Biofeedback bei Sodbrennen?
Nicht nur indische Fakire können Darmfunktionen, die normalerweise nicht bewusst steuerbar sind, kontrollieren. Sondern auch Patienten mit Darmerkrankungen, die Biofeedback erlernt haben. Typische Erkrankungen und Störungen im Bereich von Dick- und Enddarm, bei denen Biofeedback helfen kann, reichen von Verstopfung über Stuhl-Inkontinenz bis hin zum Reizdarm, wie viele Studien zeigen [1, 2, 3]. Untersuchungen über die Wirksamkeit von Biofeedback bei funktionellen Störungen des Speiseröhren-Schließmuskels, die mit Sodbrennen und anderen Beschwerden einhergehen, gibt es nur wenige [4].
Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Begeisterung der Ärzte für Biofeedback-Verfahren seit der Hochzeit der Biofeedback-Therapie in den 70er-und 80er-Jahren einer eher nüchternen Einschätzung der Möglichkeiten gewichen.
- Der Versuch beispielsweise, funktionelle Speiseröhren-Schließmuskel-Störungen durch einfache Entspannungsförderung der Muskulatur des oberen Bauchbereiches zu kontrollieren, musste - bis auf Erfolg in Einzelfälle - misslingen [5], weil Sodbrennen ursächlich überhaupt nichts mit angespannter Abdominal-Muskulatur zu tun hat.
- Biofeedback-Versuche im Bereich der Psychosomatik mussten gleichermaßen scheitern, weil Sodbrennen und andere Beschwerden im Zusammenhang mit einer chronischen Refluxkrankheit keine „psychischen“ Ursachen hat, keine Stress-Erkrankung ist [6].
- Dass Biofeedback trotz Wirksamkeit bei zahlreichen Erkrankungen bis heute keine relevante Rolle bei der Patientenversorgung spielt, wird schließlich mit der Struktur des Gesundheitswesens begründet: Systemerhaltend sind nur Therapien, die optimalerweise chronische Patienten-Versorgung zur Folge haben. Methoden, die Patienten in die Lage versetzen, ihre Probleme selbst zu lösen („self-empowerment“) werden dabei leicht in Richtung „Außenseiter-Verfahren“ oder „Scharlatanerie“ an den Rand des Systems abgedrängt.
Biofeedback sind Methoden aus der Verhaltenstherapie, um mittels technischer Vorrichtungen Vorgänge im Körper und deren Veränderungen sichtbar bzw. hörbar zu machen (z. B. Herz- oder Pulsschläge) und diese Veränderungen auf bestimmte Reize zu beziehen. Dadurch ist eine therapeutische Beeinflussung durch Selbstkontrolle in Grenzen möglich. Biofeedback wird vor allem zur Behandlung schmerzhafter oder stressbedingter Zustände eingesetzt und kann dabei helfen, physiologische Vorgänge zu regulieren, die normalerweise unwillkürlich ablaufen, also vom vegetativen Nervensystem unbewusst gesteuert werden.
Mit Hilfe der Rückmeldung („feedback“) einer bestimmten körperlichen Funktion in Form eines sensorischen Signals lässt sich die willentliche Steuerung der betreffenden (oder einer verwandten) Funktion erlernen („Biofeedback-Training“). Dies konnte vor allem für eine Reihe vegetativer Prozesse gezeigt werden, ließ sich aber auch für muskuläres und zentralnervöses Geschehen nachweisen. So ist es möglich, mittels Biofeedback-Unterstützung innerhalb weniger Sitzungen eine willentliche Steigerung oder Senkung der Herzfrequenz, des Blutdrucks, der Muskelanspannung bestimmter Körpergebiete sowie hirnelektrischer Potentiale zu erlernen. Zu Erfolgen führt Biofeedback-Training insbesondere bei neuromuskulären Störungen und bei bestimmten Kopfschmerzformen. Biofeedback wird auch zur Behandlung zahlreicher Leiden benutzt, die durch Stress verursacht oder verstärkt werden, z. B. Migräne, die Raynaud-Krankheit (Durchblutungsstörung mit anomal kalten Hände und Füße), Muskelzucken und Muskelspannungen.
