Panikmache oder sinnvolle Prävention
Wie gefährlich ist Sodbrennen wirklich? -
Eine Kontroverse im Deutschen Ärzteblatt
Aktuell in:
Spiel mit der Angst (Ausgabe 2.9.2002, Heft 36).
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Etwa die Hälfte der erwachsenen Menschen in den Industrienationen leidet unter Sodbrennen. Bei einigen Patienten kann sich daraus Speiseröhrenkrebs entwickeln. Durch die Aufklärung der Bevölkerung soll die Früherkennung und Behandlung der Frühstadien dieser Krebsart verbessert werden. Doch durch diese „Anti-Reflux-Kampagne“ geförderten Vorsorgemaßnahmen seien uneffektiv und würden die Bevölkerung nur verunsichern, schreibt der Internist Prof. Volker Eckardt (Wiesbaden) im Deutschen Ärzteblatt [1] - und andere Ärzte protestieren heftig.
Ohne Sodbrennen kein Speiseröhrenkarzinom - von diesem Grundsatz sind die meisten Ärzte überzeugt. Chronischer Reflux von saurem Mageninhalt reizt die Schleimhaut der Speiseröhre. Besteht diese Reizung lange genug, entzündet sich die Schleimhaut und reagiert schließlich mit einem Umbau: Das Plattenepithel wird stellenweise durch Zylinderepithel und Becherzellen ersetzt, es entsteht der sogenannte Barrett-Ösophagus. Aus dem Barrett-Ösophagus kann nach Jahren oder sogar Jahrzehnten ein Adenokarzinom der Speiseröhre entstehen, das sogenannte Barrett-Karzinom. Innerhalb der letzten 20 Jahre habe sich das Auftreten dieses Tumors mindestens vervierfacht und weist unter allen Karzinomen die höchste Steigerung auf [2].
Aber nur bei den wenigsten Menschen, die an Sodbrennen leiden, verändert sich die Speiseröhre in diesem Ausmaß. Bei wie vielen genau, ist umstritten. Früher galt als Faustformel die „Zehner-Regel“: Bei jedem zehnten Refluxleidenden entsteht eine Entzündung, bei jedem zehnten mit Entzündung entwickelt sich ein Barrett-Ösophagus, und bei jedem zehnten Barrett-Ösophagus-Patienten entsteht Speiseröhrenkrebs. Prof. Eckardt schreibt in seinem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt, dass diese Zahlen noch viel zu hoch gegriffen seien, wenn man neuere Studien berücksichtige. Außerdem gehöre das Adenokarzinom der Speiseröhre immer noch zu seltenen Krebserkrankungen in Deutschland, Lungen- oder Dickdarmkrebs sei 30- bis 40fach häufiger.
Doch auch für eine so seltene Krankheit wäre ein umfassendes Vorsorgeprogramm sinnvoll, wenn denn durch eine regelmäßige Untersuchung der Speiseröhre mittels Endoskopie eine Erkrankung in behandelbarem Stadium entdeckt und so die Lebenserwartung der Betroffenen verbessert würde. Um dies zu beurteilen, müsste der Verlauf bei überwachten und nicht überwachten Patienten über Jahre verglichen werden, so Prof. Eckardt, und solche Studien gäbe es bisher nicht. Für die „Anti-Reflux-Kampagne“ hat Prof. Eckardt wenig Verständnis, da sie seiner Meinung nach eher zu einer Verunsicherung von Refluxkranken beitrage. Die Patienten hätten ohnehin eine gute Prognose, und „der bisher einzige messbare Effekt derartiger Laienaufklärung besteht in einer Zunahme der Endoskopiefrequenz und damit in einer Verteuerung der Medizin“.
Widerspruch folgt auf dem Fuße
Dem widerspricht der Pathologe Prof. Manfred Stolte [3]. Sodbrennen sollte als ein Leitsymptom des Barrett-Karzinoms gesehen werden, das eine Untersuchung der Speiseröhre gegebenenfalls mit der Entnahme einer Probe zur Folge haben sollte. Dass mit einer Frühentdeckung eine frühzeitige Behandlung mit besserer Prognose einhergeht, leuchtet ein. Allerdings leidet etwa die Hälfte der Bevölkerung unter Sodbrennen und nur die wenigsten unter einer gefährlichen Speiseröhrenerkrankung, so dass der Begriff „Leitsymptom“ irreführend ist und zu der von Eckardt kritisierten Verunsicherung von Refluxpatienten beiträgt. Stolte führt ein Schwarz-Weiss-Beispiel an, um seine Ansicht zu untermauern: Auf der einen Seite ein Patient mit bekanntem Barrett-Ösophagus, der seine Vorsorgetermine nicht einhielt und nun unter inoperablem Speiseröhrenkrebs leidet - auf der anderen Seite Stolte selbst, der sich wegen Sodbrennens einer Endoskopie unterzog und die entdeckten Schleimhautveränderungen nun endoskopisch behandeln lassen wird. Diese „zwei Kasuistiken der letzten Wochen zeigen, was richtig und was falsch ist“, folgert Stolte daraus. Zwar sind die Beispiele anschaulich, doch alles andere als wissenschaftliche Belege.
Der Gastroenterologe Prof. Christian Ell, auch ein Befürworter von breit angelegten Vorsorgemaßnahmen bei Sodbrennen, schreibt hingegen [2]: „Zweifelsohne ist die Effizienz dieses Konzeptes nicht belegt, seine Attraktivität sollte jedoch Anlass für groß angelegte Studien sein“. Also: Die geforderten Vorsorgemaßnahmen sind eher Glaubenssache als wissenschaftlich fundierte Programme.
- Eckardt, Prof. Dr. med. Volker F.: Wie gefährlich ist Sodbrennen? Deutsches Ärzteblatt 99, Heft 25 vom 21.06.02, Seite A-1754. (Image).
- Ell, Prof. Dr. med. Christian: Sodbrennen: Harmlose Wohlstandserkrankung? Deutsches Ärzteblatt 99, Heft 25 vom 21.06.02, Seite A-1750. (Image).
- Stolte, Prof. Dr. med. Manfred: Anti-Reflux-Kampagne war und ist ein großer Erfolg: Kommentar aus der Sicht des Pathologen Deutsches Ärzteblatt 99, Heft 25 vom 21.06.02, Seite A-1748. (Image).
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: Spiel mit der Angst (Ausgabe 2.9.2002, Heft 36).

