Prof. Tom R. DeMeester im Interview
Über Barrett-Ösophagus, PPI und Antirefluxchirurgie
![]() Prof. Dr. Tom DeMeester, Los Angeles. |
Norderstedt/Hamburg. Das Ende der Risikofaktor-Medizin (z. B. WHO Monica-Studie [1]), der Abschied von der Hormonersatzbehandlung (z. B. Women's Health Initiative/WHI-Studie [2]) oder die Rückkehr zu seit Jahrzehnten bewährten Hochdruckregimen (z. B. ALLHAT-Studie [3]) zeigen die enorme Bewegung in der modernen Medizin. Auch in der Gastroenterologie bewegt sich - z. B. in Hinsicht auf die säureassoziierte Refluxerkrankung (GERD) - vieles. Nicht zuletzt, weil die oft einseitige Fixierung auf eine medikamentöse Säuresuppression viele medizinische Refluxkomplikationen völlig ungelöst lässt (Aspirationsprobleme, Entwicklung von Barrett-Ösophagus, Dysplasie, Adenokarzinom etc.). Und möglicherweise sogar neue schafft, wie im Rahmen des internationalen Symposiums "U.S. Meets Europe on Barrett's" im European Surgical Institute (ESI) in Norderstedt bei Hamburg deutlich wurde [4]. Kaum jemand hat wohl mehr zum Verständnis der Pathophysiologie oder zur Diagnose und Therapie von gut- wie bösartigen Ösophaguskrankheiten beigetragen als der Chirurg Prof. Dr. Tom Ryan DeMeester, Los Angeles/USA. Der weltweit anerkannteste Experte (siehe z. B. Medline) hinsichtlich Refluxerkrankung, Barrett-Ösophagus oder Barrett-Adenokarzinom nahm in einem Interview zu den divergierenden Grundkonzepten hinsichtlich säureassoziierter Ösophaguserkrankungen Stellung.
? |
Prof. DeMeester, zunehmend werden konzeptionelle Unterschiede zwischen Innerer Medizin und Chirurgie erkennbar, die die klinische Relevanz des Barrett-Ösophagus (BE) betreffen. Bitte erläutern Sie die praktische Bedeutung des BEs als Komplikation der chronischen Refluxkrankheit (GERD). |
DeMeester |
Ein Barrett-Ösophagus findet sich bei etwa 12 Prozent aller GERD-Patienten. Barrett ist eine spezielle Form der Gewebeschädigung und geht mit einem erheblichen Verlust normaler Ösophagusfunktionen einher. Eine wie auch immer geartete Medikation verändert wenig am Barrett. Nach dem Motto "wir behandeln, was wir behandeln können - alles andere lassen wir links liegen" unternehmen Ärzte konsequenterweise wenig gegen BE. |
? |
Ist denn eine therapeutische Intervention überhaupt notwendig? |
DeMeester |
Ja! Etwa 0,5-1 von 100 Patienten mit Barrett-Ösophagus wird pro Follow-Up-Jahr Krebs entwickeln. Das bedeutet: Wenn Sie Barrett haben, beträgt die Chance, im Verlauf der nächsten 10 Jahre ein ösophageales Adenokarzinom zu entwickeln, rund 5-10%. Und vergessen Sie nicht: Diese Krebsart ist eines der am meisten gefürchteten Karzinome, die wir beim Menschen kennen! |
? |
Vor Beginn der PPI-/Helicobacter-Ära gab es zahlreiche Theorien zu Ätiologie, Pathogenese oder auch den therapeutischen Optionen von "säureassoziierten" Erkrankungen wie GERD oder Ulcus. Welche pathophysiologische Rolle spielt Magensäure für ösophageale "peptische" Erkrankungen (im Vergleich zu anderen potentiell toxischen Substanzen)? |
DeMeester |
* Die Salzsäure des Magens alleine ist weniger schädigend als |
? |
Eine forcierte PPI-Therapie ist also angesichts der Häufigkeit von Barrett und der von Ihnen geschilderten in Richtung Ösophaguskarzinom führenden Pathophysiologie weniger sinnvoll? Wie sieht es mit Antirefluxchirurgie (ARS) aus? |
DeMeester |
Mit PPIs sind bestimmte Refluxsymptome behandelbar. Dabei können auch mögliche Refluxkomplikationen eines stark sauren pHs unterhalb von 2 (Ösophagitis, Ulcus, Strikturen, Karditis) beeinflusst werden. Allerdings werden mit dieser Therapie eben auch die Komplikationen eines schwach sauren Magensaftes (pH zwischen 3-5) gefördert (intestinale Metaplasie, Dysplasie, Karzinom). Chirurgische Maßnahmen hingegen beenden den Reflux komplett. Und sie ändern nicht den natürlichen pH im Magen. |
? |
Welche Rolle kann die Antirefluxchirurgie (z. B. die laparoskopisch-videoskopische Fundoplicatio) bei GERD spielen? |
DeMeester |
Chirurgische Maßnahmen stellen den natürlichen Antireflux-Mechanismus des Speiseröhren-Magen-Übergangs wieder her. Deshalb werden sie umso bedeutender für die Behandlung von GERD sein, je weniger invasiv die chirurgischen Methoden sind. |
? |
Welche Bedeutung haben nicht-gastrointestinale GERD-Komplikationen, z. B. Aspirationsprobleme (Rachen, Atemwege)? |
DeMeester |
Die Aspiration von Magensaft ist eine häufige Komplikation der Regurgitation in Folge geschädigter Antireflux-Mechanismen des gastroösophagealen Sphinkters. Deshalb ist Chirurgie die einzig angemessene Lösung auch für dieses Refluxproblem. |
!! |
Dr. DeMeester, vielen Dank für das Interview! |
- Kuulasmaa K, Tunstall-Pedoe H, Dobson A, Fortmann S, Sans S, Tolonen H, Evans A, Ferrario M, Tuomilehto J: Estimation of contribution of changes in classic risk factors to trends in coronary-event rates across the WHO MONICA Project populations. Lancet. 2000; 355(9205): 675-87 (Medline).
- Rossouw JE, Anderson GL, Prentice RL, LaCroix AZ, Kooperberg C, Stefanick ML, Jackson RD, Beresford SA, Howard BV, Johnson KC, Kotchen JM, Ockene J.: Risks and Benefits of Estrogen Plus Progestin in Healthy Postmenopausal Women: Principal Results From the Women's Health Initiative Randomized Controlled Trial. JAMA. 2002; 288(3): 321-333 (Medline).
- The ALLHAT Officers and Coordinators for the ALLHAT Collaborative Research Group: Major outcomes in high-risk hypertensive patients randomized to angiotensin-converting enzyme inhibitor or calcium channel blocker vs diuretic: The Antihypertensive and Lipid-Lowering Treatment to Prevent Heart Attack Trial (ALLHAT). JAMA. 2002; 288(23): 2981-97 (Medline).
- International Symposium for Surgeons and Gastroenterologists "U.S. Meets Europe on Barrett's", European Surgical Institute, Norderstedt/Hamburg, 23.-25.9.2002. Vorsitz: Tom R. DeMeester, Los Angeles; Jürgen Brenner; Hamburg.
- Das Interview führte Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion.


