PPI-Säureblockade: Vermehrt giftiger Magensaft in der Speiseröhre
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Viele Patienten mit Refluxkrankheit berichten über anhaltendes Sodbrennen - trotz Behandlung mit Medikamenten zur Blockade der Säurefreisetzung [a]. Dies liegt nicht an der Unwirksamkeit der Mittel, sondern an einem verstärkten Rückfluß von nicht-saurem Mageninhalt in die Speiseröhre, wie US-Forscher jetzt bei ihren Untersuchungen herausgefunden haben [1]. Und: Auch dieser nicht-sauere Mageninhalt ruft Sodbrennen hervor.
Das Team um Dr. Suanne Goodrich vom Lynn Health Science Institute in Oklahoma City weist darauf hin, dass Episoden von nicht-saurem Reflux vor allem während des Schlafes bislang nicht erforscht wurden. Die Forscher vermuten, dass die Schleimhäute der Speiseröhre durch solchen nicht-sauren nächtlichen Reflux vermehrt mit schädlichen Gallensalzen und Verdauungsenzymen aus der Bauchspeicheldrüse in Kontakt kommen. Zudem steigt die Gefahr, dass dieser salzsäurearme Magensaft bis in die Atemwege und die Lungen gelangt [b].
Studie Untersucht wurden 15 Patienten mit Sodbrennen, die - nach Zufallszuteilung - für eine Woche zuerst einen sogenannten Protonenpumpen-Inhibitor („PPI“, Esomeprazol, 40 mg, 2x täglich) und dann eine Woche lang ein Scheinpräparat („Placebo“) oder umgekehrt einnahmen. Jeweils nach einer Behandlungswoche verbrachten die Versuchspersonen eine Nacht in dem Forschungslabor, um dort verschiedene aufwendige Tests durchführen zu lassen. Zum einen wurde eine Multikanal-Impedanzmessung [c] gekoppelt mit einer pH-Säuremessung [d] in der Speiseröhre durchgeführt. Zudem wurde, vergleichbar wie in einem normalen Schlaflabor, eine „polysomnographische“ Untersuchung durchgeführt. Das sind Messungen, bei denen während des Schlafes Gehirnströme, Augenbewegungen, Muskelaktivitäten und andere elektrische Aktivitäten gemessen werden. Bevor die Patienten zu Bett gingen, bekamen sie Pizza, reichhaltige Schokoladenkekse und Grapefruit-Saft als Abendmahlzeit, um so die Wahrscheinlichkeit von nächtlichem Reflux zu erhöhen.
Ergebnisse Die PPI-Behandlung halbierte im Vergleich zu Placebo in etwa die Anzahl von nächtlichen Reflux-Episoden (von 73 auf 39 pro Nacht). Die Anzahl von Phasen mit nicht-saurem Reflux erhöhte sich jedoch von 6 auf 27 pro Nacht. Nächtlicher Reflux kann zu sogenannten „Aufwach-Reaktionen“ führen, bei denen sich die Schlaftiefe verringert, aber der Mensch nicht vollständig wach zu werden braucht. Aufwachen und Teil-Aufwachen schützt die Speiseröhre, weil sich dabei die Speichelbildung in der Mundhöhle und das Schlucken verstärken („Clearing“, Spüleffekt der Speiseröhre [e]). Bei den Probanden zeigte sich, dass die meisten Reflux-Ereignisse - egal ob nun sauer oder nicht - innerhalb von zwei Minuten zu polysomnographisch registrierten Aufwach-Reaktionen führt. Die Störungen der sogenannten Schlaf-Architektur waren also bei beiden Gruppen vergleichbar.
Die Tatsache, dass „die Speiseröhre gleichermaßen stark auf sauren und nicht-sauren Reflux reagiert“, so Goodrich, erscheint als Anzeichen für ein vergleichbares Schädigungs-Risiko der verschiedenen Refluxarten. Allerdings, so Goodrich und Kollegen weiter, „könnte der relative Anstieg der nicht-sauren Reflux-Ereignisse erklären, warum bei manchen PPI-behandelten Patienten die Beschwerden trotz Therapie bestehen bleiben“.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de Dass die massive Blockade der Säurebildung oder -Freisetzung mit H2-Blockern oder PPIs unschöne Komplikationen - beispielsweise gehäufte Lungen-Entzündungen - mit sich bringen kann, ist nicht ganz neu [f]. Insofern bestätigt die vorgelegte Studie nur den Verdacht, dass PPIs doch sehr viel stärker in natürliche Abläufe des Körpers eingreifen, als wünschenswert. Angesichts der geschilderten Beobachtung, dass der Rückfluß von nicht-saurem, gallensäure-haltigem Mageninhalt - therapiebedingt - zunimmt, sollten behandelnde Mediziner und ihre Patienten wissen, dass Gallensalze oder Verdauungsenzyme aus der Bauchspeicheldrüse nicht nur giftig sind, sondern auch an der Entstehung von Krebs in Magen oder Speiseröhre mitbeteiligt sind [2]. Dass vor allem aluminiumhydroxid-haltige Antazida wie Maaloxan nicht nur Säure in einem physiologischen Bereich neutralisieren, sondern auch schleimhautschädigende Gallensäuren, Pepsin oder Lysolezithin unschädlich machen, sollte ebenfalls bei einer rationalen Therapie-Entscheidung nicht vergessen werden [g].
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Mai 2007.
- Orr WC, Craddock A, Goodrich S: Acidic and non-acidic reflux during sleep under conditions of powerful acid suppression. Chest. 2007 Feb;131(2):460-5 (Medline).
- Soma T, Kaganoi J, Kawabe A, Kondo K, Tsunoda S, Imamura M, Shimada Y: Chenodeoxycholic acid stimulates the progression of human esophageal cancer cells: A possible mechanism of angiogenesis in patients with esophageal cancer. Int J Cancer. 2006 Aug 15;119(4):771-82 (Medline).
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