Low-Carb bremst Sodbrennen
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Ob es gesund ist oder nicht: Seit über 100 Jahren predigen viele Gesundheitsapostel das Abnehmen mit Hilfe einer Ernährung, die nur wenig Kohlenhydrate enthält („Low-Carb“ von englisch „carbohydrates“ - Kohlenhydrate). Ernährungsmediziner warnen wegen Wirkungslosigkeit und negativer Auswirkungen vor Low-Carb-Diäten, ohne sie jedoch verhindern zu können. Immerhin eine positive Auswirkungen scheinen die Diäten jedoch zu haben: Bei Übergewichtigen verringern sie die Säurebelastung der unteren Speiseröhre und die Sodbrennen-Beschwerden ganz erheblich, wie US-Forschungen zeigen [1].
Untersucht wurden Übergewichtige mit chronischer gastroösophagealer Refluxkrankheit, die mit Hilfe einer Low-Carb-Diät (weniger als 20 Gamm Kohlenhydrate pro Tag) Gewicht reduzieren wollten. Vor Beginn der Diät wurden alle untersuchten Personen einer 24-Stunden-Säuremessung (Langzeit-Säuremessung) unterzogen sowie innerhalb von sechs Tagen nach Beginn der Diät. Mit umfangreichen Standard-Fragebögen zum Erfassen von Sodbrennen-Beschwerden wurden Verlauf und Stärke der Symptome registriert (Johnson-DeMeester-Score, GSAS-ds Score).
Kohlenhydrate (auch „Saccharide“) sind Nahrungsbestandteile, die aus einem oder mehreren Zuckermolekülen bestehen. Unter Kohlenhydraten fasst man eine Vielzahl organischer Verbindungen zusammen, die im Wesentlichen aus den Elementen Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff aufgebaut sind. Kohlenhydrate sind energiereich und dienen den Organismen neben den Eiweißen und Fetten als Energielieferant, sind also ein wichtiger Grundnahrungsstoff. Der menschliche Organismus kann Kohlenhydrate nur in Form von Einfachzuckern über die Darmwand aufnehmen, sodass die Zweifach- und Mehrfachzucker in der Nahrung durch Enzyme im Verdauungstrakt gespalten werden müssen. Kohlenhydrate können auch Bestandteile von Eiweißen („Glykoproteine“) oder Fetten („Glykolipide“) sein.
Es zeigte sich, dass das Ausmaß der Beschwerden sich bis auf die Hälfte reduzierte, genauso wie die objektiv mit pH-Metrie erfasste Säurebelastung im Bereich der unteren Speiseröhre. Die US-Forscher ziehen hieraus den Schluß, dass eine sehr stark kohlenhydratverarmte Ernährung bei Übergewichtigen Refluxpatienten Sodbrennen und Säurebelastung der Speiseröhre signifikant reduzieren kann.
Low-Carb-Diäten sind Ernährungsweisen, bei denen der Kohlenhydrat-Anteil der aufgenommenen Nahrung stark reduziert wird. Eine erste Low-Carb-Diät wurde bereits im 19. Jahrhundert von dem Engländer William Banting vorgeschlagen. Der Göttinger Arzt Wilhelm Ebstein empfahl ebenfalls eine Fleisch-Fett-Diät mit starker Reduzierung von Kohlenhydraten. Immer neue Ernährungs-„Experten“ versuchten sich seither an diesem Mangel-Konzept – am bekanntesten ist wohl Amerikaner Robert Atkins gewesen (2003 verstorben; Gewicht: 116 Kilogramm bei einer Körperlänge von 182 Zentimeter). Ziel dieser Diäten ist zumeist eine Gewichts-Verringerung. Die Nahrung besteht vor allem aus viel Fleisch, Fisch, Eiern, Wurst, Käse oder Sahne, weil diese Lebensmitteln wenig Kohlenhydrate enthalten. Brot, Nudeln, Zucker, Backwaren und Kartoffeln sollten wegen ihres hohen Kohlenhydratgehaltes vom Speisezettel verschwinden. Die Abnehm-Theorie lautet: Bei Energieverbrauch – zum Beispiel Muskelaktivität – benötigt der Mensch Kohlenhydrate. Diese werden jedoch nur begrenzt im Körper gespeichert, ein Zuviel an Kohlenhydraten wird rasch in Fett umgewandelt und gespeichert. Fehlen aber Kohlenhydrate in der Nahrung, muss der Körper bei Energiebedarf diese Fettreserven angreifen. Und – hoppla! – ohne es zu merken, schmelzen die Pfunde dahin, wie die Abnehmwilligen ihren Diät-Gurus glauben. Ein weiterer Hoffnungsfaktor: Kohlenhydrate sättigen nur kurz, Hunger taucht rasch nach den Mahlzeiten wieder auf. Anders bei Fetten oder Eiweißen, die länger satt machen. Einige Studien zeigen, dass kohlenhydratarme Ernährungen schneller das Gewicht verringern als fettarme Diäten („low-fat-diet“). Aber: Stark kohlenhydratreduzierte Diäten sind gesundheitlich folgenreich: So führt die hohe Eiweißaufnahme zu Nierenschäden und Nierensteinen. Das Übermaß an Fett erhöht die Gefahr von Herz- und Kreislauferkrankungen wie Arterienverkalkung, Schlaganfall oder Herzinfarkt. Da die Theorie der Low-Carb-Diäten auf der irrigen Vorstellung von „Übergewicht als Folge übermäßiger Energieaufnahme“ („positive Energiebilanz“) beruht, entstehen bei der Diät konsequenterweise ausgeprägte Nährstoffdefizite, die bei Diätende zu überschießender Fetteinlagerung führen („Jo-Jo-Effekt“). Grundsätzlich schätzen Experten die Low-Carb-Diäten als mittel- und langfristig wirkungslos ein [2].
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Innerhalb einer sechstägigen Diät verringert sich bei keinem Übergewichtigem das Körpergewicht so stark, dass hierdurch auftretende mechanisch-physikalische Veränderungen für das Verschwinden von Säurebelastung und Symptomen verantwortlich gemacht werden könnten. Auch die US-Forscher stehen vor einem Rätsel und können ihre Beobachtungen nicht erklären. Selbst wenn eine Low-Carb-Diät sicher kein Allheilmittel für normalgewichtige Sodbrennen-Patienten sein wird, macht die Studie doch erneut deutlich: 1. Vom Verständnis der Ursachen und des Verlaufs sowie einer rationalen Therapie der chronischen Refluxkrankheit ist die Wissenschaft noch weit entfernt. 2. Auch chronisch betroffene Refluxpatienten, bei denen die symptomunterdrückende Standard-Behandlung versagt, können Hoffnung haben, dass neue Einsichten zu neuen und wirksamen Therapien führen können.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Februar 2008.
- Bildquelle: sxc.hu, geo_c
- Austin GL, Thiny MT, Westman EC, Yancy WS Jr, Shaheen NJ: A very low-carbohydrate diet improves gastroesophageal reflux and its symptoms. Dig Dis Sci. 2006 Aug;51(8):1307-12 (Medline).
- Bravata DM, Sanders L, Huang J, Krumholz HM, Olkin I, Gardner CD, Bravata DM: Efficacy and safety of low-carbohydrate diets: a systematic review. JAMA. 2003 Apr 9;289(14):1837-50 (Medline).
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