Reflux und Reizdarm: Zwei Seiten einer Medaille?
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Bis zu einem Drittel aller Patienten mit Sodbrennen und gastro-ösophagealer Refluxkrankheit reagieren nicht oder nur ungenügend auf die stärksten, derzeit erhältlichen medikamentösen Blocker der Magensäure-Freisetzung, die Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI). Schlimm für die Betroffenen, da sie keine wirksame Behandlung bekommen. Gut für Ärzte oder Säureblocker-Hersteller, denn sie behalten so Millionen von chronisch refluxkranken Dauerkunden. Den Ursachen der ausbleibenden PPI-Wirkung wissenschaftlich auf den Grund zu gehen, ist nicht so naheliegend, wie sich Sodbrennen-Patienten mit Dauerschmerzen das dringlichst wünschen. Schließlich ist Sodbrennen für die wissenschaftliche Gemeinde ein „ausgebranntes“ Thema, mit dem keine akademischen Lorbeerkränze mehr zu gewinnen sind. Um erfreulicher ist es, wenn sich doch einige Forscher mit der weltweit häufigsten Gesundheitsbeschwerde - mit dem Sodbrennen - beschäftigen. Und sich die naheliegende Frage stellen, ob die Refluxkrankheit vielleicht gehäuft zusammen mit anderen Erkrankungen auftritt. Denn dabei zeigt sich beispielsweise rasch: Sodbrennen und Reizdarm treten überzufällig häufig gemeinsam auf.
Dies ergab sich beispielsweise bei einer wissenschaftlichen Befragung von rund 2.300 US-Bürgern im Alter zwischen 30 und 95 Jahren. Bei den Interviews kamen standardisierte und vielfach bewährte Fragebögen zum Einsatz, die es erlauben eine Erkrankung und ihre Eigenschaften mit hoher Sicherheit zu erfassen. Es zeigte sich, dass Symptome einer gastro-ösophagealen Refluxkrankheit (GOR) bei 14% der Frauen und 15% der Männer vorlag. Reizdarmbeschwerden (Colon irritabile) konnten bei 10% der Frauen und 5% der Männer registriert werden. Bei 4% aller Frauen traten GOR und Reizdarm gemeinsam auf und bei 3% aller befragten Männer [1]. Zu tendentiell ähnlichen Ergebnissen kam die Befragung von 1.649 zufällig ausgewählten Bewohnern von Hong Kong: Sodbrennen und GOR waren zwar seltener als bei entsprechenden Untersuchungen in westlichen Ländern (5% aller Befragten), die Häufigkeit von Reizdarm-Beschwerden entsprach aber westlichen Prävalenzangaben (4% aller Befragten). Etwa 12% der Befragten, die unter GOR oder Reizdarm litten, gaben an, gleichzeitig auch unter dem jeweils anderen Erkrankungsbild zu leiden. Die Wahrscheinlichkeit von Sodbrennen-Patienten auch Reizdarm zu haben (oder umgekehrt), ist dieser chinesischen Studie zufolge etwa dreimal so hoch wie in der sonstigen Bevölkerung. Anders als in der US-Studie scheinen GOR und Reizdarm bei Männer der chinesischen Großstadtbevölkerung besonders häufig zu sein. Ihr Risiko war im Vergleich zu den Frauen um mehr als das Neunfache erhöht. Zudem scheinen jüngere Menschen häufiger betroffen zu sein als ältere [2].
Reizkolon
Reizkolon, auch Reizdarm, Reizdarmsyndrom oder Colon irritabile (griechisch kolon: Dickdarm, Grimmdarm; lateinisch irritabile: reizbar, empfindlich), wiederkehrende Verdauungs-Störungen ohne erkennbare organische Veränderung des Darmes. Betroffen ist vor allem die Funktion des Dickdarmes, Störungen der Dünndarm-Peristaltik können jedoch ebenfalls zum Krankheitsbild gehören.
Das Reizkolon ist eine sehr häufige Erkrankung, bei der folgende Symptome auftreten: Wechsel von Verstopfung und Durchfall, Blähungen, Rumoren im Bauch, Völlegefühl, krampfartige Bauchschmerzen, Schleimabgang beim Absetzen des Stuhles und Unverträglichkeit von bestimmten Speisen. Die Ursachen sind ungeklärt. Die Beschwerden können ausgelöst werden durch Stress, seelische Konflikte, ballaststoffarme Ernährung oder die Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel. Ein Reizkolon kann auch Folge einer Darm-Entzündung sein.
