Refluxkrankheit und chronisches Sodbrennen
Minimal-invasive Operation kann Medikamente ersetzen
![]() Prof. Dr. Tom DeMeester, Los Angeles. |
Norderstedt. Eine Krebsangst-Kampagne der letzten Jahren beschäftigt immer noch viele Menschen mit Sodbrennen. Mediziner stellten in den Medien nämlich fest: 50% aller Menschen leiden an Sodbrennen durch Rückfluss von Magensaft in die Speiseröhre ("Reflux"), wodurch Speiseröhren-Krebs entstehen kann. Deshalb müsse man alle Menschen mit Sodbrennen regelmäßig untersuchen und ihnen Medikamente geben, die die Bildung von Magensäure unterbinden. So könne der gefürchtete Krebs vermieden werden. "Dies stimmt so nicht", sagt nun der weltweit renommierteste Experte für säurebedingte Erkrankungen und Krebs der Speiseröhre, Prof. Dr. Tom Ryan DeMeester von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles/ USA, "wir sollten uns durch solche Milchmädchen-Rechnungen keine Angst machen oder in falscher Sicherheit wiegen lassen".
Bei einem internationalen Symposium von Chirurgen und Magenspezialisten an der europäischen Fortbildungsakademie European Surgical Institute (ESI) in Norderstedt bei Hamburg trennte DeMeester Falschaussagen, Fehlinterpretationen und halb wahre Informationen von den modernen wissenschaftlichen Fakten zum Sodbrennen. Die in Norderstedt vorgestellten Forschungsergebnisse besagen:
- Tatsächlich ist Sodbrennen, oder genauer gesagt, die Rückfluss- oder Refluxkrankheit, überaus häufig. Sie tritt schon bei Kindern auf. Fast jeder Mensch kennt die brennenden, oft ausstrahlenden Schmerzen hinter dem Brustbein. Bei 5-10% der Bevölkerung ist die Erkrankung chronisch über Jahre vorhanden. Sodbrennen als Beschwerde, z. B. bei Stress oder nach einer schweren Mahlzeit, kennen hingegen über 50% aller Menschen.
- Die zurückfließende Säure führt bei 10% der Betroffenen zu einer chronischen Entzündung der Speiseröhren-Schleimhaut ("Ösophagitis"). Hieraus kann gelegentlich ein Geschwür ("Ulkus") entstehen, manchmal mit Blutungen. Auch Vernarbungen, die die Speiseröhre einengen und zu Schluckbeschwerden führen, sind dann möglich ("Striktur").
- Wirkt der aggressive Magensaft jahrelang auf die zarten Schleimhautzellen der Speiseröhre ein, werden sie vom Körper oft gegen weniger empfindliche Magenzellen ausgetauscht. Diese natürliche Anpassungsreaktion wird (wie die Entzündung) vom Arzt bei einer Speiseröhren-Spiegelung ("Ösophagus-Endoskopie") entdeckt. Die Veränderung heißt nach dem britischen Erstbeschreiber "Barrett-Schleimhaut" ("Barrett-Ösophagus"), rund 10-15% aller chronisch Refluxkranken bekommen sie.
- Ein Reflux kann noch weitere Folgen haben. Nämlich dann, wenn Flüssigkeit aus dem Magen Kehlkopf und Rachen erreicht. Folgen sind u. a. chronische Heiserkeit oder Schäden an den Zähnen (Karies, Zahnfäule). Schlimmer wird es, wenn der Magensaft die Luftröhre und tiefer liegende Atemwege erreicht. Dann kommt es zu Bronchitis und bei länger dauerndem Reflux zu asthmaähnlichen Erkrankungen oder sogar Asthma (häufig bei Kindern).
- Speiseröhrenkrebs entsteht fast nur, wenn vorher die beschriebene Barrett-Schleimhaut vorhanden war. Er gehört bei uns zu den seltenen Krebsarten (Neuerkrankungen: 2.000 geschätzte Fälle pro Jahr insgesamt). Lungen- oder Dickdarmkrebs sind 30- bis 40mal häufiger.
