Mit Protonenpumpeninhibitoren gegen das Bäuerchen!?
|
Ist doch niedlich, wenn das Kleine ein Bäuerchen macht, beruhigten in vergangenen Zeiten Oma oder Tante besorgte Eltern, wenn ihr Kind eine gewisse Neigung zum Aufstoßen oder Spucken (Medizinerdeutsch: „Regurgitation“) zeigte. Heute führt der erste Weg zum Arzt – es könnte ja was Schlimmes sein. Und der gute Onkel Doktor schürt nicht nur die Ängste junger Eltern weiter, sondern bedient sie auch noch: Er verordnet zum Beispiel – ohne jede weitere Diagnose – säureblockierende Wirkstoffe. So wurden in den letzten Jahre immer öfter und öfter Wirkstoffe aus der Gruppe der Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) auch an Kleinkinder und Kinder verordnet. Eine Studie von US-Kinderärzten zeigt nun, dass bei 80% dieser Verordnungen nicht der geringste medizinische Grund für den Einsatz von PPI gegeben ist [1].
Ausgangspunkt der Untersuchungen war ein enormer Anstieg der PPI-Verordnungen an Kinder in den USA während der letzten 5-6 Jahre, so berichten die Forscher aus New Orleans. Dies kann nur – vielleicht bei verbesserter Diagnostik – mit einem plötzlichen Anstieg der Refluxkrankheiten bei Kindern oder einer medizinisch fragwürdigen Übertherapie zusammenhängen. Untersucht wurden 64 Säuglinge und Kleinkinder, die wegen anhaltendem Aufstoßen und Spucken zur medizinischen Abklärung in eine kinderärztliche Spezialklinik eingewiesen worden waren. Die umfangreichen Untersuchungen bei 44 Patienten umfassten bildgebende Untersuchungen wie Ultraschall des oberen Verdauungsapparates, Blutgas-Analysen, Säuremessung in der Speiseröhre (→ pH-Metrie) in Kombination mit oder ohne Impedanz-Monitoring (-> Impedanz-Messung).
Die verniedlichende Wendung Ein Bäuerchen machen bedeutet: Erwartetes Aufstoßen eines Kleinkindes. Beim Saugen aus der Mutterbrust oder aus der Milchflasche wird Luft mitgeschluckt, die wieder heraus muss. Dieser Vorgang wurde benannt nach der als bäuerlich geltenden Sitte, zum Zeichen der Sättigung nach dem Essen laut zu rülpsen.
Quelle: Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 1-5, Freiburg, Basel, Wien: Verlag Herder 1994.
Das Ergebnis: Nur acht der 64 Kinder (12,5%) hatten tatsächlich eine chronische Refluxkrankheit (engl. „gastroesophageal reflux disease“, GERD). Bei weiteren vier Kinder erklärten sich die Beschwerden aus einer übermäßig ausgeprägten Muskulatur des Magenausgangs („hypertrophe Pylorusstenose“) und in einem Fall durch eine Übersäuerung des Körpers durch eine Nierenerkrankung („nephrogene Azidose“). Die Antireflux-Medikation – oder besser gesagt, die Säureblocker-Behandlung – wurde bei 51 Säuglingen und Kindern beendet, was bei kaum einem Kind mit normalem pH-Befund zu einer Beschwerdeverschlechterung führte.
Übertherapie von Eltern veranlasst ...
Warum es bei derartig vielen Kindern keine für die PPI-Behandlung notwendige Diagnose einer chronischen Refluxkrankheit gab, ist unklar (-> Unkritische PPI-Dauertherapie). Die US-Ärzte vermuten, dass häufig auftretende Bäuerchen und Spucken bei manchen Eltern Ängste vor einer Austrocknung („Dehydrierung“) ihres Kindes oder eines chirurgisch zu behebenden Problems wie zum Beispiel eine Einengung im Verdauungstrakt („Obstruktion“) hervorruft. Und die Eltern dann die behandelnden Ärzte zu der unangemessenen Säureblocker-Therapie überreden. Die Forscher führen allerdings auch aus, dass sich Ärzte nicht von Patienten die Rezepte diktieren lassen brauchen. Schließlich sei die ganz normale klinische Untersuchung gut geeignet, um eine chronische gastroösophageale Refluxkrankheit bei Säuglingen und Kleinkindern zu erkennen. Zudem lassen sich bei Kindern mit Aufstoßen und Spucken und ohne weitere Warnsymptome normale Untersuchungsergebnisse finden, die zumeist nicht den Kriterien einer Refluxkrankheit entsprechen. Solche Warnsymptome, die auf zugrunde liegende Erkrankungen verweisen, sind: Reizbarkeit des Babys, Probleme beim Füttern, Atemwegs-Beschwerden oder unterdurchschnittlicher Zuwachs des Körpergewichts.
