Wein schützt vor Sodbrennen
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Wie so oft in der Sodbrennen-„Wissenschaft“ hat die Wissenschaftler-Logik nichts mit dem Leben der Millionen von Sodbrennen-Betroffenen zu tun, wie jetzt eine nordirische Untersuchung zu den Auswirkungen von Alkohol auf die Gesundheit der Speiseröhre zeigt [1]. In der Fall-Kontrollstudie wird deutlich, dass alkoholische Getränke, und dabei vor allem Wein sogar vorteilhaft für die Speiseröhre sein können. Auch in Hinsicht auf säurebedingte Schleimhaut-Schäden, die als Vorstufe einer Krebserkrankung des Organs gelten (Barrett-Ösophagus), scheint für Alkohol als Risikofaktor Entwarnung angesagt.
„Verzichten Sie auf Alkohol“ ist ein auch heute oft zu hörender ärztlicher Ratschlag an Sodbrennen-Patienten. Die Idee dahinter ist einfach: Konzentrierter Alkohol schädigt Zellen und kann beispielsweise Schleimhautschäden im oberen Verdauungstrakt auslösen. Da erhöhter Alkoholkonsum auch mal Refluxbeschwerden wie Schmerzen hinter dem Brustbein, Sodbrennen, Magendruck oder saures Aufstoßen auslöst, wie manche Menschen wissen, kann das Genussmittel - logischerweise - nicht gesund sein. Nicht zuletzt, weil häufige Refluxbeschwerden als Zeichen einer erhöhten Säurebelastung der Speiseröhre gedeutet werden. Und dies soll wiederum Ausgangspunkt aller möglichen Erkrankungen der Speiseröhre sein - chronische Entzündung (Ösophagitis), Schleimhautschäden (Mukosaläsionen und Vernarbungen), untypische Zellveränderungen (Metaplasie, Barrett-Ösophagus) und schließlich Krebs (Ösophagus-Adenokarzinom). Das ist logisch ... Doch Logik ist eben nur „die geistige Kunst des vernünftigen Schlussfolgerns“. Und nicht die Wissensaneignung auf Grundlage von wiederholbaren Beobachtungen oder mittels Experimenten in der realen Welt - was insgesamt als Naturwissenschaft bezeichnet wird.
In die Untersuchung der Universität Belfast wurden rund 950 Personen einbezogen, die entweder unter Speiseröhren-Entzündung, untypischen Schleimhautveränderungen (Barrett-Ösophagus) oder Speiseröhrenkrebs (Adenokarzinom) litten oder speiseröhrengesund waren. Neben den medizinischen Befunden wurde in diesen vier Gruppen jeweils der Alkoholkonsum im Alter von 21 Jahren sowie 5 Jahre vor der wissenschaftlichen Studie erfasst. Zahlreiche andere mögliche Einflussfaktoren für Speiseröhren-Erkrankungen wurden ebenfalls erfasst und mit Hilfe statistischer Verfahren in ihrer Bedeutung bewertet.
Über die Ergebnisse staunt der Fachmann und der Laie lacht: Bei ansonsten speiseröhregesunden Menschen bestand ein deutlicher, aber unerwarteter Zusammenhang zwischen Sodbrennen-Beschwerden und Alkoholkonsum fünf Jahre vor der Befragung. Gehäuft hatten jene gesunden Personen Sodbrennen, die wenig oder keinen Alkohol getrunken hatten, während gesunde Probanden ohne Sodbrennen eher dem Genussmittel zugesprochen hatten. Fast noch erstaunlicher waren die Ergebnisse bei den Patienten mit Speiseröhren-Erkrankungen: Bei keiner Erkrankungsgruppe konnte eine statistische Beziehung zwischen dem Gesamtalkoholkonsum 5 Jahre vor dem Interview und der Erkrankung gefunden werden. Im Gegenteil: Der Genuss von Wein war sogar negativ assoziiert mit der Speiseröhren-Schleimhautentzündung (Refluxösophagitis). Kurz: Je häufiger die Patienten Wein getrunken hatten, desto geringer war die Ausprägung der Refluxösophagitis-Anzeichen. Nur in einem Fall war der erfasste statistische Zusammenhang erwartungsgemäß: Der Gesamt-Alkoholkonsum im Alter von 21 Jahren war statistisch signifikant mit einer Refluxösophagitis zum Zeitpunkt der Untersuchung assoziiert. Aber nicht - und dies ist wieder unerwartet - mit dem Auftreten eines Barrett-Ösophagus oder eines Speiseröhrenkarzinom.
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Alkoholkonsum im frühen Erwachsenenalter die Entwicklung einer Refluxösophagitis fördern kann. Der Alkoholkonsum in näher zurückliegender Vergangenheit scheint hingegen nicht zum Risiko einer Speiseröhrenentzündung, eines Barrett-Ösophagus oder einer Ösophaguskrebskrankheit beizutragen. Weingenuss könnte sogar das Erkrankungsrisiko dieser drei Speiseröhren-Krankheiten senken, also schützende Wirkungen haben.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Die derzeit gültige medizinische Risikotheorie behauptet: Ein vermeidbares Gesundheits-Risiko sollte immer vermieden werden („Expositionsprophylaxe“). So könne man gesund werden oder bleiben. Im Falle von Alkohol und Sodbrennen scheint dies nicht uneingeschränkt zu gelten. Die vorgelegte Studie wird wie ähnliche wissenschaftliche Arbeiten dazu beitragen, die gesundheitliche Bedeutung alkoholischer Getränke, vor allem natürlich des Weines, weiter zu beleuchten. Für Sodbrennen-Patienten im besonderen folgt hieraus: Das Beschwerde-Management im Alltag besteht nicht aus einer permanenten Vermeidung angeblicher „Risikofaktoren“ der Refluxkrankheit sowie maximaler und trotzdem oft unwirksamer Säureunterdrückung. Verzicht ist nur dann sinnvoll, wenn zum Beispiel ein spezielles Lebensmittel individuell Beschwerden auslöst. Die Therapie wiederum sollte niedrigschwellig an den aktuellen Sodbrennen-Beschwerden ausgerichtet sein. Dies bedeutet, dass ein Großteil aller Patienten mit bedarfsgesteuerter Einnahme von Antazida wie z. B. Maaloxan® auskommen (was zudem den Vorteil eines fast sofortigen Wirkungseintritts hat).
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, 2009.
- Anderson LA, Cantwell MM, Watson RG, Johnston BT, Murphy SJ, Ferguson HR, McGuigan J, Comber H, Reynolds JV, Murray LJ: The association between alcohol and reflux esophagitis, Barrett's esophagus, and esophageal adenocarcinoma. Gastroenterology. 2009 Mar;136(3):799-805 (Kurzfassung).
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