Dauergebrauch von H2-Blocker schränkt geistige Fähigkeiten ein
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Die Langzeit-Anwendung von Histamin-2-Rezeptorantagonisten (kurz H2-Blocker genannt), einer Wirkstoff-Gruppe, die die Bildung von Magensäure blockiert, könnte mit erheblichen Verschlechterung geistiger Fähigkeiten einhergehen, wie jetzt bei älteren afroamerikanischen Erwachsenen festgestellt worden ist. Entsprechend einer von US-Forschern in der Augustausgabe des „Journals of the American Geriatrics Society“ veröffentlichten Studie ist die Gefahr nachlassender geistiger Fähigkeiten bei Daueranwendung von H2-Blockern rund zweieinhalb mal so wie bei Patienten, die diese Medikamente nicht oder nur für kurze Zeit anwenden [1].
Die Säureblocker, allen vor an die Wirkstoffe Ranitidin, Famotidin oder Cimetidin, gehören zu am häufigsten in den USA verordneten Medikamenten überhaupt. Auch in Deutschland werden für rund 80 Millionen Euro jährlich H2-Blocker verordnet. Hinzu kommen in Deutschland verschiedene H2-Blocker-Präparate, die ohne Rezept in Apotheke frei verkäuflich millionenfach an Sodbrennen-Patienten abgegeben werden.
Die fünfjährige US-Beobachtungsstudie umfasst 1.558 afroamerikanische Bürger im Alter von 65 und darüber, die zu Beginn der Studie keinerlei geistige Auffälligkeiten oder Funktionsstörungen zeigten. Dies wurde mit standardisierten Befragungen („Community Screening Instrument for Dementia“, CSI-D) durch qualifizierte Fach-Interviewer im Rahmen von Hausbesuchen erfasst, wobei auch das komplette Spektrum der jeweils verwendeten Arzneimittel registriert sowie neuropsychologische Tests durchgeführt wurden. Der CSI-D ist ein gut validiertes Screening-Instrument, mit dem (Alzheimer-)Demenz und andere, vor allem biologisch bedingte Einschränkungen geistiger Fähigkeiten (Lernen, Erinnern, Orientierung u.a.) auch bei Menschen mit extrem unterschiedlichem sozio-ökonomischen, kulturellen oder Migrations-Hintergrund erfasst werden können [2].
Nach Kontrolle aller erfassten Daten und möglicher andere Einflussfaktoren (Alter, Bildungsgrad, andere Medikamente, Zuckerkrankheit, Depression und anderes) zeigte sich, das rund 18 Prozent der H2-Blocker-Verwender Einschränkungen ihrer geistigen Fähigkeiten entwickelt hatten. Das Risiko kognitiver Einschränkungen war bei Dauer-Einnahme von H2-Blockern um das 2,42-fache erhöht. „Ohne Frage scheint die Dauer-Einnahme dieser Mittel die geistigen Fähigkeiten bei Afro-Amerikanern einzuschränken“, stellte der Studienleiter Prof. Dr. Malaz Boustani, Indianapolis/USA, fest, „allerdings muss jetzt dringend geklärt werden, wie H2-Blocker diesen Effekt verursachen oder auslösen. Und vor allem auch, ob er auch bei anderen Bevölkerungsgruppen vorhanden ist“.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Dank der H2-Blocker veränderte sich das Arbeitsgebiet der Magen-Darm-Spezialisten radikal: Kaum ein Mensch bekommt seither noch ein schlimmes Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwür, Todesfälle durch die früher gefürchteten Magen-Durchbrüche gibt es nur noch selten. Das war erstmal gut für die Patienten. Doch ein bei passender Indikation sinnvolles Instrument, sinn- und wahllos zur Optimierung des Umsatzes, unkontrolliert, zunehmend und chronisch bei unpassenden Anwendungsgebieten eingesetzt, kann unerwartete und vor allem unerwünschte Folgen haben, wie die vorgestellte Studie zeigt. Zudem wird deutlich, dass Behandlungkonzepte, die bei Akuttherapie wirkungsvoll sind - Antazida wie Maaloxan® bei Sodbrennen -, oder die bei längerer Behandlung sinnvoll sind - H2-Blocker bei Magengeschwür -, deswegen eben nicht zur ungeprüften Dauertherapie geeignet sein müssen. Zudem echte Langzeitstudien nur selten vorgelegt werden. Werden sie es dann, gibt es auch bei scheinbar probaten Medikamenten „völlig unerwartete“ Nebenwirkungen - wie zum Beispiel Osteoporose durch Langzeit-Anwendung von Säureblockern aus der Protonen-Pumpen-Inhibitor-Gruppe (PPIs, ->Säurehemmer erhöhen die Gefahr von Schenkelhals-Brüchen) [4].
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juli 2007.
- Boustani M, Hall KS, Lane KA, Aljadhey H, Gao S, Unverzagt F, Murray MD, Ogunniyi A, Hendrie H: The association between cognition and histamine-2 receptor antagonists in african americans. J Am Geriatr Soc. 2007 Aug;55(8):1248-53 (Medline).
- Hall KS, Gao S, Emsley CL, Ogunniyi AO, Morgan O, Hendrie HC: Community screening interview for dementia (CSI 'D'); performance in five disparate study sites. Int J Geriatr Psychiatry. 2000 Jun;15(6):521-31 (Medline).
- Hanlon JT, Landerman LR, Artz MB, Gray SL, Fillenbaum GG, Schmader KE: Histamine2 receptor antagonist use and decline in cognitive function among community dwelling elderly. Pharmacoepidemiol Drug Saf. 2004 Nov;13(11):781-7 (Medline).
- Yang YX, Lewis JD, Epstein S, Metz DC: Long-term proton pump inhibitor therapy and risk of hip fracture. JAMA. 2006 Dec 27;296(24):2947-53 (Medline).

