Protonenpumpeninhibitoren bei jedem zweiten Sodbrennen-Patienten unwirksam
- Paradigmenwechsel bei AstraZeneca? -
Unerklärliche Zunahme der PPI-Verordnung [1] |
Ärztliches Verordnungs-Verhalten ist nicht immer rational. Dies gilt nicht zuletzt auch für Behandlungsversuche bei Refluxpatienten. Wie oft die bei Reflux und Sodbrennen am häufigsten eingesetzte Wirkstoffgruppe der Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) tatsächlich unwirksam bleibt, erklärt ein ranghoher Wissenschaftler jenes Unternehmens, das seit vielen Jahre lang patentgeschützt den Ulkus- und Sodbrennen-Blockbuster Omeprazol (Antra) verkauft. Und stellt gleichzeitig kommende Konzepte vor, mit denen Sodbrennen - nun aber endlich wirksam! - behandelt werden könnte.
Die nur mit exzellentem Marketing erklärbaren gigantischen Umsatzsteigerungen bei Protonenpumpeninhibitoren (PPI) kritisiert der renommierte Arzneiverordnungs-Report 2008 mit folgenden Worten: „Zwar nimmt nach epidemiologischen Erhebungen die Refluxkrankheit in den Industrienationen zu; aber sicher nicht um das fast Sechsfache in den letzten 10 Jahren, um diesen kontinuierlichen Anstieg der Verordnung von Protonpumpinhibitoren zu erklären, zumal ja auch das durch Helicobacter pylori verursachte Ulkusleiden in den gleichen Ländern immer seltener vorkommt. Dies dürfte mit dem Rückgang der Helicobacter pylori-Prävalenz erklärt sein. Vermutlich werden Protonenpumpeninhibitoren, in Ermangelung anderer Medikamente, bei dem sehr häufigen Krankheitsbild des Reizmagensyndroms eingesetzt ... obgleich für diese Indikation die wissenschaftliche Evidenz nur durch wenige Arbeiten belegt ist“ [1].
Damit wäre der überzogene, wissenschaftlich nicht gerechtfertigte Einsatz von Protonenpumpeninhibitoren - neben den Antibiotika - ein weiteres Beispiel, bei dem Ärzte eine pharmakologische Wirkstoffgruppe als „Beruhigungsmittel“ für sich selbst und ihre Klienten missbrauchen. Doch vielleicht gibt es noch andere Gründe? Auf diese macht einer der Chefwissenschafler von AstraZeneca in Mölndal/Schweden, Dr. Anders Lehmann, aufmerksam (der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca ist der Erstvermarkter des jahrelang umsatzstärksten PPI-Kassenschlagers Omeprazol). Lehmann bestätigt in einer aktuellen Publikation, was alle Patienten mit chronischem Sodbrennen wissen: „Bis zu 50% aller Patienten mit gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD) leiden weiterhin an GERD-Beschwerden obwohl sie mit Protonenpumpeninhibitoren behandelt werden“.
Dies klang in den Verlautbarungen seines Arbeitgebers und der auf allen Kongressen und Symposien die PPIs vertretenden Wissenschaftler jahrelang ganz anders! Da war Omeprazol die wirksamste Arzneisubstanz seit Jahren, wenn nicht seit Jahrhunderten ... Doch seitdem die Patentfrist für Omeprazol abgelaufen ist, möchte (muss?) AstraZeneca anderweitig an frühere Umsatzrekorde anknüpfen. Und entwickelt neue Therapiestrategien, in die Lehmann einige Einblick gewährt. Die experimentellen Wirkstoffe AZD3355 und AZD9343 von AstraZeneca sind GABAB-Rezeptoragonisten mit begrenzter Wirkung auf das zentrale Nervensystem und erhaltenen Effekten auch auf Funktionen des Ösophagus-Schließmuskels (ähnlich Baclofen). GABA (Gamma-Amino-Buttersäure) ist die wichtigste Nerven-Signalsubstanz mit hemmenden Wirkungen in Gehirn und Körper. Die jetzt bei Patienten untersuchten Wirkstoffe sollen die bei Refluxpatienten oft übermäßigen Erschlaffungsphasen des Speiseröhren-Schließmuskels verringern. Und so die Säurebelastung der Speiseröhre verringern.
Der Paradigmenwechsel, den Lehmann angesichts der unbefriedigenden Wirkung von PPIs vollzieht, geht weiter als es auf den ersten Blick deutlich wird. Lehmann verabschiedet sich von der Säurepathogenese des refluxbedingten Sodbrennens - „Magensäure ist im besten Fall Auslöser von Sodbrennen, aber nicht dessen Ursache“. Er zeigt gleichzeitig auf, das die chronische Refluxkrankheit und Sodbrennen im wesentlichen eine Funktionsstörung der von Nerven gesteuerten Muskulatur von Speiseröhre und Magen ist: „Die Phasen vorübergehender Erschlaffung des unteren Speiseröhren-Schließmuskels (transient lower esophageal sphincter relaxations - TLESRs) sind der wichtigste Mechanismus des gastroösophagealen Refluxes“ [3]. Dass der Ösophagus-Schließmuskel die Speiseröhren-Schleimhaut bei Sodbrennen-Patienten nicht wie vorgesehen vor aggressivem Mageninhalt schützt, ist Gastroenterologen mit ganzheitlicher Sicht jedoch schon seit langem klar. Modifizierte Neurotransmitter wie AZD3355 oder AZD9343 sind sicher patentwürdig und damit eine potentielle Milchkuh für Unternehmen. Ob sie jedoch - bei ihrem reichhaltigen Potential an Nebenwirkungen - das komplexe Problem der chronischen Refluxkrankheit werden lösen können, mag dahingestellt bleiben. Auch wenn beteiligte Wissenschaftler bereits jetzt auf Kongressen mitteilen, dass „AZD3355 verspricht, der erste Reflux-Inhibitor überhaupt zu sein, und einer neuen Generation von Therapien bei chronischer Refluxkrankheit die Tür öffnet“ [4]. Vielleicht hilft der Blick auf den erhofften Blockbuster Rimonabant (Acomplia), eine ebenfalls in das Neurotransmittersystem des ZNS eingreifende Substanz zur Gewichtsreduktion: Wegen schwerer psychiatrischer Nebenwirkungen ist die Vermarktung Ende 2008 mit Hilfe von Arzneimittelzulassungsbehörden schlagartig beendet worden.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, November 2008.
- Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.): Arzneiverordnungsreport 2008. Springer, Heidelberg, 2008.
- Lehmann A: Novel treatments of GERD: focus on the lower esophageal sphincter. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2008 Aug;12 Suppl 1:103-10 (Medline).
- Alstermark C, Amin K, Dinn SR, Elebring T, Fjellström O, Fitzpatrick K, Geiss WB, Gottfries J, Guzzo PR, Harding JP, Holmén A, Kothare M, Lehmann A, Mattsson JP, Nilsson K, Sundén G, Swanson M, von Unge S, Woo AM, Wyle MJ, Zheng X: Synthesis and pharmacological evaluation of novel gamma-aminobutyric acid type B (GABAB) receptor agonists as gastroesophageal reflux inhibitors. J Med Chem. 2008 Jul 24;51(14):4315-20 (Medline).
- Lehmann A, Blackshaw LA, Elebring T, Jensen J, Mattsson JP, Nilsson KA, Saransaari P, von Unge S: The new reflux inhibitor AZD3355 has a low propensity for inducing central side effects due to its affinity for the gaba carrier. Präsentation bei: 16th United European Gastroenterology Week (UEGW). Wien, 21. Oktober 2008.

