Akupunktur bei Schwangerschafts-Sodbrennen: Nicht fraglich, aber fragwürdig
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Schwangerschaft löst eine ganze Reihe von Magendarmbeschwerden aus, einschließlich Sodbrennen, Reflux, saures Aufstoßen oder Völlegefühl. Bei zahlreichen anderen Schwangerschaftsproblemen, vor allem auch Übelkeit und Erbrechen, gibt es Hinweise auf die Wirksamkeit auch von Akupunktur. Das Biomedizinerteam der Universität von Rio Preto hat die bislang noch nicht untersuchte Frage geprüft, ob Akupunktur auch bei Schwangerschafts-Sodbrennen helfen kann. Ihre aktuelle Veröffentlichung zeigt, dass das asiatische Energiemedizinverfahren offenbar Symptome von Schwangeren mit Magenbeschwerden lindern kann [1].
In die brasilianische Studie wurden 42 Schwangere mit Magenproblemen einbezogen. Die achtwöchige Therapie bestand entweder aus Akupunktur oder einer Standardtherapie (Kontrollgruppe). Alle zwei Wochen befragten die Forscher die Frauen nach ihren Sodbrennen-Symptomen (brennendes Gefühl hinter dem Brustbein, Sodbrennen, saures Aufstoßen, Völlegefühl und anderes). Zudem stellten sie Fragen nach der Anzahl der eingenommenen Antazida-Tabletten (wie z. B. Maaloxan® zur Neutralisation der Magensäure) und die Auswirkungen ihrer Beschwerden auf die Nahrungsaufnahme und den Schlaf.
Sechs Frauen beendeten die Studienteilnahme vorzeitig, einschließlich fünf in der Kontrollgruppe. Die Intensität der Sodbrennen-Beschwerden verringerten sich mindestens um 75% bei den mit Akupunktur behandelten Schwangeren und um 44% bei den Frauen der Kontrollgruppe. Sieben Frauen in jeder Gruppe nutzen jeweils Antazida. Dabei sank die durchschnittliche Verwendung in der Akupunkturgruppe um 6,3 Dosen ab, im Vergleich zu einer Zunahme von 4,4 Dosen in der Kontrollgruppe. Am Ende der Studie berichteten 75% (31%) der Schwangeren der Akupunkturgruppe (Kontrollgruppe) über eine mindestens 50%ige Verbesserung bei der Nahrungsaufnahme und 70% (25%) über eine mindestens 50%iger Verbesserung ihres Schlafes. Nebenwirkungen der Akupunkturbehandlung gab es nicht, auch die Vitalparameter der Neugeborenen unterschieden sich nicht in beiden Gruppen. Aus Sicht der brasilianischen Forscher sollten jetzt weitere, deutlich größere und kontrolliert-randomisierte Untersuchungen durchgeführt werden, um die guten Ergebnisse und die Nebenwirkungsfreiheit zu bestätigen. Nicht zuletzt, weil Akupunktur einfach anzuwenden ist und bei korrekter Anwendung den Arzneimittelbedarf senken kann.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Die „Schnellschußmedizin“ findet, dass Sodbrennen durch eine „Druckerhöhung“ im Bauchraum entsteht und wie ein Krankheitssymptom zu werten ist. Tatsächlich ist es jedoch eine völlig physiologische Reaktion auf die natürlichen und vorübergehenden Veränderungen des weiblichen Körpers während der Schwangerschaft (→ Schwangerschafts-Sodbrennen). Unsinn sind auch die Häufigkeitsangaben in Fachbüchern oder Frauenpresse: Gerade mal eine von vier Schwangeren leidet an Sodbrennen, auch die Zunahme im Schwangerschaftsverlauf gehört in das Reich der Fabel („Schwangerschafts-Sodbrennen: Seltener als angenommen, keine Verschlimmerung“). Wie ist angesichts dessen eine Akupunktur-Intervention zu bewerten? Die weltweit größten Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur wurden in Deutschland durchgeführt und zeigen zusammengefasst: Akupunktur wirkt bei vielen Gesundheitsstörungen, aber nur genauso gut wie Placebo-Nadelstechen an fast beliebigen Körperstellen [2]. Eine spezifische Wirksamkeit hat das Verfahren also nicht. Auch mit der erhofften Nebenwirkungsfreiheit ist es nicht weit her: So warnen selbst die brasilianischen Autoren vor dem Stechen von Akupunkturpunkten im Bereich des unteren Bauches und des unteren Rückens, um keine unerwünschten, vorzeitigen Wehen auszulösen. Hinzu kommen die üblichen Akupunktur-Risiken wie Blutungen, Schmerzen, Beschwerde-Verstärkung, Krampfanfälle, Verbrennungen (bei zusätzlicher Moxa-Verwendung), vergessene Nadeln, Hautentzündungen oder systemische Infektionen (unter anderem Hepatitis). Im Interesse der Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder wäre es sinnvoller, Schwangerschafts-Sodbrennen nur mit Maßnahmen zu lindern, deren Funktionsweise verstanden und deren potentielle Nebenwirkungen definitiv klar sind.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, 2009.
- da Silva JB, Nakamura MU, Cordeiro JA, Kulay L Jr, Saidah R: Acupuncture for dyspepsia in pregnancy: a prospective, randomised, controlled study. Acupunct Med. 2009 Jun;27(2):50-3 (Kurzfassung).
- Cummings M: Modellvorhaben Akupunktur - a summary of the ART, ARC and GERAC trials. Acupunct Med. 2009 Mar;27(1):26-30 (Kurzfassung).
