Antazida aus Aluminium-Magnesiumhydroxid: Erste Wahl der WHO
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Die neueste Ausgabe des WHO Modell-Arzneibuches aus dem Jahre 2008 (siehe erster Infokasten) beschäftigt sich mit der Behandlung der gastro-ösophagealen Refluxkrankheit und den damit zusammenhängenden Beschwerden wie Sodbrennen, saures Aufstoßen oder Schluckprobleme. Dabei wichtet die Weltgesundheitsorganisation WHO die Bedeutung der verschiedenen möglichen Arzneimittel ganz anders als die aktuellen ärztlichen Therapieratgeber in Deutschland.
WHO Modell-Arzneibuch 2008
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Seit seiner ersten Veröffentlich 2002 ist das WHO Modell-Arzneibuch (WHO Model Formulary, Website) eine unentbehrliche Quelle für unabhängige Informationen über unverzichtbare Arzneimittel - sowohl für Entscheider im Gesundheitswesen als auch für Verordner weltweit. Das Modell-Arzneibuch ist ein zuverlässiger Leitfaden, wie die, in der WHO Modelliste der essentiellen Arzneimittel (WHO Model List of Essential Medicines, 15. Auflage, Website) aufgeführten Arzneimittel effektiv einzusetzen sind, um die Patientensicherheit zu erhöhen und unnötige medizinische Ausgabe zu begrenzen. Für jeden gelisteten Wirkstoff enthält das Arzneibuch Informationen zu Anwendungsbereichen, Dosierung, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Warnungen, ergänzt durch Anleitungen, wie die richtigen Arzneimittel bei einer Vielzahl von Störungen und Erkrankungen auszuwählen sind. Die neue Ausgabe - „WHO Model Formulary 2008“ - enthält gegenüber den Vorgängerausgaben zahlreiche Änderungen und Aktualisierungen therapeutischer Informationen zu den vorhandenen Arzneimitteln als Reaktion auf neues klinisches Wissen.
Die Behandlung der chronischen Refluxkrankheit sollte, so die WHO, nicht nur aus einer medikamentösen Behandlung bestehen, sondern auch Änderung der Lebensweise umfassen (Wenn Stress zur Krankheit führt). Gelegentlich gehören auch chirurgische Eingriffe zur Therapie. Die anfängliche Therapie sollte im wesentlichen von der Stärke der Beschwerden geführt sein, und der weitere Verlauf dann an die Therapieantwort angepasst werden. Bei symptomatisch milde ausgeprägter Refluxkrankheit kann die initiale Behandlung den Einsatz von Antazida (siehe zweiter Infokasten) umfassen. H2-Rezeptorenblocker unterdrücken die Säurefreisetzung und können Beschwerden verringern, was wiederum die Reduktion der Antazida-Einnahme erlaubt. Nur wenn diese Behandlung überhaupt nicht anschlägt, Patienten unter sehr starken Beschwerden leiden oder nachgewiesene bzw. schwere Veränderungen der Speiseröhren-Schleimhaut nachweisbar sind (zum Beispiel ein Barrett-Ösophagus), kann eine Kurzzeitbehandlung mit Protonen-Pumpen-Inhibitoren schon zu Beginn der Therapie gerechtfertigt sein, so die WHO.
WHO: Antazida erste Wahl bei vielen Refluxbeschwerden
Antazida (normalerweise aus Aluminium- und/oder Magnesium-Bestandteilen bestehend, wie zum Beispiel Maaloxan®) können oftmals die Beschwerden von Ulcus-Dyspepsien und bei chronischer Refluxkrankheit auch ohne Schleimhautschäden lindern. Auch bei funktionellen Störungen, zum Beispiel einer Dyspepsie ohne Geschwürsbildung, lindern sie oft die Beschwerden, allerdings ist ihre Bedeutung bei solchen Erkrankungen nicht ganz sicher. Antazida sollten dann eingenommen werden, wenn Beschwerden auftreten oder erwartet werden, also für gewöhnlich zwischen den Mahlzeiten oder beim Zubettgehen. Im Normalfall werden sie 4x täglich oder öfter eingenommen, eine zusätzliche Einnahme kann nötig werden, bis zu einmal stündlich. Magnesium-Aluminiumantazida in üblicher Dosierung von zum Beispiel 10 Milliliter eines flüssigen Mittels 3-4mal täglich fördert zudem die Heilung von Schleimhautgeschwüren (allerdings nicht so gut, wenn gleichzeitig antisekretorische Mittel verwendet werden wie zum Beispiel H2-Blocker). Ob es eine Beziehung zwischen der Heilungsförderung und der Neutralisationskapazität eines Antazidums gibt, ist bislang ungeklärt. Flüssige Antazida-Zubereitungen sind, so die WHO, wirksamer als feste. Antazida, die Aluminium- und Magnesiumverbindungen enthalten (zum Beispiel Aluminium- und Magnesiumhydroxid wie Maaloxan®) sind in Wasser relativ unlöslich, und sind langwirksam, solange sie sich im Magen aufhalten. Sie sind diejenigen Antazida, die für die meisten Zwecke geeignet sind. Magnesiumhaltige Antazida haben abführende, aluminiumhaltige Antazida hingegen stopfende Eigenschaften.
(Quelle: Kapitel 17. Gastrointestinal medicines, Abschnitt 17.1 Antacids and other antiulcer medicines. In: WHO Model Formulary, 2008).
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Die Behandlung von Sodbrennen und anderen Refluxbeschwerden beginnt bei uns - anders als von der WHO empfohlen - zumeist mit einer Maximal-Therapie. Also den wirksamsten Mitteln, die fast völlig die Säurebildung im Magen verhindern oder die Säurefreisetzung blockieren. Damit ist die Diskussion offen: Sind die WHO-Empfehlungen guter klinischer Standard, der auch deutschen Patienten empfohlen werden kann? Oder ist es Arme-Leute-Medizin für Länder, die sich unsere “überragend wirksamen„ Mittel nicht leisten können? Auf jeden Fall ist die Maximaltherapie nach dem Motto “das können wir uns doch leisten„ sehr viel häufiger bei Sodbrennen, saurem Aufstoßen und anderen Refluxbeschwerden unwirksam, als Verordner, Pharmahersteller und auch Kostenträger meist wahrhaben (Protonenpumpeninhibitoren bei jedem zweiten Sodbrennen-Patienten unwirksam). Dass Patienten gegen diese unheilige Allianz von ihrem Arzt wirksamere Therapiealternativen bei dem so oft therapieresistenten Sodbrennen einfordern, kommt leider viel zu selten vor. Viele stimmen immerhin mit den Füßen in der Apotheke ab - und kaufen sich ein wirksames Antazidum.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, 2009.