Bei der Diagnose des Reizkolons müssen organische Darm-Erkrankungen wie Entzündungen, Tumoren und Wurm-Infektionen ausgeschlossen werden. Im Gegensatz zu anderen Darm-Krankheiten geht das Reizkolon niemals mit starkem Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber oder Nachtschweiß einher. Die Therapie besteht zumeist darin, die auslösenden Faktoren zu meiden, die sich jedoch häufig nur schwer finden lassen. Eine Umstellung der Ernährung sowie Entspannungsübungen zum Stressabbau können hilfreich sein, eventuell auch der Einsatz krampflösender Mittel.
Quelle: Microsoft Encarta 2007.
Mögliche Ursachen dieser bemerkenswerten Komorbidität von Sodbrennen und Reizdarm wurden von einer anderen US-Arbeitsgruppe untersucht. Diese stellten fest, dass Sodbrennen-Patienten, die nicht auf ein PPI-Therapie ansprechen, deutlich sensibler auf eine testweise Säure-Reizung der Speiseröhre oder eine Dehnung der Speiseröhre mit einem Ballon reagieren. Und dass diese Reizüberempfindlichkeit mit Eigenschaften von psychiatrischen Störungen (vor allem der Angst-Erkrankung) sowie eben auch Reizdarm-Beschwerden assoziiert sein kann [3].
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Dass solche Komorbidität von Refluxkrankheit und Reizdarm existieren und vermutlich als funktionelle Gastrointestinal-Störungen wie Refluxkrankheit, Reizmagen, Dyspepsie oder Reizdarm einen gemeinsamen pathogenetischen Rahmen liefern, ist schon mehrfach vermutet worden [4]. Auch die Symptome, die das gemeinsame Auftreten besonders gut vorhersagen lassen, deuten auf einen solchen Hintergrund hin: Schlafstörungen und häufige Leibschmerzen [1]. Anders als bei den vielen bekannten Folgen der Refluxkrankheit (z. B. asthmaähnlichen Erkrankungen durch Säurerückfluss), war jedoch lange unbekannt, wie häufig solche Störungen miteinander vergesellschaftet auftreten. Teilweise kommen Autoren zum Schluss, dass jeder zweite GOR-Patient auch Reizdarmprobleme hat und umgekehrt [5]. Die Vorstellung, es handele sich um psychiatrische Somatisierungs-Störungen, kommt vielleicht manch einem Gastroenterologen entgegen, der von seinen therapierefraktären Sodbrennen-Patienten genervt ist. Doch Sodbrennen ist schon lange kein Grund mehr für einen Psychiaterbesuch [6]. Sondern sollte ein wichtiger Grund sein, die immer noch unklaren Ursachen der Refluxkrankheit weiter zu entschlüsseln und neben wirksamen Akuttherapien (beispielsweise das Antazidum Maaloxan®) auch endlich effektive Behandlungsstrategien für Millionen chronisch betroffener Patienten zu entwickeln.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juli 2007.
- Jung HK, Halder S, McNally M, Locke Iii GR, Schleck CD, Zinsmeister AR, Talley NJ: Overlap of gastro-oesophageal reflux disease and irritable bowel syndrome: prevalence and risk factors in the general population. Aliment Pharmacol Ther. 2007 Aug 1;26(3):453-61 (Medline).
- Cheung TK, Lam KF, Hu WH, Lam CL, Wong WM, Hui WM, Lai KC, Lam SK, Wong BC: Positive association between gastro-oesophageal reflux disease and irritable bowel syndrome in a Chinese population. Aliment Pharmacol Ther. 2007 May 1;25(9):1099-104 (Medline).
- Rubenstein JH, Nojkov B, Korsnes S, Adlis SA, Shaw MJ, Weinman B, Inadomi JM, Saad R, Chey WD: Oesophageal hypersensitivity is associated with features of psychiatric disorders and the irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2007 Aug 1;26(3):443-52 (Medline).
- Trimble KC, Farouk R, Pryde A, Douglas S, Heading RC: Heightened visceral sensation in functional gastrointestinal disease is not site-specific. Evidence for a generalized disorder of gut sensitivity. Dig Dis Sci. 1995 Aug;40(8):1607-13 (Medline).
- Nastaskin I, Mehdikhani E, Conklin J, Park S, Pimentel M: Studying the overlap between IBS and GERD: a systematic review of the literature. Dig Dis Sci. 2006 Dec;51(12):2113-20 (Medline).
- Bubenzer, RH: Magenerkrankungen aus Sicht der Psychosomatik. Sodbrennen-Welt.de. Januar, 2001 (Volltext).