Ratschläge wie von Oma
Den behandelnden (Kinder-)Ärzten wurden die Möglichkeiten der konservativen Behandlung der Beschwerden mitgeteilt sowie auf die Notwendigkeit verwiesen, mit den Eltern auch über die Warnsymptome und die dann notwendigen Reaktionen zu sprechen. Bei gesunden Kinder ohne weitere Symptome, so die Kinderärzte weiter, sei es wichtig, die Eltern von der Gutartigkeit der Situation zu überzeugen. Und: Aus ärztlicher Sicht seien häufig Überfütterung (40%) und ungenügende Andickung der Säuglingsnahrung (70%) Ursache von Aufstoß- und Spuck-Neigung. Abhilfe schaffen dann
- besser angedickte, kleiner portionierte Nahrung,
- eine eher aufrechte Haltung des Kindes beim Füttern,
- Vermeidung von Zigarettenrauch
- der Versuch einer Nahrungsumstellung, zum Beispiel mit hypoallergener Säuglingsnahrung.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Beim Lesen solcher Studien stellt sich leicht der Eindruck ein, es bei medizinischen Leistungserbringern teilweise mit Blinden mit Krückstock zu tun zu haben: Einerseits werden die häufigen, tatsächlich refluxbedingten Gesundheitsprobleme von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern (Asthma usw. -> Fehldiagnose Asthma) nicht erkannt oder ignoriert. Weshalb an vielen Kindern – wegen fehlender korrekter Diagnose – jahrelang sinnlos herumlaboriert wird. Andererseits werden sinnlos irgendwelche Präparate verordnet, ohne dabei vernünftige Diagnostik betrieben zu haben („akuter Diagnose-Mangel“) oder an die potentiellen Gefahren einer PPI-Therapie zu denken (-> zerstörter Magensäure-Infektionsschutz).
Dass dies kein Problem der Pädiater alleine ist, zeigt ein hilfloser Kommentar in einer der weltweit renommiertesten Ärzteblätter, dem British Medical Journal: „Bis zu 70 Prozent der Patienten werden mit PPIs behandelt, ohne dass eine medizinische Indikation vorliegt“ [2]. Oder: Bis zu einem Drittel PPI-behandelter Patienten können problemlos die Einnahme der Säureblocker beenden, zeigten kürzliche Forscher aus Göteborg [3]. Und auch in Deutschland stimmt etwas nicht, wie der renommierte Pharmakologe Prof. Dr. Ulrich Schwabe, Heidelberg, Mitherausgeber des Arznei-Verordnungsreportes, gegenüber Sodbrennen-Welt.de kritisiert: „Wir stellen seit einigen Jahren einen beunruhigenden und medizinisch nicht zu erklärenden Verordnungszuwachs bei den Protonenpumpeninhibitoren (PPI) fest, die offenbar immer häufiger auch bei banalsten Magen-Darm-Problemen zum Einsatz kommen“ [4].
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Januar 2008.
- Bildquelle: sxc.hu, Team3d
- Khoshoo V, Edell D, Thompson A, Rubin M: Are we overprescribing antireflux medications for infants with regurgitation? Pediatrics. 2007 Nov;120(5):946-9 (Medline).
- Forgacs I, Loganayagam A: Overprescribing proton pump inhibitors. BMJ. 2008 Jan 5;336(7634):2-3 (Medline).
- Björnsson E, Abrahamsson H, Simrén M, Mattsson N, Jensen C, Agerforz P, Kilander A: Discontinuation of proton pump inhibitors in patients on long-term therapy: a double-blind, placebo-controlled trial. Aliment Pharmacol Ther. 2006 Sep 15;24(6):945-54 (Medline).
- Interview bei Pressekonferenz zur Vorstellung des Arzneiverordnungs-Report 2007, 16. Oktober 2007, Berlin.
Weitere Infos:
- Kinderlicher Reflux? Wenn die Diagnose stimmt finden Eltern hier Rat, Hilfe und Infos: Initiative Refluxkinder.

