Akupunktur gegen Sodbrennen?
Die elektrische Stimulation eines Akupunkturpunktes am Handgelenk kann im Experiment die Zahl künstlich ausgelöster Erschlaffungen des Verschlussmuskels zwischen Speiseröhre und Magen (Sphinkter) signifikant verringern, zeigten jetzt australische Forscher [1]. Dieser Muskel verschließt die Speiseröhre solange keine Nahrung über die Speiseröhre in den Magen gelangen muss. Und verhindert so den Rückfluß (Reflux) von saurem Mageninhalt in das empfindliche Organ (solch ein Rückfluß kann z. B. Sodbrennen auslösen). Lockert er sich häufig, z. B. auch wenn keine Nahrung von oben kommt, sind durch Reflux schmerzhafte Beschwerden mit häufigem Sodbrennen möglich. Akupunktur und andere Verfahren der Komplementärmedizin beanspruchen besonders dann eine therapeutischen Wirkung, wenn Funktionsstörungen eines Organs vorliegen.
Akupunktur vermag Wahrnehmungen oder Funktionen, die in den Eingeweiden auftreten zu verändern, zu modulieren, wie immer wieder gezeigt werden konnte. Schon seit altersher wird z. B. der Neiguan-Punkt (P 6/KS 6 - „innerer Pass“) in China dazu benutzt, um Beschwerden des oberen Verdauungstraktes zu behandeln. Einige Akupunktur-Effekte könnten, wie moderne Forschungen nahelegen, durch die Freisetzung von körpereigenen opiatähnlichen Substanzen (endoge Opioide) vermittelt werden und sind dann durch die Gabe von Naloxon umkehrbar (Naloxon bindet an die Opioid-Rezeptoren, vermittelt aber keine morphinartigen Effekte, ist also ein Blocker von Opioid-Wirkungen). Die Dehnung des Magens ist ein wichtiger Auslöser für die vorübergehende Entspannung der Muskulatur im unteren Bereich der Speiseröhre (transient lower esophageal sphincter relaxations, TLESR).
Die australische Studie sollte untersuchen, ob die elektrische Stimulation des Neiguan-Punktes Effekte auf die TLESRs auslöst und ob diese mit Naloxon umkehrbar sind. Bei 14 freiwilligen Probanden wurde in randomisierter Reihenfolge am gleichen Tag entweder eine Elektroakupunktur-Stimulation des Neiguan-Punktes und eines Placebopunktes an der Hüfte durchgeführt. Bei 12 gesunden Freiwilligen wurden zudem die Effekte einer Injektion von Naloxon (80 µg/kg i.v. als Bolusinjektion) oder einer Salzlösung auf die elektrische Akupunkturpunkt-Stimulation getestet. Die Beweglichkeit der Speiseröhrenmuskulatur (Ösophagus-Motilität) wurde nach Dehnung des speiseröhrennahen Magenanteils durch 500ml Luft mittels einem Barostat-Ballon gemessen.
Ergebnisse: Die elektrische Akupunkturstimulation des Neiguan-Punkte verringerte die Rate der TLESRs signifikant um ca. 40% (von median 6 pro Stunde auf 3,5 pro Stunde; p < 0,02). Die Akupunkturstimulation hatte keine Effekte auf den Grundtonus des unteren Ösophagussphinkters (basal LES pressure), den Resttonus während TSLERs (residual LES pressure), die Dauer der TLESRs oder Magen-Darm-Beschwerden wie Völlegefühl, Blähung, unangenehmes Druckgefühl oder Übelkeit. Die Effekte der Akupunkturbehandlung wurden nicht durch Naloxan geblockt.
Die Autoren resümieren: Die Elektroakupunktur des Neiguan-Punktes verringert signifikant die Frequenz der durch Magendehnung bei Gesunden ausgelösten TLESRs, wobei der Effekt nicht durch Opioid-Rezeptoren vermittelt zu sein scheint. Eine therapeutische Anwendung ist beim derzeitigen Stand der Untersuchungen aus Sicht der australischen Forscher nicht zu rechtfertigen. Zuerst müssten erst einmal mögliche Effekte auch bei Sodbrennen-/Refluxpatienten geprüft werden. Völlig unklar ist auch noch, ob sich mit Elektroakupunktur nachhaltige therapeutische Effekte bei solchen Indikationen erzielen lassen.
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Der Punkt „Neiguan“ (P 6) liegt auf der Kreislauf-Leitbahn (Meridian) auf der Innenseite der Handgelenke, drei Finger breit (der eigenen Finger!) von der Handgelenksfalte armaufwärts, zwischen den beiden Beugersehnen. Wenn Sie die Hand zur Faust ballen und dabei etwas einknicken, treten die Sehnen gut sichtbar hervor. Der „Innere Pass“ hat nicht zuletzt deshalb eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil spezielle Armbänder, die diesen Punkt dauernd stimulieren, zur Behandlung von Reisekrankheiten eingesetzt werden. Neiguan kann aus Sicht der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) mehr als nur schmerzhafte Probleme im Magenbereich angehen. Hinweis: Gegen einen Selbstversuch bei nur leichten Beschwerden ist nichts einzuwenden. Neiguan mittels Akupressur, also ohne Nadeln oder Strom, angeregt, kann z. B. hilfreich bei Übelkeit oder anderen vorübergehenden Oberbauchbeschwerden sein. Hierzu massieren Sie den Punkt mit dem Zeigefinger kräftig für 1-2 Minuten, jeweils links und rechts. Eine mehrmalige Wiederholung nach etwa 15-30 Minuten ist erlaubt. Die Massage sollte ein starkes, in der Tiefe unter dem Punkt fühlbares Druckgefühl auslösen.
- [1] Zou D, Chen WH, Iwakiri K, Rigda R, Tippett M, Holloway RH: Inhibition of transient lower esophageal sphincter relaxations by electrical acupoint stimulation. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol. 2005 Aug;289(2):G197-201 (Medline).
- Rainer H. Bubenzer - multi MED vision, Berliner Medizinredaktion.