Dass Funktionen auch des oberen Verdauungstrakt der willentlichen Kontrolle zugänglich sind, ist mehrfach belegt worden [7], beispielsweise durch spezielle Schlucktechniken [8]. Oder durch Biofeedback-Kontrolle unter Rückmeldung des Speiseröhren-Schließmuskeldruckes. Wobei 10 Biofeedback-Sitzungen ausreichten, um einen zu niedrigen Ösophagusverschlussdruck zu normalisieren, damit Refluxepisoden mit Sodbrennen auf ein Drittel zu reduzieren sowie eingangs bestehende Zeichen einer Schleimhautentzündung zu beseitigen [4]. Wie bei jedem Biofeedback-Training können die erlernten, zuvor unbewusst geschehenden Funktionen nach Ende des Trainings auch ohne Biofeedback, also ohne maschinelle Rückmeldung von Sensoren, ausgeführt werden. Die Anspannung des Speiseröhren-Schließmuskel also beispielsweise erhöht werden. In ähnlicher Weise können auch, wie neuere Publikationen zeigen, auch andere Funktionen von Speiseröhre oder Magen verbessert - beispielsweise deren Beweglichkeit („Motilität“), was eine therapeutisch oft wünschenswerte beschleunigten Entleerung in Richtung Darm bewirkt [9].
Aussicht Ob mit Biofeedback sogar die Säuresekretion des Magens beeinflusst werden kann, wie jahrzehntealte Studien naheliegen oder nicht, ist hinsichtlich des therapeutischen Potentials der Muskelfunktions-Steuerung von Speiseröhre und Magen letztlich irrelevant. Wichtig ist, dass heute bereits verfügbare Geräte - beispielsweise zur hochauflösenden Speiseröhren-Druckmessung (z. B. mit ManoScan 360TM von Sierra Scientific Instruments, USA) [11] - nicht nur im diagnostischen Kontext eingesetzt werden können, sondern auch für die Biofeedback-Therapie. Wichtig ist allerdings auch, dass sich nicht nur US-Forscher [12] sondern auch deutsche Gastroenterologen bemühen, klinische Studien jenseits der üblichen Bereiche durchzuführen.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, September 2007.
Quellen
- Rao SS, Seaton K, Miller M, Brown K, Nygaard I, Stumbo P, Zimmerman B, Schulze K: Randomized controlled trial of biofeedback, sham feedback, and standard therapy for dyssynergic defecation. Clin Gastroenterol Hepatol. 2007 Mar;5(3):331-8 (Medline).
- Battaglia E, Serra AM, Buonafede G, Dughera L, Chistolini F, Morelli A, Emanuelli G, Bassotti G: Long-term study on the effects of visual biofeedback and muscle training as a therapeutic modality in pelvic floor dyssynergia and slow-transit constipation. Dis Colon Rectum. 2004 Jan;47(1):90-5 (Medline).
- Leahy A, Clayman C, Mason I, Lloyd G, Epstein O: Computerised biofeedback games: a new method for teaching stress management and its use in irritable bowel syndrome. J R Coll Physicians Lond. 1998 Nov-Dec;32(6):552-6 (Medline).
- Gordon A, Gordon E, Berelowitz M, Bremner CH, Bremner CG: Biofeedback improvement of lower esophageal sphincter pressures and reflux symptoms. J Clin Gastroenterol. 1983 Jun;5(3):235-7 (Medline).
- Shay SS, Johnson LF, Wong RK, Curtis DJ, Rosenthal R, Lamott JR, Owensby LC: Rumination, heartburn, and daytime gastroesophageal reflux. A case study with mechanisms defined and successfully treated with biofeedback therapy. J Clin Gastroenterol. 1986 Apr;8(2):115-26 (Medline).
- Bubenzer RH: Magenerkrankungen aus Sicht der Psychosomatik. Sodbrennen-Welt.de, Januar 2004 (Volltext).
- Valori RM, Hallisey MT, Dunn J: Power of oesophageal peristalsis can be controlled voluntarily. Gut. 1991 Mar;32(3):236-9 (Medline, Volltext).
- Hiss SG, Huckabee ML: Timing of pharyngeal and upper esophageal sphincter pressures as a function of normal and effortful swallowing in young healthy adults. Dysphagia. 2005 Spring;20(2):149-56 (Medline).
- Stern RM, Vitellaro K, Thomas M, Higgins SC, Koch KL: Electrogastrographic biofeedback: a technique for enhancing normal gastric activity. Neurogastroenterol Motil. 2004 Dec;16(6):753-7 (Medline).
- Whitehead WE: Biofeedback in the treatment of gastrointestinal disorders. Biofeedback Self Regul. 1978 Dec;3(4):375-84 (Medline).
- Moretz WH, Postma GN, Burkhead LM, Balan A: High-resolution esophageal manometry. Ear, Nose and Throat Journal. 2006 Feb (Kurzfassung).
- Shapiro M: A Comparison of Factors of Symptoms Generation and Evaluation of Role of Biofeedback in Patients With Different Types of Functional Esophageal Disorders (Functional Heartburn and Functional Chest Pain). ClinicalTrials.gov Identifier: NCT00471796, angemeldet am 9.5.2007 (Information).

