Verwirrend für Ärzte
Jeder Mensch ist einzigartig - auch sein (oder ihr) Sodbrennen
Jeder Mensch ist einzigartig. Auch Symptome und Folgen von Reflux und Sodbrennen können individuell unterschiedlich sein wie die Gesichtszüge. Das erschwert oft die Einschätzung der Lage. Dazu einige Zahlen, aus Ländern mit westlichem Lebensstandard:
Innerhalb eines Jahres leiden 25 bis 33 Prozent aller Menschen an Sodbrennen, darunter 4 bis 11 Prozent täglich. Doch Sodbrennen wird nur von etwa 20 Prozent aller Refluxepisoden hervorgerufen. Es gibt auch ein gewisses Ausmaß an normalem, ‚physiologischem‘ Reflux. Ob man Sodbrennen spürt, hängt schon allein ‚rein schleimhautmässig‘ individuell von mehreren Bedingungen ab: Ausmaß und Dauer der Säureeinwirkung (Abfall des ‚pH‘), Größe betroffener Schleimhautoberflächen und Sensibilisierung der Schmerzsensoren für chemische Reize (‚Chemo-Nozizeptoren‘) durch frühere Refluxepisoden. Doch Sodbrennen kann auch ohne Säure, durch Reflux von nichtsaurem Magen- oder Zwölffingerdarm-Inhalt, ausgelöst werden: Auch die normalen, ‚physiologischen‘ Refluxepisoden können bei gesunden Menschen mit übersensiblem (‚hypersensitivem‘) Ösophagus wie Sodbrennen wahrgenommen werden. Diesen Betroffenen hilft dann erfahrungsgemäss oft trotzdem eine säurehemmende Behandlung.
Andererseits gibt es Patienten mit ausschließlich funktionellen Beschwerden, das heißt: Trotz Klagen über Sodbrennen findet man bei Untersuchungen weder pathologischen Reflux noch zeitliche Zusammenhänge mit Refluxepisoden irgendwelcher Art. Bei diesen bleibt eine säurehemmende Therapie wirkungslos.
Häufigkeit und Stärke der Symptome werden außer durch individuelle Säuresensitivität besonders vielfältig und unübersichtlich durch psychosoziale Faktoren beeinflusst. Zusätzlich scheint das Zusammenwirken von Chemosensitivität (z. B. durch örtlich ‚irritierende‘ Nahrungsmittel) und Mechanosensitivität (Ösophagusdehnung) eine wichtige Rolle zu spielen. - Diese vielen inneren Mechanismen, äußeren Einflussfaktoren und ihr Zusammenwirken erklären, warum das Ursachenspektrum bei Sodbrennen und Refluxkrankheit alle Schattierungen enthält, von funktionellen Beschwerden über einen säurehypersensitiven Ösophagus bis zur klassischen Refluxkrankheit (‚GER‘, ‚Gastrointestinaler Reflux‘) mit und ohne endoskopisch sichtbare Refluxösophagitis.
Abgesehen von objektiven Befunden, verstehen viele Patienten unter ‚Sodbrennen‘ sehr Unterschiedliches. Für entsprechende Befragungen zur Krankenvorgeschichte wurde ‚Sodbrennen‘ vorab möglichst korrekt definiert als ein ‚brennendes Missempfinden, das vom Magen oder dem unteren Brustkorb zum Hals aufsteigt‘. Von 52 Prozent der Patienten wurden Sodbrennen aber als ‚Magenschmerzen‘ und ‚Unwohlsein‘ beschrieben, nur in 32 Prozent als ‚Sodbrennen‘. 8 Prozent gaben ‚Regurgitation‘ an, 4 Prozent ‚Dysphagie‘, und in je 2 Prozent wurde ‚Sodbrenn-Symptome‘ als ‚Übelkeit / Erbrechen‘ oder sogar als ‚asymptomatisch‘ eingeordnet. - Umgekehrt klagten 10 Prozent über ‚Sodbrennen‘, obwohl ihre Beschwerden den ‚korrekten‘ Refluxsymptomen nicht ähnelten.
Sehr vieldeutig und irreführend sind außerdem die manchmal mit Reflux verbundenen und geschilderten nicht-herzbedingten Thoraxschmerzen, Oberbauchschmerzen und ‚Unwohlsein‘, Übelkeit, Erbrechen, Schluckstörungen (Dysphagie), außerdem Rachen-Atemwegs-Lungen-(‚laryngo-pulmonale‘) Symptome, hier besonders Heiserkeit, und Rachenentzündung (Laryngitis), und chronischer Husten.
Ausschließlich an Hand von Krankenvorgeschichte und Beschwerdeschilderung kann die Unterscheidung zwischen nicht-erosiver Refluxkrankheit mit Leitsymptom Sodbrennen einerseits, und andererseits der häufigen ‚nicht-ulzerösen Dyspepsie‘ (z. B. Reizmagen etc.) mit Schmerzen/Unwohlsein also sehr schwierig sein. - Durch eine 24-Stunden-Ösophagus-pH-Metrie (Messung des Säurewerts in der Speiseröhre) konnte man bei entsprechenden Patienten dann - je nach Studie - in 20 bis 54 Prozent ‚pathologischen Reflux‘ nachweisen.
- Ch. Pehl, W. Schepp: ‚Wie entsteht Sodbrennen‘, Dtsch Ärztebl 2002; 99: A 2941-2946 (Heft 44).

