dass die Magensäure die Magenschleimhaut angreifen kann.
Doch das Gleichgewicht ist gestört, wenn die Magenschleimhaut aus irgendeinem Grund entzündet ist, beispielsweise weil die Magenschleimhaut mit dem Erreger Helicobacter pylori infiziert ist. Dann funktioniert die negative Rückkopplung häufig nicht und der Magen produziert zu viel Säure. Diese ist dann die unmittelbare Ursache für Magenbeschwerden und Magengeschwüre.
Juanita Merchant und Mitarbeiter wollten untersuchen, was passiert, wenn der Magen kein Gastrin bildet. Dies kann man heute an Tieren studieren, denen das Gen für die Gastrinproduktion fehlt und die deshalb kaum Magensäure bilden. Die Gruppe versuchte diese Tiere mit Helicobacter pylori zu infizieren, um zu sehen was passiert. Doch es gelang ihnen nicht, die Tiere anzustecken. Der Grund: Es hatten sich bereits andere Bakterien im Magen angesiedelt und diese lösten ebenso wie Helicobacter pylori eine schwere Magenentzündung aus.
Das machte die Forscher neugierig. Als nächstes behandelten sie normale Mäuse über zwei Monate mit einem PPI, der die Bildung von Magensäure stoppt. Die Situation war also ähnlich der von Mäusen, die kein Gastrin bilden. Tatsächlich dauerte es nicht lange und in den Mägen der Mäuse hatten es sich einige Bakterien gemütlich gemacht. Für die Mäuse war die Situation gar nicht gemütlich, denn Lactobacillus, Enterobacter und Staphylococcus lösten eine schwere Magenschleimhautentzündung aus. Diese schwere Entzündung war also letztlich die Folge der Behandlung mit dem PPI. Offenbar kann nicht nur H. pylori ein Magengeschwür auslösen, sondern auch andere Bakterien. Die Besonderheit von H. pylori besteht lediglich darin, dass es der einzige Erreger ist, der der Magensäure widersteht.
Als nächstes fiel den Forschern auf, dass der entzündete Magen vermehrt Gastrin bildet. Sie deuten dies als einen Versuch des Magens, sich der Bakterien zu entledigen. Die Behandlung mit dem PPI behinderte also die Selbstheilungskräfte des Körpers. Beleg hierfür: Nachdem die Forscher die Mäuse mit Antibiotika behandelt hatten und die Mägen von den Bakterien befreit waren, ging die Gastrin- und damit die Magensäureproduktion wieder zurück - ohne dass die Mäuse mit PPI behandelt werden mussten.
Schließlich konnten die Forscher ein weiteres Dogma widerlegen. Bisher ging man davon aus, dass die Bakterien in der Magenwand die so genannten D-Zellen zerstören. Sie bilden das Hormon Somatostatin, der ein Gegenspieler von Gastrin ist. Während Gastrin die Produktion von Magensäure steigert, verhindert Somatostatin, dass zu viel Säure der Magenwand schadet. Die Zerstörung der D-Zellen war bisher ein wichtiges Argument für den Einsatz von PPI. Man ging davon aus, dass die Bakterien, die normale Regulierung der Säuresekretion zerstört haben und dass die PPI deshalb langfristig gegeben werden müsste.
Die Gruppe um Juanita Merchant konnte nun aber zeigen, dass die D-Zellen vermutlich nicht zerstört werden, sondern dass Gastrin die Somatostatinproduktion hemmt. Das gleiche Hormon, dass die Salzsäureproduktion steigert, verhindert dadurch, dass dieser Prozess außer Kontrolle gerät.
Juanita Merchant und Mitarbeiter ziehen aus ihren Ergebnissen folgendes Fazit:
- Ärzte sollten PPI zurückhaltend einsetzen. Langfristig könnte die Behandlung sonst das Infektionsrisiko steigern statt senken.
- Zur langfristigen Behandlung säurebedingter Magenbeschwerden sollten Mittel eingesetzt werden, die die Säureproduktion nicht völlig hemmen.
- Eine Infektion mit H. pylori sollte am besten mit Antibiotika behandelt werden.
- Eine langfristige Behandlung mit PPI begünstigt möglicherweise eine Infektion des Magens mit anderen Erregern
- Zavros, Y. et al.: Hypergastrinemia in response to gastric inflammation suppresses somatostatin. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol 2002; 282: G175-G183. (Medline)
- Zavros, Y. et al.: Genetic or Chemical Hypochlorhydria Is Associated With Inflammation That Modulates Parietal and G-Cell Populations in Mice. Gastroenterology 2002; 122: 119-133. (Medline)
- Pressemitteilung des Howard Hughes Medical Institutes.
- Pressemitteilung der Universität von Michigan in Ann Arbor.

