Protonen-Pumpen-Inhibitoren & Darminfektionen
Standard-Medikamente zerstören Magensäure-Infektionsschutz
Beliebte und häufig eingesetzte Medikamente gegen Sodbrennen - beispielsweise die „ Protonen-Pumpen-Inhibitoren“ (PPI), die die Magensäure-Freisetzung blockieren - erhöhen die Gefahr infektiös bedingter Durchfallerkrankungen, zeigt eine Studie kanadischer Wissenschaftler. Die Einnahme von Wirkstoffen wie Esomeprazol (z. B. in Nexium®) oder Omeprazol (z. B. in Antra®) steigert die Gefahr einer durch das Bakterium Clostridium difficile verursachten Durchfallerkrankung um das Dreifache, heißt es in der Publikation. Ebenfalls häufig verordnete Wirkstoffe gegen Sodbrennen aus der Gruppe der „ H2-Blocker“, die die Magensäure-Bildung blockieren (z. B. Zantic® mit dem Wirkstoff Ranitidin), steigern die Gefahr solcher bakterieller Durchfälle um das Doppelte [1].
Häufigkeit von Clostridium difficile-Infektionen pro 100.000 (nach [1] |
Wird der Säuregehalt des Magens deutlich verringert, wie es die genannten Medikamente tun, zerstört die ätzende Magen-Salzsäure manche Keime nicht mehr, die bei jedem Menschen bis zum Magen vordringen können. Anders ausgedrückt: Der biologisch notwendige Säureschutz des Magens gegen infektiöse Eindringlinge wird geschwächt. Folgen: Bakterien gelangen über die Nahrung nicht nur bis zum Magen, sondern dringen auch in den normalerweise erregerfreien („sterilen“) Dünndarm ein. Dort vermehren sie sich und führen letztlich zu einer Infektionskrankheit im Verdauungstrakt mit typischen Beschwerden wie Durchfall, Leibkrämpfen oder Schmerzen. Sind die Erreger aggressiver und/oder die Patienten älter oder durch andere Erkrankungen geschwächt, können die Infektionen auch zum Tode führen.
Das Bakterium mit dem Namen Clostridium difficile ist der dritthäufigste Erreger infektiöser Durchfall-Erkrankungen bei Patienten im Alter von 75 Jahren und darüber, so berichtet Sandra Dial von der McGill University in Montreal/Kanada, eine der Autorinnen der Studie, in dem renommierten US-Ärztefachblatt „Journal of the American Medical Association“. Während Patienten in früheren Zeiten zumeist nur bei Krankenhaus-Aufenthalten mit infektions- und entzündungsverursachenden Clostridium difficile-Bakterien konfrontiert waren, infizieren sich jetzt immer mehr Menschen auch anderswo. Zum Beispiel im heimischen Lebensumfeld (also ohne zuvor im Krankenhaus gewesen zu sein), wie Dial und Mitarbeiter im Rahmen ihrer Studie herausgefunden haben. Während es 1994 nur zu einer solchen, im Lebensumfeld erworbenen Clostridien-bedingten Durchfall-Erkrankung pro 100.000 der Bevölkerung kam, stieg deren Anzahl bis 2004 auf 22 pro 100.000 der Bevölkerung. In jüngster Vergangenheit auftretende Clostridien-Infektionsausbrüche in den USA oder der kanadischen Provinz Quebec deuten zudem darauf hin, dass bestimmte Stämme des Erregers immer öfter schwere Erkrankungs-Verläufe bewirken und auch immer häufiger tödlich verlaufen, heißt es in kürzlich publizierten Studien [2].
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Eine Studie wie die hier vorgestellte muss Widerspruch hervorrufen, vor allem von Seiten der Hersteller von PPI und H2-Blockern. Doch: Die Bedeutung von vorheriger Antibiotika-Therapie, dem Alter der Patienten oder von Krankenhausaufenthalten als - schon lange - bekannte Risikofaktoren für Clostridien-Darminfektionen wird von den Autoren überhaupt nicht in Frage gestellt. Allerdings ist eben auch der Gebrauch von oft und von den Ärzte gerne eingesetzten Säureblockern ein - bislang unbekannter - Risikofaktor. Hinzu kommt die bedrohliche Zunahme der Aggressivität der Erreger. Auch über die Ursache des Zusammenhangs zwischen Säureblocker-Verwendung und Darm-Infektionen lässt sich trefflich streiten (Clostridien werden zum Beispiel als Sporen übertragen, gegen die Magensäure nach bisheriger Auffassung wenig ausrichten kann). Dass jedoch mit immer weniger Säure im Magen immer öfter Infektionen einhergehen - übrigens auch der Atemwege -, ist schon länger bekannt. Einer der Gründe: Auch Funktionen des Abwehrsystems selbst werden durch die Wirkstoffe geschwächt. Deshalb: Besonders der chronische Einsatz von PPI und H2-Blockern und die Verordnung an ältere Menschen sollte kritisch hinterfragt werden, so ist ein Resümee der vorgelegten Arbeit. Nicht zuletzt, weil wegen vielfältiger Schmerzsyndrome im Alter, oft zum Beispiel rheumatisch bedingt, millionenfach „ nicht-steroidale Antirheumatika“ (NSAR) verordnet werden. Deren Haupt-Nebenwirkungen sind jedoch säurebedingte Magengeschwüre mit der Gefahr lebensgefährlicher Magendurchbrüche. Und diese Geschwüre werden überwiegend mit PPI oder H2-Blockern behandelt. Aus diesem Teufelkreis ärztlich bewirkter („iatrogener“) Komplikationen oder Folgekrankheiten - besonders in der Altersmedizin - kann nur durch eine evidenzbasierte Therapie-Optimierung ausgebrochen werden, die nicht primär von den Umsatzinteressen bestimmter Hersteller diktiert ist. Hinweis: Bewährte Antazida, zum Beispiel aus Aluminium- und Magnesiumhydroxid, entfalten ulkusheilende Effekte im Magen bei nur moderater pH-Wert-Senkung [3].
- Autor: Rainer H. Bubenzer (Sodbrennen-Welt.de), Mai 2006.
- Dial S, Delaney JA, Barkun AN, Suissa S: Use of gastric acid-suppressive agents and the risk of community-acquired Clostridium difficile-associated disease. JAMA. 2005 Dec 21;294(23):2989-95 (Medline).
- Eggertson L: Quebec strain of C. difficile in 7 provinces. CMAJ. 2006 Feb 28;174(5):607-8 (Medline, Volltext).
- Bosseckert H, Bubenzer RH: Antazida - Therapieprinzip mit breitem Wirkspektrum. Dtsch Apoth Ztg. 2004 Feb 19;144(8): 857-63. („Der pH-Wert ist nicht alles“)

