Experten fordern: Keine unkritische Dauertherapie mit Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI)
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Seit Markteinführung der extrem wirkungsvollen, die Säurefreisetzung im Magen hemmenden Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) setzen Ärzte die Wirkstoffe bei immer mehr „säurebedingten“ Erkrankungen und für immer längere Zeiträume ein. In den USA sind sie sogar schon ohne Rezept freiverkäuflich auf dem Markt. Die anfänglich kritischen Fragen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend verstummt. Beispielsweise die nach der gesteigerten Infektionsgefahr für Magen und Darm (Säure tötet viele krankmachende Bakterien schon im Magen ab). Oder die nach der möglicherweise ebenfalls riskanten übermäßigen Ausschüttung von Gewebehormonen („Hypergastrinämie“) durch eine fast vollständige Säureblockade wie bei PPIs. Nur wenige Forschergruppen sind derzeit noch damit beschäftigt, die möglichen Risiken der Substanzgruppe zu untersuchen und kritisch zu bewerten. Beispielsweise die Arbeitsgruppe um den Krebsforscher Helge L. Waldum von der Universität Trondheim/Norwegen, die aufgrund ihrer Tierversuche besonders vor einem Dauer-Einsatz von PPIs über viele Jahre warnen [1].
Hypergastrinämie Mögliche Mechanismen der Krebsentstehung sind schon seit Jahren beschrieben [2, 3]: Normalerweise führen Nahrungsaufnahme, Eiweiße in der Nahrung und zahlreiche andere Einflüsse zur Ausschüttung des Gewebehormons Gastrin in der Magenschleimhaut. Gastrin wiederum ist der stärkste Reiz für die Bildung von Magensäure. Ist diese jedoch durch PPIs geblockt, versuchen die Schleimhautzellen durch eine immer intensivere Ausschüttung von Gastrin, doch noch ein natürliches saures Milieu im Magen herzustellen. Allerdings vergeblich - es entsteht ein chronisches Zuviel von Gastrin im Körper, die sogenannte Hypergastrinämie. Ein dauerndes Zuviel an Hormonen wiederum kann durch Dauer-Reizung der Zielzellen dieser Hormone letztlich eine Zell-Entartung auslösen. Beispielsweise der „Magen-Karzinoid“ genannte Tumor [4]. Bei verschiedenen Studien mit Tieren wurde die Krebsentstehung unter PPI-bedingter Säureblockade nachgewiesen [5].
Kommentar Sodbrennen-Welt.de Der Lehrsatz „Ohne Säure kein Ulcus“ ist seit fast 100 Jahren fest in den Gehirnen der Ärzte eingebrannt. Mit Hilfe der H2-Blocker konnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sogar ein bedeutender Schrecken der Medizin fast zum Verschwinden gebracht werden: Das chronische Magengeschwür mit seinen oft tödlichen Komplikationen wie zum Beispiel dem Durchbruch der Magenwand. Auch die Entdeckung und Bekämpfung des Magenkeimes Helicobacter pylori brachte/bringt - ebenfalls nur vorübergehende - Erfolge. Die reflexartige Verordnung von Protonen-Pumpen-Inhibitoren durch viele Ärzte, die sich erst jetzt allmählich verlangsamt, ist hingegen in vielen Fällen nicht nur medizinisch sinnlos, sondern in ihrer Langzeit-Anwendung auch nicht wissenschaftlich abgesichert. Hierauf und auf die sich daraus - vielleicht - ergebenden Gesundheitsrisiken machen Waldum und Kollegen aufmerksam. Patienten unter PPI-Dauertherapie sollten deshalb nicht nur die Notwendigkeit dieser Maßnahme mit ihren behandelnden Ärzten besprechen, sondern auch mögliche Alternativen. Übrigens: Der dramatische, weltweit zu beobachtende Rückgang der Magenkrebs-Häufigkeit und -Sterblichkeit ist kein Indiz für die Harmlosigkeit von PPIs. Keine einzige medizinische Maßnahme ist aus derzeitiger Sicht für diese erfreuliche Entwicklung verantwortlich, die Ursachen des Rückgangs sind - wie so vieles in der Gastroenterologie - unbekannt [6].
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juni 2007.
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- Waldum HL, Gustafsson B, Fossmark R, Qvigstad G: Antiulcer drugs and gastric cancer. Dig Dis Sci. 2005 Oct;50 Suppl 1:S39-44 (Medline).
- Waldum HL, Brenna E, Sandvik AK, Syversen U, Falkmer S: Hormones and carcinogenesis. Endocrine-Related Cancer. 1998; 5:45-48 (Volltext).
- Karnes WE Jr, Walsh JH: The gastrin hypothesis. Implications for antisecretory drug selection. J Clin Gastroenterol. 1990;12 Suppl 2:S7-12 (Medline).
- Jensen RT: Consequences of long-term proton pump blockade: insights from studies of patients with gastrinomas. Basic Clin Pharmacol Toxicol. 2006 Jan;98(1):4-19 (Medline).
- Viste A, Ovrebo K, Maartmann-Moe H, Waldum H: Lanzoprazole promotes gastric carcinogenesis in rats with duodenogastric reflux. Gastric Cancer. 2004;7(1):31-5 (Medline).
- Rocco A, Nardone G: Diet, H pylori infection and gastric cancer: Evidence and controversies. World J Gastroenterol. 2007 Jun 7;13(21):2901-12 (Medline, Volltext).

