Husten
Der Reflux-Reflex: Ärzten unbekannt, Millionen Sodbrennen-Patienten nicht
|
Über Husten und andere Atemwegskrankheiten in Folge von Zwölffingerdarm und Magen über die Speiseröhre in Rachen, Nasennebenhöhlen, Innenohr, Luftröhre oder Bronchien aufsteigende säurehaltigen, aggressiven Magensaft wurde bei Sodbrennen-Welt.de schon vielfach berichtet (→ Refluxassoziierte Atemwegserkrankungen). Eine Besonderheit, die viele Sodbrennen-Patienten trotzdem gut kennen, wurde dabei kaum berücksichtigt: Nämlich der nach Säurereizung in der Speiseröhre ausgelöste Reflexhusten – ein Teufelskreis, der vermutlich millionenfach für chronischen Husten und Sodbrennen verantwortlich ist [1].
Die Hintergründe: Die Atemwege, vor allem die luftleitenden Luftröhre und die Bronchien reagieren nahezu schlagartig mit einem Hustenreflex, wenn säurehaltige Luft eingeatmet wird [2]. Das ist ein natürlicher Schutzreflex, der vor allem die extrem empfindliche Schleimhaut der Atemwege und die zarten Lungenbläschen (Alveolen) an ihrem Ende vor Schaden bewahren soll. Der gleiche Nerv, der für diesen Reflex verantwortlich ist – der Nervus vagus – reicht jedoch auch bis in die Speiseröhre. Und hier kommt es zu einem Problem: Bei allen Menschen, ob mit oder ohne Sodbrennen, ob mit oder ohne chronische Refluxkrankheit, gelangt tagaus, tagein säurehaltiger Magensaft in die Speiseröhre. Die Säure reizt dort, mehr oder weniger stark den Nervus vagus. Das wiederum löst bei manchen Menschen reflexartig Hustenreiz und Husten aus. Es wird angenommen, dass diese durch Magensäure bedingte Nervenreizung in der Speiseröhre – bei chronischer Refluxkrankheit – der wichtigste Grund für die Entstehung von Husten bei diesen Patienten ist. Weitaus wichtiger als zum Beispiel der ebenfalls mögliche Rückfluss von Mageninhalt ganz bis zum Kehlkopf oder bis in die Luftröhre (dies kann bei der Asthma-Erkrankung bedeutsam sein) (→ Asthma bronchiale eine „säurebedingte“ Erkrankung?).
Doch damit nicht genug: Hustet ein Mensch, zieht sich dabei schlagartig seine Bauch- und Zwerchfell-Muskulatur zusammen, was den Bauchraum stark zusammenpresst. Folge: Säurehaltiger Magensaft kann viel leichter als sonst den Speiseröhren-Schließmuskel überwinden und vom Magen in die Speiseröhre gelangen. Dieser Magensaft-Rückfluß ist eine Grundvoraussetzung für Sodbrennen, Schmerzen hinter dem Brustbein oder saures Aufstoßen. Und – über Reizung des Vagusnerven – für weiteren Hustenreiz. Dieser lange Zeit unbekannte Teufelskreis kann übrigens auch bei Patienten häufig auftreten, die zwar meßtechnisch einen Säure-Rückfluss in die Speiseröhre haben (gastro-ösophagealer Reflux), aber dabei keinerlei Beschwerden verspüren (stiller Reflux). Husten kann dann das einzige Symptom der Refluxkrankheit sein. Es wird geschätzt, dass jeder fünfte chronische Hustenfall Folge von gastro-ösophagealem Reflux sein könnte [3]. Um die bei diesen Patienten erhöhte Säurebelastung und/oder verringerte Selbstreinigung der Speiseröhre nachzuweisen, sollte eine einfache 24-Stunden-Messung des pH-Wertes durchgeführt werden (→ Langzeit-Säuremessung).
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Auch wenn es hier bei Sodbrennen-Welt.de manchmal so erscheint, als ob fast jede zweite Erkrankung mit Sodbrennen zusammenhängt (was im Falle von Schweinegrippe sicher nicht stimmt!), ist der Teufelskreis „chronische Säurebelastung der Speiseröhre &larr → chronischer Husten“ gut belegt. Das Dilemma für Patienten: Viele Hals-Nasen-Ohren-Ärzte zum einen, und Magen-Darm-Spezialisten zum anderen, kennen die geschilderten Zusammenhänge nicht oder begreifen die praktische Tragweite nicht. Hierzu nur zwei erschreckende Beispiele: Das renommierte Lehrbuch „Innere Medizin; Grundlagen und Klinik innerer Krankheiten“ von Stobbe und Baumann (7. Aufl., Ullstein Mosby, Berlin, 1996) breitet sich gerne über „Personen, deren Magenbeschwerden Ausdruck unbewältigter Konflikte sind“ aus (→ Mal psychosomatisch bedingt, mal wieder nicht...). Dass Magensäure aber häufig Husten auslöst, erfahren die LeserInnen nicht. Auch die Herren Schettler und Greten („Innere Medizin – Verstehen – Lernen – Anwenden“. 12. Aufl., Thieme, Stuttgart, 2005) lassen sich lieber mit Abzählreimen – wichtig fürs ärztliche Rechnungschreiben! – darüber aus, wie viele Patienten welche Erkrankung haben („Jeder 10. Patient mit Refluxbeschwerden hat eine Refluxösophagitis! ... etc.“). Über den Zusammenhang von Magensäure und Husten erfahren die (angehenden) Ärzte auch von diesen Kapazitäten nichts. Schade eigentlich ... ist eine wirksame Therapie unerwünscht?
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, 2009.
- Kollarik M, Brozmanova M: Cough and gastroesophageal reflux: insights from animal models. Pulm Pharmacol Ther. 2009 Apr;22(2):130-4 (Kurzfassung).
- Kollarik M, Ru F, Undem BJ: Acid-sensitive vagal sensory pathways and cough. Pulm Pharmacol Ther. 2007;20(4):402-11 (Kurzfassung).
- Crapo JD, Glassroth JL, Karlinsky JB, King TE (eds.): Baum’s Textbook of Pulmonary Diseases (7th ed.). Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia, 2003.
- Bildquelle: Lisa F. Young - Fotolia.com

