Medikamente zur Unterdrückung der Säurebildung oder -freisetzung
Patientenaufklärung verhindert unsinnige Langzeit-Verordnungen und spart Kosten
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Die oft unangemessene ärztliche Verordnung von Medikamenten zur Blockade der Säurebildung oder -freisetzung im Magen, besonders bei der Gruppe der sog. Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI), ist ein bedeutender Grund zur Sorge in den meisten industrialisierten Ländern, sagen Ärzte und Wissenschaftler von vier niederländischen Universitäten [1].
Denn: Die Zahl von Patienten, die PPIs einnehmen, ist sehr viel höher als die Häufigkeit der Erkrankungen, für die die hochwirksamen Mittel überhaupt zugelassen sind. Beispiel: In den Niederlanden bekommen schon heute zwei von 100 Patienten in allgemeinärztlichen Hausarztpraxen solche Wirkstoffe über lange Zeit, obwohl säurebedingte Erkrankungen viel seltener sind. Wird eine einfache Aufklärungs-Broschüre (siehe unten) unaufgefordert an die entsprechenden PPI-Verwender versandt, stoppen viele Patienten die Einnahme oder verringern die Dosis der Mittel, wie die niederländischen Forscher jetzt festgestellt haben. Und zwar ohne dass sich Magenbeschwerden oder Lebensqualität dadurch feststellbar änderten!
Weder in den Niederlanden noch in Deutschland ist die Präparategruppe zur Behandlung des häufigen Reizmagens zugelassen, oder wie Ärzte sagen der 'Dyspepsie' (Medizinerdeutsch für 'gestörte Verdauung/ssäfte'). Grund: Der Reizmagen ist eine Funktionsstörung (Völle-, Druck- oder vorzeitiges Sättigungsgefühl, Blähungen, Sodbrennen, Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit oder selten auch mal Erbrechen) an der fast jeder dritte Mensch gelegentlich mal leidet. Eine Erkrankung durch ein dauerhaftes Zuviel an Magensäure ist es jedenfalls nicht, eine Langzeit-Behandlung mit Mittel, die die Säurebildung unterdrücken, ist also mehr als sinnlos (bedenkt man einmal mögliche Nebenwirkungen) und belastet zudem erheblich die Etat von Krankenkassen und -versicherungen.
An Patienten, die Langzeitanwender von Medikamenten gegen Dyspepsie sind
Niederländischen Allgemein- und Hausärzte wird geraten, die Langzeit-Medikation bei Patienten, die an Dyspepsie leiden, zu diskutieren. Für Patienten, die Medikamente zur Unterdrückung der Säurebildung oder -freisetzung für lange Zeiträume einnehmen, wäre es ratsam, ihren Allgemein- oder Hausarzt alle sechs Monate aufzusuchen, damit geprüft werden kann, ob die Medikamentenverwendung noch weiter nötig ist. Häufig besteht die Situation, dass Patienten mit Dyspepsie stärkere Medikamente als notwendig einnehmen und zudem länger als notwendig.
Überlegen Sie, ob die folgenden Aussagen auf Sie zutreffen:
- Ich würde gerne die Dosierung der Medikation verringern
- Ich würde gerne die Einnahme des Mittels/der Mittel beenden
- Ich würde gerne mit meinem Hausarzt darüber sprechen, ob ich selbst etwas ändern kann, damit ich nicht immer diese Medikamente nehmen muss
- Ich würde diese Medikamente gerne nur manchmal einnehmen, weiß aber nicht, ob mein Hausarzt zustimmt
- Ich weiß eigentlich nur sehr wenig darüber, warum es weiterhin nötig ist, diese Medikamente weiter einzunehmen
Wenn nur einer der oben genannten Punkte auf Sie zutrifft, könnte es ratsam sein, darüber mit Ihrem Hausarzt zu sprechen.
nach: Krol, Wensing, Haaijer-Ruskamp, Muris, Numans, Schattenberg, Balen, Grol, 2004.
Im Rahmen der niederländischen Studie wurden 160 Patienten aus 20 Hausarztpraxen untersucht. Rund die Hälfte hiervon bekam den Infotext, die anderen keinen. Zu Beginn der Untersuchung sowie 12 und 20 Wochen später, wurden die Studienteilnehmer telefonisch befragt. Es zeigte sich, dass 24% jener Patienten, die den Infotext bekommen hatten, die Medikamenten-Einnahme beendet oder die Dosis verringert hatten. Bei Patienten, die den Infotext nicht erhalten hatten, waren es nur 7%. Auch nach 20 Wochen lag der Anteil von Patienten, die keine oder eine verringerte Dosis an PPIs einnahmen, noch bei 15%. Unterschiede zwischen beiden Gruppen hinsichtlich der Dyspepsie-Beschwerden oder der Lebensqualität waren nicht zu registrieren. Die Forscher kommen zum Schluss: Bereits einfache Informationen an Daueranwender von säuresupprimierender Medikamenten führen bei vielen zum Stopp der Einnahme oder zu einer verringerten Dosierung ohne dass sich die Schwere der Beschwerden ändert oder irgendwelche anderen Änderungen der Lebensqualität ergeben (z. B. das Gefühl, gesund und vital zu sein). Die Ergebnisse der Studie belegen auch, so heißt es weiter, dass es ein guter Weg ist, Patienten direkt anzusprechen, damit sie ein Gespräch mit ihrem Arzt führen und diesen dazu motivieren, die einmal gewählte Medikation, ihre Dauer und Dosierung noch einmal zu überdenken.
Kommentar von Sodbrennen-Welt.de
Wie der Pharmakritiker und Pharmakologe Prof. Dr. med. Peter Schönhofer, Universität Bremen, kürzlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen feststellte, ist die Entwicklung und Vermarktung von Medikamenten für Gesunde anstatt Kranke ökonomisch viel interessanter. Einfach deshalb, weil es viel mehr Gesunde als Kranke gibt (auch wenn ärztliche Fachgesellschaften dies massiv zu ändern versuchen, z. B. durch Veränderung von bisher als "normal" geltenden Standardwerten wie Blutdruck, Cholesterinspiegel im Blut und vielen anderen Werten).
Doch auch die unangemessene, wissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Überverordnung von Medikamenten, hier z. B. von Protonenpumpeninhibitoren, entweder an Gesunde oder an Patienten, bei denen diese Medikamente weitgehend wirkungslos sind, ist ein Weg, die Umsätze zu steigern. Wirkungsvolle Arzneimittel, die beispielsweise die Beschwerden bei gelegentlichem Sodbrennen von ansonsten Gesunden schnell und befriedigend lindern oder beseitigen, wie Antazida, dürfen hingegen seit Anfang 2004 nicht einmal mehr von den Krankenkassen bezahlt werden.
- Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion, Mai 2004.
- Bildquelle: sxc.hu, © forwardcom
- Krol N, Wensing M, Haaijer-Ruskamp F, Muris JW, Numans ME, Schattenberg G, Balen J, Grol R: Patient-directed strategy to reduce prescribing for patients with dyspepsia in general practice: a randomized trial. Aliment Pharmacol Ther. 2004 Apr 15;19(8):917-22. (Medline).

