Magenspiegelung
Bei fehlender Geräte-Reinigung und -Desinfektion drohen Infektionen
Ansteckungsgefahr mit dem Erreger Helicobacter pylori |
Millionen von Menschen gehen bei uns jährlich zu einer Spiegelung („Endoskopie“) von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm („Schlauch schlucken“, „Magenspiegelung“) [1]. Bei mindestens vier von hundert Untersuchten kommt es dabei zu vermehrt im Blut nachweisbaren Bakterien, also zu bakteriellen Infektionen [2]. Andere über Endoskope übertragbare Erreger - beispielsweise Prionen als Erreger des Rinderwahns, Viren, Würmer oder Pilze - sind bislang noch nicht einmal untersucht. Experten sprechen von „spärlicher Dokumentation“ [3]. In manchen Prüfserien mit vielen Untersuchungs-Einrichtungen zeigte sich, das mehr als die Hälfte aller verwendeten Magenspiegel („Endoskope“, „Gastroskope“) infiziert waren [4]. Ursache der hohen Infektionsrate ist vor allem eine unzureichende, nicht leitliniengerechte Aufbereitung der flexiblen Instrumente - Reinigung, Desinfektion, Sterilisation [5]. Und: Übliche Sterilisationsverfahren - die ultimative Waffe gegen Erreger jeder Art - ist bei flexiblen Endoskopen praktisch kaum möglich [2].
Ansteckung grundsätzlich vermeidbar ...
Die Erreger gelangen überwiegend (wird vermutet) von infizierten Patienten auf die Endoskope. Mikrobielle Kontaminationen können den geräteschützenden Außenmantel und das innere Kanalsystem der Endoskope, das Spülsystem der Optik (Videokamera) einschließlich der Spüllösung sowie und Zusatzinstrumente (zum Beispiel Biopsiezangen, Schlingen) betreffen. Zudem werden die Geräte auch bei nicht sachgerechter Aufbewahrung oder beim Transport korrekt aufbereiteter Endoskope und Instrumente mit Keimen verseucht. Das Schlimme: Obwohl alle Hygiene-Experten - sowohl der fachärztlichen Verbände wie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) als auch des staatlichen Robert-Koch-Institutes (RKI) - der Auffassung sind, dass solche Infektionen grundsätzlich vermeidbar seien, kommt es nicht nur regelmäßig zu eben diesen Infektionen (zum Beispiel chronischer Hepatitis C oder Aids), sondern immer wieder auch zu tödlichen Verläufen [6]. Pikant: Gerade jener Erreger, den Magen-Darm-Spezialisten als Ursache der zu untersuchenden Erkrankung - vor allem des Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüres („Ulcus“) - ansehen, Helicobacter pylori, gelangt mit kontaminierten Gastroskopen in den Magen von Untersuchten [7].
In welchem Umfang die schon vor einigen Jahren vorgeschlagenen Qualitätssicherungs-Vereinbarungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit ihren in halbjährlichen Abständen stattfindenden Hygienekontrollen („Qualitätssicherung Hygiene in der Endoskopie“, QSHE) tatsächlich Auswirkungen auf die Einkommen von im wahrsten Sinne des Wortes „unsauber“ arbeitenden Ärzten hat, wurde von der KBV bislang nicht öffentlich gemacht [8]. Ebenso undokumentiert ist die Nicht-Erfüllung von etablierten Hygienestandards und ökonomische Konsequenzen im Bereich der Krankenhäuser. Für Patienten sollte dies bedeuten, dass
- sie vor der Veranlassung einer Magenspiegelung im Gespräch mit Ihrem Arzt das Für und Wider - also alle Vorteile, Gefahren oder Erkrankungsrisiken der Untersuchung - gegeneinander abwägen. Und dabei als Kunde eines Arztes bedenken, dass dieser auch wirtschaftliche Interessen an der Durchführung komplexer Untersuchung hat,
- Patienten bei der gesetzlich vorgeschriebenen Aufklärung vor jeder Endoskopie genau hinhören und nicht zuletzt auch den Abschnitt zu den Infektions-Gefahren mit ihrem Arzt diskutieren,
- vor einer wahlfreien Magenspiegelung im ambulanten oder stationären Bereich eines Krankenhauses auch die gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätssicherungs-Informationen der Kliniken („Qualitätsberichte“) berücksichtigt werden (fragen Sie dazu Ihren Hausarzt oder Ihre Krankenkasse).
- Gastroskopie - Magenspiegelung
- Geschichte der Antazida: 1985, Helicobacter pylori
- Nobelpreis 2005 - Magenkeim Helicobacter pylori: Durch Widerspruch zum Erfolg
- Medikament des Jahres 2007: Maaloxan
Autor
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, September 2007.
Quellen
- Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Endoskopische Verfahren im Westen (nach KBV-Angaben 1995) (Tabelle).
- NN: Reflux und Hygiene - Aktuelle Aspekte und Konsequenzen. JournalMed - Infos für Ärzte. 14.10.2002 (Volltext).
- Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (RKI) - Empfehlung: Anforderungen an die Hygiene bei der Aufbereitung flexibler Endoskope und endoskopischen Zusatzinstrumentariums. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz. 2002; 45:395–411 (Volltext).
- Bader L, Blumenstock G, Birkner B, Leiss O, Heesemann J, Riemann JF, Selbmann HK: HYGEA (Hygiene in der Gastroenterologie - Endoskop-Aufbereitung): Studie zur Qualität der Aufbereitung von flexiblen Endoskopen in Klinik und Praxis. Z Gastroenterol. 2002 Mar;40(3):157-70 (Medline).
- Staritz M, Leiss O, Jung M, Beilenhoff U, Euler K, Iffland-pape A, Bader I, Pietsch M, Riemann JF: 2. Aufbereitung flexibler Endoskope und endoskopischen Zusatzinstrumentariums. In: Sauerbruch T, Scheurlen C (Hrsg.): Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) für die Durchführung endoskopischer Untersuchungen (3. Auflage). Demeter Verlag, Stuttgart, 2002 (Volltext).
- Spach DH, Silverstein FE, Stamm WE: Transmission of infection by gastrointestinal endoscopy and bronchoscopy. Ann Intern Med. 1993 Jan 15;118(2):117-28 (Medline).
- Nelson DB, Muscarella LF: Current issues in endoscope reprocessing and infection control during gastrointestinal endoscopy. World J Gastroenterol. 2006 Jul 7;12(25):3953-64 (Medline).
- in: Bader L, Billing J, Kremmel M: Hygienische Anforderungen für die Aufbereitung von flexiblen Endoskopen und von endoskopischen Zusatzinstrumenten. Bayerisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, München, 21.3.2006 (Volltext).

