Warnung vor Daueranwendung von Mitteln zur Beschleunigung der Magenentleerung
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In den USA müssen ab sofort die Fachinformationen der Präparate, die den Wirkstoff Metoclopramid (Paspertin&®, Generika) enthalten, auf Anweisung der Arzneimittelbehörde FDA eine so genannte „black box warning“ bekommen. Diese schärfste Form der Warnung, soll Patienten vor Dauergebrauch oder Anwendung des Mittels in hohen Dosierungen schützen, weil beides mit einem erhöhten Risiko von „irreversiblen Spätdyskinesien“ einhergehen kann. Millionen von Reflux- und Magenpatienten weltweit verwenden entsprechende Präparate.
Die heimtückischen und nicht wieder umkehrbaren Nebenwirkung verschiedener Medikamentengruppen (vor allem Neuroleptika) ist durch unwillkürliche periodische Bewegungen gekennzeichnet. Im Gesichtsbereich beispielsweise durch Schmatzen, Grimassieren, Vorstrecken der Zunge oder Aufblasen der Wangen. Andere Erscheinungsformen sind Zittern der Hände („Ruhetremor“), ungelenke oder überschießende, eventuell aber auch verringerte, stockende Bewegungen oder Krämpfe.
Eine ältere medizinische Vorstellung besagte: Sodbrennen oder Magenulkus entstehen durch ein Zuviel an Magensäure. Und dies besonders dann, wenn saurer Mageninhalt nicht „richtig“ in Richtung Darm weiter transportiert wird. Deshalb erscheinen Medikamente sinnvoll, die die Magenentleerung fördern (sie werden als Gastrokinetika oder allgemein als Prokinetika bezeichnet). Eines hiervon ist Metoclopramid. Der Wirkstoff ist vom Wirktyp her ein auf das Nervensystem wirkendes Neuroleptikum (Neuroleptika werden vor allem bei Schizophrenie und akuter Psychosee eingesetzt).
Das Risiko der Entwicklung einer Spätdyskinesie unter Metoclopramid steht nach Angaben der FDA in direktem Zusammenhang mit der Einnahmedauer und der kumulativen Dosis. Besonders gefährdet sind ältere Patienten, vor allem ältere Frauen. Patienten und Ärzte sollen, so die FDA, das Risiko kennen und auf dieser Basis eine informierte Entscheidung treffen. Die Langzeiteinnahme soll bis auf seltene Ausnahmen vermieden werden. In hiesigen Fachinformationen und Beipackzetteln wird nur unzureichend über das Risiko informiert. Im Beipackzettel von Paspertin wird Spätdyskinesie lapidar mit „Bewegungsstörungen“ übersetzt. Ein Hinweis auf die mögliche Irreversibilität fehlt völlig. Auch die Fachinformationen für Ärzte lassen die notwendige Klarheit fehlen.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Das genannte Metoclopramid-Präparat Paspertin gehört seit langem zu den führenden und umsatzstarken Arzneimitteln in Deutschland. Die wirkstoffgleichen Generika lassen ebenfalls noch einmal knapp 60 Millionen Euro pro Jahr in die Taschen der verschiedenen Anbieter fließen. Die Fragwürdigkeit der Wirkung von chemisch definierten Prokinetika stellte sich bereits in den 90er Jahren und endete 2000 mit dem Verbot des prokinetischen Wirkstoffes Cisaprid (angesichts vieler Todesfälle von damit behandelten Patienten). Da chemisch definierte Prokinetika zudem bei der Refluxkrankheit keine besondere Wirksamkeit haben, zum Beispiel was die Heilung der entzündeten Speiseröhren-Schleimhaut angeht, sollten Patienten mit chronischer Refluxkrankheit vor allem eine Metoclopramid-Daueranwendung kritisch hinterfragen.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, 2009.
- FDA News: FDA Requires Boxed Warning and Risk Mitigation Strategy for Metoclopramide-Containing Drugs, 26. Febr. 2009 (Volltext).
- Khan M, Santana J, Donnellan C, Preston C, Moayyedi P: Medical treatments in the short term management of reflux oesophagitis. Cochrane Database Syst Rev. 2007 Apr 18;(2):CD003244 (Kurzfassung).

