Magensäure contra Zahnschmelz
Mehrfach wurde nachgewiesen, dass die so genannte Gastro-Ösophageale Refluxkrankheit (‚GORD‘) Schäden am Zahnschmelz verursachen kann. Es kommt zu ‚dentalen Erosionen‘, wenn häufig oder chronisch Magensäure über die Speiseröhre in die Mundhöhle dringt (‚Regurgitation‘). Regurgitation mit Zahnschäden entsteht auch bei Zuständen wie Anorexia nervosa und Bulimie, chronischem Alkoholismus, und verschiedenen Magenstörungen, wenn sie mit häufigem Erbrechen verbunden sind [1]. Der Angreifer: Immer die Magensäure.
Gemeinsamer Faktor ist die Rolle, die Magen und Ösophagus bei der ‚Säurebewegung‘ spielen (auch beim Erbrechen). Zu Regurgitationen kommt es bei ‚einfachem‘, gelegentlichem gastro-ösophagealem Reflux (GOR), oder chronisch bei ausgeprägter regelrechter gastro-ösophagealer Refluxkrankheit (GORD).
Säure-Angriffe ‚von innen‘ erzeugen andere Muster der Zahnerosion als solche ‚von außen‘, (dann meist aus Nahrungsmitteln). Bei ‚innerer Säureeinwirkung‘ waren vor allem die Innenflächen, oft auch die Zahnhälse der mandibulären Vorderzähne betroffen. Demnach sind Zahnhalsläsionen ‚zungenwärts‘, verbunden mit ebenso lokalisierten Erosionen mandibulärer Schneidezähne, starke Hinweise zur Unterscheidung von Patienten mit Zahnschäden durch Regurgitation und anderen, deren Zahnerosionen durch Säuren ‚von außen‘ verursacht wurden [2].
Bei Kindern mit Reflux gibt es widersprüchliche Daten. Einerseits schienen Kinder mit Reflux (53 Teilnehmer) von so bedingten Zahnerosionen nicht so stark betroffen wie Erwachsene [3]. Andererseits kam eine andere, neuere Untersuchung (52 Teilnehmer) zu dem Schluss, dass Kinder mit GORD im Vergleich zu Gesunden mehr Erosionen und Karies in permanenten Zähnen hatten, und dass diese gezielt untersucht werden sollten, wegen eventueller restaurativer oder präventiver Maßnahmen [4].
GOR und GORD können symptomlos sein, und dennoch Speiseröhren-Entzündung und Zahnerosionen auslösen. Darum sind Zahnärzte manchmal die ersten, die dentale Erosionen bei Patienten mit GORD entdecken. ‚GORD‘ ist gegenüber GOR definiert als ‚Symptome‘ oder ‚Komplikationen‘ von GOR. Hilfreich zur Diagnose ist ein 24-Stunden-Monitoring der ösophagealen Säurewerte (pH-Metrie). Zur Behandlung der Zahnschäden empfehlen die Untersucher ‚möglichst minimale Intervention‘, Kontrolle der Mikroflora, Remineralisation, adhäsive (haftende) Restaurationen, und die Verwendung ‚biomimetischer Materialien‘ [5].
Vorhandene Symptome (Aufstoßen, unerklärter Säuregeschmack, Sodbrennen) sind deutlich und lästig genug, und machen die Betroffenen auf GOR und GORD aufmerksam. Doch bei ‚stummem‘ GORD, nur mit Zahnschmelzschäden der Vorderzahn-Innenflächen als erstem Hinweis, kann der Zahnarzt die Erstdiagnose stellen, die dann internistisch bestätigt werden muss. Das ist wichtig, denn vor der dentalen Rehabilitation muss der Reflux erfolgreich behandelt werden [6].
Noch ein Hinweis zur Häufigkeit: 20 unausgewählte, nach einander untersuchte Erwachsene mit Ösophagus-Magen-Symptomatik an einer Abteilung für Gastroenterologie wurden anschließend auch auf dentale Erosionen untersucht. Grundlage war ein anerkannter Gradmesser von Zahnschäden (der ‚Tooth Wear Index‘, TWI). GORD-Betroffene hatten durchweg höhere TWI-Scores in allen Quadranten [7].
- Rytooma I, Jarvinen V, Kanerva R, Heinonen OP: Bulimia and Tooth Erosion. Acta Odontol Scand 1998 Feb; 56 (1): 36-40 (Medline).
(Department od Cariology, Institute of Dentistry, Helsinki/Finnland) - Valena V, Young WG: Dental Erosion Patterns from intrinsic Acid Regurgitation and Vomiting. Aust Dent J 2002 Jun; 47 (2): 106-15 (Medline).
(School of Dentistry, The University of Queensland, Brisbane/Australien) - O'Sullivan EA, Curzon ME, Roberts GJ, Milla PJ, Stringer MD: Gastrooesophageal Reflux in Children and its Relationship to Erosion of primary and permanent Teeth. Eur J Oral Sci 1998 Jun: 106 (3): 765-9 (Medline).
(Department of Pediatric Dentistry, Leeds Dental Institute, UK - Linnett V, Seow WK, Connor F, Shepherd R: Oral health of Children with Gastrooesophageal Reflux Disease controlled Study. Aust Dent J 2002 Jun; 47 (2): 156-62 (Medline).
(University of Queensland, School of Dentistry, Brisbane/Australien) - Barron RP, Carmichael RP, Marcon MA, Sandor GK: Dental Erosion in Gastrooesophageal Reflux Disease. J Can Dent Assoc 2003 Feb, 69 (2): 84-9 (Medline).
(Coordinator of Prosthodontics, Hospital for Sick Children and Bloorview MacMillan Children's Centre, Totonto, Ontario/Canada) - Ali DA, Brown RS, Rodriguez LO, Moody EL, Nasr MF: Dental erosion caused by silent Gastrooesophageal Reflux Disease. J Am Dent Assoc 2002 Jun; 133 (6): 734-7; quiz 768-9 (Medline).
(Howard University College of Dentistry, Washington/USA) - Gregory-Head BL, Curtis DA, Kim L, Cello J: Evaluation of Dental Erosion in Patients with Gastrooesophageal Reflux Disease. J Prosthet Dent 2000 Jun: 83 (6): 675-80 (Medline).
(University of the Pacific School of Dentistry, and University of California, San Francisco/USA)

