Wissenschaft gegen das Geschäft mit der Angst
Verlängert Sodbrennen das Leben?
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Dauernd von den Medien verbreitete Angst ist die Basis des Konsums“, stellt das Schreckgespenst aller US-Mittelstands-Väter, der Rocksänger Marilyn Manson, in dem Oscar-gekrönten Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ fest [1]. Auch deutsche Pharma-Unternehmen waren und sind sich nicht zu blöde, mit Hilfe künstlich geschürter Angst den Absatz ihrer Produkte und damit ihren Shareholder-Value zu erhöhen [2]. Nicht zuletzt auch bei weit verbreiteten Beschwerden wie der chronischen Refluxkrankheit - beispielsweise im Rahmen der vielbeachteten Aktion „Alarmzeichen Sodbrennen“ [3]. Es ist oft nicht leicht, gezielter Angst-Propaganda etwas entgegenzusetzen, wenn wissenschaftlich belegbare Argumente fehlen. Was deutsche Ärzte und Wissenschaftler nicht schafften, hat jetzt ein Team der US-amerikanischen Mayo-Klinik umgesetzt: Ihre Langzeit-Untersuchung mit über 5.000 Personen zeigt, dass eine chronische gastro-ösophageale Refluxkrankheit (häufigste Ursache für Sodbrennen) nicht die Lebenserwartung der Betroffenen verschlechtert. Im Gegenteil: Mäßiges Sodbrennen steht sogar in Zusammenhang mit erhöhter Lebenserwartung [4].
Im Zeitraum zwischen 1988 und 1993 wurde eine Gruppe von Probanden aus einem bevölkerungsbasierten Studienklientel mittels Fragebögen unter anderem nach einer Einschätzung ihrer Reflux-Häufigkeit gefragt (täglich Sodbrennen, mindestens wöchentlich/nicht täglich, unregelmäßig/seltener als wöchentlich, niemals). Zur Nachbeobachtung wurden Verwaltungsunterlagen verwendet, um die Todesfälle bei den 5.288 untersuchten Personen 10 Jahre nach der Befragung zu erfassen (mehr als 50.000 Personen-Jahre Nachbeobachtung). Die statistische Risiko-Berechnung erfasste neben chronischen Refluxbeschwerden bedeutende Einflüsse auf die Sterblichkeit wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, die Anzahl chronischer Erkrankungen, Alkohol- oder Tabakkonsum.
Das Durchschnittsalter bei der Befragung betrug 53 Jahre, 51% waren Frauen. Insgesamt gaben 2% der Befragten tägliches Sodbrennen, 13% wöchentliches Sodbrennen, 34% unregelmäßiges Sodbrennen und 51% keinerlei Sodbrennen-Beschwerden an. Ein statistischer Zusammenhang zwischen Sodbrennen und Lebenserwartung konnte hergestellt werden. Im Vergleich zu Studienteilnehmern ganz ohne Sodbrennen-Beschwerden konnte bei Patienten mit täglichem Sodbrennen kein erhöhtes Sterbe-Risiko festgestellt werden. Allerdings zeigten Patienten mit wöchentlichen oder seltenen Refluxbeschwerden bessere Überlebenswerte. Besonders jene mit wöchentlichem Sodbrennen, deren Sterbe-Risiko etwa ein Drittel besser war als bei Befragten ohne oder mit täglichem Sodbrennen. In allen Gruppen verschlechterte sich das Sterbe-Risiko im Zusammenhang mit zunehmendem Alter, beim männlichen Geschlecht, in Abhängigkeit von der Anzahl chronischer Erkrankungen sowie dem Tabakkonsum. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass Reflux-Beschwerden wie Sodbrennen keine nachteiligen Auswirkungen auf die Lebenserwartung haben, also nicht zu einem vorzeitigen Tode führen. Die überwiegende Zahl von Sodbrennen-Patienten könne somit versichert werden, dass ihre Erkrankung eine grundsätzlich gutartige Gesundheitsstörung ist.
Für das überaus erstaunliche Ergebnis, dass gelegentliches Sodbrennen das Sterbe-Risiko zu senken, also das Leben zu verlängern scheint, haben die Autoren keine schlüssige Theorie. Im besten Fall könnte es so sein, schlagen sie vor, dass gelegentliches Sodbrennen Ausdruck eines teilweise schützenden Lebensstils ist. Beispielsweise von regelmäßiger körperlicher Aktivität oder eines mäßigen Alkoholkonsums (beides kann mit gelegentlichem Sodbrennen einhergehen).
Kommentar Sodbrennen-Welt.de Die statistische „Power“ der vorgelegten Studie, also die Wahrscheinlichkeit für die Korrektheit der Risikoanalyse, ist erfreulich hoch. So hoch, dass akademische Schwarzseher kaum noch ihre, von Lobbyisten bezahlten Kassandra-Rufe zur Gefährlichkeit von Sodbrennen ausstoßen können. Besonders nicht zu dem angeblich nahezu unausweichlich zu (Speiseröhren-)Krebs führenden Schicksal der chronischen Refluxpatienten. Diese angstmachende Schwarzmalerei dient ohne nur dem Zweck, die säureblockende umsatzfördernde Maximaltherapie mit Protonenpumpeninhibitoren wie Omeprazol bei Sodbrennen-Patienten zu rechtfertigen. Und dabei den Patienten zu verschweigen, dass es ganzheitlichere Therapie-Ansätze gibt, wie beispielsweise die bedarfsabhängige Einnahme von effektiven Antazida (zum Beispiel Maaloxan®) in Kombination mit individuell passenden Änderungen von Ernährung und Lebensführung.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Oktober 2007.
Quellen
- Michael Moore (Regisseur): Bowling for Columbine. USA 2002 (Infos). Zitat von Marilyn Manson: „Because that’s not the way the media wants to take it and spin it, and turn it into fear, because then you’re watching television, you’re watching the news, you’re being pumped full of fear, there's floods, there's AIDS, there’s murder, cut to commercial, buy the Acura, buy the Colgate, if you have bad breath, they’re not going to talk to you, if you have pimples, the girl’s not going to fuck you, and it’s just this campaign of fear and consumption, and that’s what I think it’s all based on, the whole idea of ‚keep everyone afraid and they’ll consume’ (Video).
- NN: Medizin - Spiel mit der Angst. Spiegel. Hamburg, 2.9.2002 (Info).
- NN: Panikmache oder sinnvolle Prävention - Wie gefährlich ist Sodbrennen wirklich? - Eine Kontroverse im Deutschen Ärzteblatt. Sodbrennen-Welt.de, Berlin, August 2002 (Volltext).
- Talley NJ, Richard Locke G 3rd, McNally M, Schleck CD, Zinsmeister AR, Joseph Melton L 3rd: Impact of Gastroesophageal Reflux on Survival in the Community. Am J Gastroenterol. 2007 Sep 26 (Medline).

