Bestätigung alter Vorurteile
Sodbrennen durch Weißwein
Bei Alkoholkranken findet sich auffallend oft eine Refluxösophagitis, also eine Entzündung der Speiseröhrenschleimhaut. Als Ursache wird einerseits die schleimhautschädigende Wirkung von Alkohol selbst, andererseits ein gesteigerter gastroösophagealer Reflux angenommen (Rückfluß von Magensaft in die Speiseröhre) - induziert durch alkoholische Getränke wie Whiskey, Wodka, Bier oder Wein. Vor allem von Weißwein wird immer wieder behauptet, er löse sowohl bei Gesunden als auch bei Menschen mit chronischem Sodbrennen einen verstärkten Rückfluß von Magensaft in die Speiseröhre aus (und damit auch vermehrtes Sodbrennen). Eine Arbeitsgruppe am Unikrankenhaus München-Bogenhausen hat den Mechanismus erforscht, der hierzu führen könnte [1].
Die Forscher untersuchten bei zwölf Freiwilligen mittels Druckmessung in der Speiseröhre („Ösophagus-Manometrie“) und Säuremessung in dem Organ („Ösophagus-pH-Metrie“) Häufigkeit, Stärke und Länge des Refluxes aus dem Magen nach 300 ml Weißwein beziehungsweise der gleichen Menge von Leitungswasser (jeweils kombiniert mit einer standardisierten Mahlzeit). Die Messungen zeigten deutlich: Weißwein führte bei den Versuchspersonen zu einer massiven Erniedrigung des pH-Wertes in der Speiseröhre, sprich einer erheblichen Säurebelastung. Während der Refluxepisoden war die Beweglichkeit („Motilität“, Maß für Entleerung und Selbstreinigung der Speiseröhre) deutlich beeinträchtigt. Und: Nach Weißweinkonsum kam es bei den gesunden Versuchspersonen selbst dann zu erneuten Refluxepisoden, wenn die Speiseröhre noch vom letzten Rückflussanfall ganz sauer war („Re-Reflux“). Nach dem Trinken von Leitungswasser traten diese Veränderungen nicht auf.
Kommentar: Auch wenn die zitierte Arbeit sogar als Doktorarbeit von Martina Frommherz vorgelegt wurde, und die Arbeitsgruppe um Christian Pehl schon häufiger das Thema Wein und Reflux aufgegriffen hat (vielleicht als geschmackvolles Hobby?), fehlen wesentliche methodische Aussagen, die Weißwein-Liebhaber zum Weinverzicht bewegen könnten. Beispielsweise: Ist die beobachtete Störung der Peristaltik, die verringerte Speiseröhren-Selbstreinigung oder die Häufigkeit des Re-Refluxes bei allen Weißwein-Sorten die gleiche? Welche Rebsorten, Lagen oder Jahrgänge wurden überhaupt verwendet? Wie reagieren Patienten mit Sodbrennen auf Weinkonsum? Wie sind die in früheren Publikationen berichteten Unterschiede zwischen Rot- und Weißwein zu erklären [2]?
- Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion.
- [1] Pehl C, Frommherz M, Wendl B, Pfeiffer A: Gastroesophageal reflux induced by white wine: the role of acid clearance and "rereflux". Am J Gastroenterol. 2002 Mar;97(3):561-7 (Medline).
- [2] Pehl C, Pfeiffer A, Wendl B, Kaess H: Different effects of white and red wine on lower esophageal sphincter pressure and gastroesophageal reflux. Scand J Gastroenterol. 1998 Feb;33(2):118-22 (Medline).

