Bei Magenentzündung bald Joghurt auf Rezept?
Der einfache Joghurt ist out. In Fernsehen, Zeitschriften und auf Plakatwänden wird intensiv für gesundheitsfördernde Milchprodukte geworben. Neuartige Designer-Food-Joghurtprodukte sollen sogar bei Magenentzündung helfen, haben Wissenschaftler festgestellt [1]. Was ist dran an solchen "probiotischen" Lebensmitteln?
Früher stand auf Joghurtdeckeln nur "Vollmilchjoghurt Erdbeer", heute kommen auf vielen Verpackungen Bezeichnungen hinzu, die an das Fachvokabular von Ärzten erinnern. Probiotika, Prebiotika und Synbiotika sollen "die Abwehrkräfte fördern" oder "einen täglichen Beitrag zur Gesundheit leisten", so die vollmundigen Versprechungen der Hersteller.
Bei Probiotika handelt es sich um Mikroorganismen wie Lactobacillus acidophilus, die, falls sie überhaupt lebendig den Darm erreichen sollten, dort die Gesundheit verbessern. Prebiotika sind Ballaststoffe wie Inulin oder Oligofruktose, die für den Menschen unverdaulich sind, aber einigen nützlichen Darmbakterien als Nahrung dienen. Synbiotika sind eine Kombination aus beidem.
Joghurt ist ein Milchprodukt, das aus geronnener Milch besteht. In jedem Joghurt halten sich viele Milchsäurebakterien auf, die keineswegs gefährlich wie einige andere Bakterien, sondern gesundheitsförderlich sind. Diese "guten" Bakterien haben beim Verzehr einen harten Weg vor sich. Bereits im Mund kommen sie mit speziellen Enzymen in Kontakt, die Nahrung verdauen. Im Magen steigt die Konzentration an Verdauungsenzymen. Diese Enzyme werden von der im Magen gebildeten Salzsäure unterstützt. Wenn die Mikroorganismen diese Tortur überlebt haben und in den Dünndarm gelangen, müssen sie noch die Bedrohung durch Gallensäuren überstehen. Erst dann können sie sich im Dünn- und Dickdarm ansiedeln zu können.
Trotzdem haben Joghurt-Bakterien relativ gute Karten, die Magen-Darm-Passage zu überleben. Die Eiweiße der Milch schützen sie vor dem sauren Magensaft. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass sich bei regelmäßigem Joghurt-Konsum die Darmflora ändert, die aus über 400 verschiedenen Mikroorganismen besteht (Gewicht: über 3kg). Dabei gelten Milchsäurebakterien, die außer in Joghurt auch in Sauerkraut enthalten sind, als gesundheitsfördernd. Wenn sich im Darm nützliche Bakterien ausbreiten, haben Krankheitserreger es schwieriger, sich anzusiedeln. Bei einer Störung der natürlichen Darmflora, beispielsweise nach Antibiotika-Einnahme, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung solche Milchprodukte, die lebende Milchsäurebakterien enthalten (nicht wärmebehandelter Joghurt, Dickmilch) [2].
Probiotische Mikroorganismen sollen noch nützlicher sein als ihre Artgenossen. Diese speziellen Züchtungen sollen besonders robust sein. So haben sie bessere Chancen, den Verdauungsprozess zu überleben und in größerer Zahl in den Darm zu gelangen als andere Milchsäurebakterien. Bei einigen probiotischen Züchtungen gibt es tatsächlich Hinweise, dass sie positiv auf das Immunsystem wirken und etwa bestimmten Durchfallerkrankungen vorbeugen können. Allerdings müssen diese Joghurtprodukte täglich gegessen werden, damit sich der spezielle Bakterienstamm ansiedeln kann.
Helfen probiotische Joghurtprodukte sogar bei Magenentzündung? Ein Ärzteteam hat 53 Patienten untersucht, die mit Helicobacter pylori infiziert waren. Dieser Keim kann den Magen besiedeln und soll an Entzündungen der Magenschleimhaut beteiligt sein. Die Patienten wurden nun mit Antibiotika behandelt. Zusätzlich bekam die Hälfte ein Joghurtprodukt mit einem hohen Anteil spezieller probiotischer Bakterien (2x täglich 180 ml Joghurt). Die andere Hälfte erhielt ein pasteurisiertes Milchprodukt in gleicher Menge, das heißt, durch kurzes Erhitzen wurden die meisten Bakterien abgetötet. Ergebnis: Die Entzündung der Patienten, die probiotischen Joghurt erhielten, besserte sich schneller. Ob die speziellen probiotischen Eigenschaften diesen Effekt bewirkt haben, die große Menge Milchsäurebakterien einfach Schleimhaut schützend wirkte oder noch andere Faktoren eine Rolle spielten, ist bislang unbekannt. Vielleicht hätte auch normaler Magermilchjoghurt eine ähnliche Wirkung erzielt, denn in der Studie wurde nur probiotischer Joghurt mit einem pasteurisierten Milchprodukt verglichen, nicht aber mit einem herkömmlichen, nicht wärmebehandelten Joghurt.
Weitere Studien müssen erst noch zeigen, ob die positiven Effekte der Probiotika auf die Gesundheit des oberen Verdauungstraktes tatsächlich so groß sind, wie oft behauptet wird.
Daher die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, täglich fettarme, gesäuerte Milchprodukte zu verzehren. Ob nun Erdbeer oder probiotisch, beides ist Geschmackssache und dem Verbraucher überlassen.
- Felley, C.P. et al.: Favourable effect of an acidified milk (LC-1) on Helicobacter pylori gastritis in man. Eur J Gastroenterol Hepatol 2001; 13(1): 25-9 (Medline).
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE-Spezial 1/2001: "Verbessern Pro- und Präbiotika die Gesundheit? Ergebnisse des Ernährungsbericht 2000 der DGE".
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Lebensmittelinfo Funktionelle Lebensmittel.