- Die Hemmung der Säurebildung oder Säureausschüttung im Magen (Standardtherapie) oder die Säureneutralisation mit Antazida wirken dem Sodbrennen entgegen. Auch die säurebedingte Entzündung der Speiseröhre verschwindet, solange Medikamente eingenommen werden.
- Doch die Medikamente können nicht den Rückfluss selbst heilen, also nicht die unzureichende Verschlussfunktion der Speiseröhre beheben. Da der Rückfluss von Magensaft (auch wenn er nur wenig Säure enthält) weiterhin stattfindet, gelangt immer noch Magensaft in Speiseröhre, Rachen, Mund oder Atemwege. Und damit auch andere gefährliche Inhaltsstoffe (z. B. Gallensaft oder Nahrungsbestandteile). Nur so ist zu verstehen, dass bei etwa einem von 10 Patienten eine Barrett-Schleimhaut auftritt, obwohl er ausreichend Medikamente zur Säureblockade nimmt und kein Sodbrennen verspürt.
- Schlimmer noch: Die Refluxkrankheit ist eine chronische, oft lebenslange Erkrankung. Medikamente, die die Säurebildung oder Säureausschüttung im Magen blockieren, müssen deshalb viele Jahre oder lebenslänglich eingenommen werden. Und dies kann Nebenwirkungen haben. So bildet sich die Schleimhaut des Magens zurück ("Aplasie"), Infektionen häufen sich (da Bakterien killende Säure fehlt), oder es könnte die Entwicklung von Speiseröhrenkrebs gefördert werden (bei fehlender Säure entstehen krebserzeugende Stickstoffverbindungen im Magen). Das heißt: Medikamente alleine lösen nicht alle Refluxprobleme.
Mit einer Operation kann eine Refluxkrankheit geheilt werden, wenn dadurch die Funktion des Speiseröhrenverschlusses wieder hergestellt wird. Auch Folge-Krankheiten können dann ausheilen, genauso wie die Entzündung und die über Jahre entstandenen Schleimhautveränderungen in der Speiseröhre. Die z.Z. wichtigste Operation ist die über einen Bauchspiegel ("Laparoskop") durchgeführte Antireflux-Operation mit dem Namen "Fundoplicatio". Hierbei wird der Speiseröhre-Magen-Übergang soweit verengt, dass die Verschluss-Funktion wieder hergestellt ist.- In folgenden Fällen sollten Refluxpatienten mit ihren Ärzten über eine mögliche Antireflux-OP sprechen: - wahrscheinlich lebenslänglich nötige Antisäure-Medikamente, - Säurehemmer wirkungslos, - chronische Speiseröhren-Entzündung, - Barrett-Schleimhaut der Speiseröhre, - erhebliche Reflux-Komplikationen (z. B. chronische Bronchitis), - stark eingeschränkte, gestörte Funktion des Speiseröhrenverschlusses, - Zwerchfellbruch ("Hiatus-Hernie"), - Gallenrückfluss bis in die Speiseröhre. Die "laparoskopische Fundoplicatio" hat in erfahrener Chirurgenhand eine Erfolgsquote von bis zu 90 Prozent. Der Eingriff wird von den Krankenkassen bezahlt und kostet etwa soviel wie eine siebenjährige Medikamententherapie. DeMeester betonte den erheblichen Zugewinn an Lebensqualität einer solchen, wenig eingreifenden ("minimal-invasiven") Antireflux-Operation, da keine Medikamente mehr einzunehmen sind und zumeist völlige Beschwerdefreiheit besteht.
Achtung: Wird bei einer Speiseröhrenuntersuchung entzündete oder Barrett-Schleimhaut entdeckt, ist dies kein Grund zur Panik oder Krebsangst! Das wichtigste ist dann eine individuell sinnvolle Kombination der vorgestellten Therapien. Und natürlich: Regelmäßige Nachuntersuchung der Speiseröhre in Abständen von 1-2 Jahren (in Absprache mit dem Facharzt).
- Bericht vom Internationalen Symposium für Chirurgen und Gastroenterologen "U.S. Meets Europe on Barrett's", European Surgical Institute (ESI), Norderstedt/Hamburg, 23.-25.9.2002. Vorsitz: Tom R. DeMeester, Los Angeles; Jürgen Brenner; Hamburg. Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion.


