Abkehr von alten Theorien (Teil 1)
Wetterleuchten einer besseren Sodbrennen-Therapie
Leuchtet eine rote Warnlampe auf, drehen Sie sie einfach raus!“, würde kein Autofahrer als Tipp seines Kfz-Mechanikers akzeptieren. In der Medizin hingegen werden solche Empfehlungen sehr häufig ausgesprochen und umgesetzt. Sei es, wenn bei Kleinkindern mit Infekten Fieberzäpfchen angewandt werden sollen. Sei es, wenn Patienten mit Sodbrennen Medikamente verordnet werden, die langfristig die Säurebildung oder -freisetzung im Magen blockieren. Ob Fieber oder Magensäure biologische Aufgaben erfüllen oder nicht, wird bei dieser Art von Beschwerde-Unterdrückung nicht gefragt. Führende Magen-Darm-Experten aus allen Kontinenten haben jetzt Empfehlungen veröffentlicht, die eine radikale Abkehr bisheriger Konzepte bei Patienten mit Refluxkrankheit bedeuten [1]. Sodbrennen-Welt.de wird über die neuen Aussagen in zwei Folgen berichten - zunächst über die geänderten Einsichten in die Krankheitsentstehung, dann über die Konsequenzen für die Behandlung.
Dass ein tiefes Verständnis in die Entstehung einer Krankheit für die Behandlung von großer Bedeutung ist, erscheint Medizinlaien selbstverständlich, nicht aber vielen Medizinern. Da diese oft nur Symptome im Visier („Fieber“, „Sodbrennen“), ist nur wichtig, dass die Behandlung die angepeilten Symptome zum Verschwinden bringt. Egal mit welchen Mitteln. Die Magen-Darm-Heilkunde („Gastroenterologie“) hat dafür sogar einen für die gesamte Medizin maßgeblichen Begriff geprägt: Die „probatorische Therapie“. Also die versuchsweise Behandlung. Dass Verständnis von Sodbrennen war jahrzehntelang: Der Hauptschuldige der Beschwerden ist die Magensäure. Deshalb muss diese zum Verschwinden gebracht werden, mit welchen Mitteln auch immer. Dass dies oft nicht funktioniert, selbst bei den wirksamsten Medikamenten, die es dafür gibt, hat außer die betroffenen Patienten niemanden sonst gestört (→ Protonenpumpeninhibitoren bei jedem zweiten Sodbrennen-Patienten unwirksam).
Das internationale Expertenteam räumt mit dieser falschen und die Wirklichkeit der Erkrankung nur unbefriedigend beschreibenden Säure-Hypothese endgültig auf. Alle Forschungen der letzten Jahre weisen eindeutig darauf hin, so heißt es in der Publikation der Wissenschaftler, dass es bei der gastroösophagealen Refluxkrankheit nur einen mäßig ausgeprägten Zusammenhang zwischen Beschwerden und Magensäure gibt. Zudem seien der Rückfluss von Magensaft und bestimmte Inhaltsstoffe dieses „Refluats“ letztlich nur Auslöser von Beschwerden wie Sodbrennen, Schmerzen hinter dem Brustbein oder saures Aufstoßen. Ursächlich sei hingegen eine komplexe, bislang nur wenig verstandene Funktionsstörung, die die normale Verschlussfähigkeit des unteren Speiseröhren-Schließmuskel stört und/oder die Bewegungsabläufe der Speiseröhren-Muskulatur („Ösophagus-Motilität“) unphysiologisch verändert. Auf diese komplexe Störung, dies weiß wahrscheinlich jeder Sodbrennenpatient besser als sein behandelnder Arzt, wirken viele und verschiedenste Einflüsse ein - hormonelle oder nervliche Veränderungen, seelische Belastungen, Arzneimittel, Lebensmittel, Getränke und viele andere Elemente der persönlichen Lebensführung.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Die Ära der Säure-Hypothese der Refluxkrankheit mit dem reflexartigen Griff zur Verordnung eines Protonenpumpeninhibitors (PPI) geht dem Ende zu. Die Hypothese, dass die Refluxkrankheit im Kern eine Funktionsstörung des Organs Speiseröhre ist, ist für naturheilkundlich orientierte oder ganzheitlich denkende Mediziner nichts Neues. Für viele Allgemein- und gastroenterologische Fachärzte ist die Hypothese jedoch irritierend. Nicht zuletzt, weil jetzt die unüberhörbare Frage von Betroffenen lauter wird, was sie denn überhaupt haben (klar ist bis jetzt nur, dass es fast nie „zuviel Magensäure“ ist). Und warum die therapeutischen Antworten auf die häufigste Gesundheitsstörung oft so unbefriedigend sind. Warum also soviel Geld für so wenig Leistung ausgegeben wird und warum Patienten eine der effektivsten und am schnellsten wirkenden Arzneimittel bei Sodbrennen - die Gruppe der Antazida wie z. B. Maaloxan - aus eigener Tasche bezahlen müssen.

