Bakterien in Magen und Zwölffingerdarm
Mögliche Ursache für Refluxbeschwerden
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Jahrhundertelang glaubten Ärzte, im Magen sei es so sauer, dass kein Erreger überleben könne. Mit dem Nachweis des Bakteriums Helicobacter pylori im Magen wurde dies widerlegt. Jetzt wiederholt sich die Geschichte: Bakterien im Darm, Zwölffingerdarm oder Dünndarm - außer Helicobacter pylori - kommen nur bei kranken oder hinfälligen alten Menschen im Krankheitsfall vor [1], so die Lehrbuchmeinung. Doch moderne japanische Forschungsergebnisse zeigen nicht nur, dass im oberen Darm möglicherweise viel mehr Bakterien leben als gedacht, sondern auch, dass deren Aktivität im Zusammenhang mit der Refluxkrankheit und ihren Beschwerden wie zum Beispiel Sodbrennen stehen könnte [2].
Prinzipiell ist das Untersuchungs-Verfahren der Forscher von der Universität Tokio bestechend einfach: Entnahme von Gas aus dem Magen oder Zwölffingerdarm und sofortige Analyse im Gaschromatographen. Finden sich Wasserstoff oder Methan ab einer bestimmten Konzentration, ist dies ein äußerst sicherer Hinweis auf die bakterielle Gärungs-Herstellung dieser Gase vor Ort. Das Problem: Bislang gab es nur die Möglichkeit, diese Gase (vor allem Wasserstoff) in der Ausatemluft von Patienten zu bestimmen - ein ziemlich ungenaues Verfahren. Jetzt stehen jedoch neuartige Magenspiegel (Endoskope) zur Verfügung, mit denen eine Gasentnahme während der endoskopischen Untersuchung von Speiseröhre, Magen oder Zwölffingerdarm möglich wird. Es muss lediglich darauf geachtet werden, dass die Gase entnommen werden, bevor das übliche „Aufblasen“ des Magens mit Gas stattfindet.
Gärung, der anaerobe (ohne Sauerstoff verlaufende) enzymatische Abbau von organischen Verbindungen, besonders von Kohlenhydraten, wobei die beteiligten Enzyme (Gärungsenzyme) von lebenden Mikroorganismen (Hefezellen, Bakterien, Schimmelpilze u. a.) oder von Zellen höherer Organismen gebildet werden. Die Gärung beginnt mit der Reaktionskette der Glykolyse (Abbau von Glucose zu Brenztraubensäure). Bei der Milchsäuregärung wird die Brenztraubensäure zu Milchsäure hydriert (bedeutend für die Energiegewinnung bei der Muskelarbeit). Bei der insbesondere durch Hefen bewirkten alkoholischen Gärung entsteht aus Traubenzucker oder anderen Hexosen Alkohol (Äthanol) und Kohlendioxid (CO2). Die Propionsäuregärung spielt v. a. bei der Käsereifung eine Rolle (die Löcher im Schweizer Käse entstehen durch dabei freigesetztes CO2).
Quelle: Der Brockhaus multimedial 2006.
Bei den Untersuchungen zeigte sich: Bereits im Magen findet bei rund 15 Prozent der untersuchten 490 Personen bakterielle Gärung statt, die zur übermäßigen Bildung von Wasserstoff und/oder Methan führt [3]. Besonders ausgeprägt ist die Gasbildung, also die bakteriell-fermentative Aktivität bei Patienten, die eine Magen-OP in ihrer Krankengeschichte hatten. Allerdings konnte auch bei Personen ohne Krankheitsbeschwerden eine bakterielle Besiedlung festgestellt werden.
In einer Gruppe von 793 Patienten, deren Speiseröhre und Magen gespiegelt wurde, versuchten die japanischen Ärzte dann einen Zusammenhang zwischen Gasbildung und Beschwerden der Refluxösophagitis nachzuweisen. Und tatsächlich: Bei Patienten mit refluxbedingter, entzündlicher Veränderung der Speiseröhre konnte wesentlich häufiger Gasbildung als Maß bakterieller Gärung nachgewiesen werden als bei Patienten ohne diese Erkrankung. Aus diesem Grund vermuten die Wissenschaftler, dass bakterielle Gärung im oberen Verdauungstrakt ein Risikofaktor für die Entstehung einer Refluxösophagitis sein könnte.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Diese Studienergebnisse decken sich mit ähnlichen Befunden anderer Arbeitsgruppen, die zeigen konnten: Selbst bakterielle Gärung von Kohlenhydraten im Dickdarm lässt den Speiseröhren-Schließmuskel schlaff werden und verringert die Beweglichkeit von Speiseröhre und Magen (und damit auch die normale Entleerung dieser Organe) [4]. Dies übrigens ist ein Grund, warum besonders „gesunde“ Rohkost oder ein hoher Anteil von Ballaststoffen in der Nahrung Sodbrennen auslösen oder verstärken können [5]. Ob die vorgelegten Befunde bereits ausreichen, die von den japanischen Forschern vorgeschlagene Einnahme von Probiotika zu rechtfertigen, um die bakterielle Besiedlung zu verändern, ist jedoch fraglich. Genauso fraglich wie die vorgeschlagene Verringerung der mikrobiellen Besiedlung mit Hilfe von Antibiotika.
- Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision, Berliner Medizinredaktion, Juli 2006.
Literatur
- Mitsui T, Shimaoka K, Goto Y, Kagami H, Kinomoto H, Ito A, Kondo T: Small bowel bacterial overgrowth is not seen in healthy adults but is in disabled older adults. Hepatogastroenterology. 2006 Jan-Feb;53(67):82-5 (Medline).
- Urita Y, Sugimoto M, Hike K, Torii N, Kikuchi Y, Kurakata H, Kanda E, Sasajima M, Miki K: High incidence of fermentation in the digestive tract in patients with reflux oesophagitis. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2006 May;18(5):531-5 (Medline).
- Urita Y, Ishihara S, Akimoto T, Kato H, Hara N, Honda Y, Nagai Y, Nakanishi K, Shimada N, Sugimoto M, Miki K: Hydrogen and methane gases are frequently detected in the stomach. World J Gastroenterol. 2006 May 21;12(19):3088-91 (Medline).
- Piche T, des Varannes SB, Sacher-Huvelin S, Holst JJ, Cuber JC, Galmiche JP: Colonic fermentation influences lower esophageal sphincter function in gastroesophageal reflux disease. Gastroenterology. 2003 Apr;124(4):894-902 (Medline).
- El-Serag HB, Satia JA, Rabeneck L: Dietary intake and the risk of gastro-oesophageal reflux disease: a cross sectional study in volunteers. Gut. 2005 Jan;54(1):11-7 (Medline).

