Chronisch-wiederkehrende Nasen-Polypen durch Reflux?
Die chronisch-wiederkehrende Entzündung von Nase und Nasennebenhöhlen mit Bildung von Schleimhautwucherungen - „chronisch-polypöse Rezidivsinusitis“ - ist ein Millionenproblem. In den USA sollen bis zu 16% der erwachsenen Bevölkerung hiervon betroffen sein. Etliche Einflüsse sind bekannt, die die Krankheits-Neigung erhöhen, zum Beispiel eine Asthma-Erkrankung. Die chronisch-polypöser Rezidivsinusitis soll möglicherweise auch mit der Refluxkrankheit zusammenhängen, wie jetzt eine Gruppe von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten von der Uni Mainz berichtet [1].
Nimmt man an, dass häufiger Rückfluss von mehr oder weniger aggressivem Mageninhalt („chronische Refluxkrankheit“) bis in den Rachen- und Nasenraum die Entstehung von Schleimhautwucherungen fördert, wäre auch erklärbar, warum die Polyposis trotz moderner und verbesserter chirurgischer Techniken und optimierter nachoperativer Therapie sehr häufig zurückkehrt, es also sehr häufig zu Rezidiven kommt. Derzeit ist vor allem unklar, ob der beim Reflux bis in den Nasen-Rachenraum zurückfließende Mageninhalt („Refluat“) direkt die Schleimhaut der Atemwege schädigt, ob das oft saure Refluat über reflexartige Nervenstimulation in der Speiseröhre zu einer Entzündungsreaktion im Nasen-Rachenraum führt („vagus-vermittelte Neuroinflammation“) oder ob vielleicht beide Mechanismen kombiniert schädigende Auswirkungen haben.
Um diese Frage zu klären, untersuchten die Mainzer Forscher 20 Patienten mit chronisch-polypöser Rezidivsinusitis (1-8 Voroperationen) sowie 20 gesunde Freiwillige mittels ambulanter 24-Stunden-Säuremessung in der Speiseröhre (Zweikanal-24-pH-Metrie). Das Untersuchungs-Verfahren erlaubt die Messung der Säurebelastung sowohl in der Speiseröhre, als auch im Bereich des unteren Rachens („Hypopharynx“). So kann nicht nur gemessen werden, wie lange ein Reflux in der Speiseröhre dauert oder wie sauer es dabei wird, sondern auch, ob saures Refluat über den Kehlkopf hinaus den Rachen erreicht.
Bei allen drei Parametern fanden sich signifikante Unterschiede in der Speiseröhre, während es keine Unterschiede im unteren Rachen gab. Deshalb findet man bei diesen Patienten auch keine typischen refluxbedingten Kehlkopf-Veränderungen, zum Beispiel eine Kehlkopf-Entzündung. |
Ergebnisse: Patienten mit rezidivierender Polyposis nasi hatten statistisch signifikant häufigere Refluxereignisse in der Speiseröhre. Zudem war der Anteil der besonders sauren Refluxphasen (pH < 4) sowie des Reflux Area Index (RAI, ein Zahlenwert, der Anzahl, Länge und Stärke des Refluxes berücksichtigt) bis zum 10fachen gegenüber gesunden Probanden erhöht. 11 der 20 Patienten hatten zudem eine Säurebelastung, die eindeutig für eine chronische Refluxerkrankung sprach. Im Bereich des Hypopharynx wurden diese Unterschiede nicht gemessen. Ein Reflux, der über den Kehlkopf in Richtung Nasen-Rachenraum reichte, konnte also nicht festgestellt werden, zudem fehlten hierfür sprechende Schleimhautschäden oder -entzündungen am Kehlkopf.
Die Mainzer Gruppe kommt deshalb zu dem Schluss: Bei Patienten mit chronisch-polypöser Sinusitis, besonders bei Rezidiven oder verlängerter Heilungszeit nach einer Operation, sollte neben anderen Ursachen auch an eine zusätzliche Refluxproblematik als Triggerfaktor gedacht werden. Da sich diese nicht mit dem bei HNO-Ärzten häufig verwendeten Kehlkopfspiegel nachweisen lässt, muss pH-Metrie als Diagnoseverfahren eingesetzt werden. Dabei sollte die Zweikanal-Technik als Methode der Wahl verwendet werden, nicht zuletzt, weil subjektiv geschilderten Beschwerden der Patienten, zum Beispiel Sodbrennen, nicht verlässlich genug sind.
- Rainer H. Bubenzer (Sodbrennen-Welt.de), April 2006.
- Jecker P, Orloff LA, Wohlfeil M, Mann WJ: Gastroesophageal reflux disease (GERD), extraesophageal reflux (EER) and recurrent chronic rhinosinusitis. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2006 Jul;263(7):664-7. Epub 2006 Mar 9 (Medline).
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