Wer berät besser: Apotheker oder Stiftung Warentest?
Mit Apotheker-Schelte geht die Stiftung Warentest in ihrer Zeitschrift „test“ gerne auf Leserfang. Ob Verbraucher und Patienten dabei verunsichert werden, ob die inhaltlichen Vorwürfe stimmen, ist egal. Hauptsache: Es klingt sensationell. „Viele Apotheken verkaufen ohne jeden Warnhinweis Johanniskrautpräparate gegen leichte depressive Verstimmungen zusammen mit dem Säureblocker Omeprazol gegen Sodbrennen“, so wird in der Maiausgabe 2010 kritisiert. Doch worüber die Redaktion „informiert“, ist kaum besser als die angeblich fehlende Beratung in Apotheken. Sodbrennen-Welt.de berichtet über die korrekten Zusammenhänge und vor allem die korrekten Konsequenzen für Verbraucher.
Falsch Die Verbraucherzeitschrift „test“ findet, dass Apotheker die beiden rezeptfreien, frei verkäuflichen Medikamente „Laif 600“ (Johanniskraut) und „Omep akut“ (Säureblocker Omeprazol) nicht ohne Warnung zusammen abgeben sollten. Das klingt wegen möglicher Wechselwirkungen (siehe unten) gut und richtig. Die deutsche Gesetzgebung sieht jedoch seit April 2009 vor, dass depressive Patienten zum Arzt geschickt werden sollen. Ihnen ins Blaue hinein ein freiverkäufliches, vielleicht antidepressiv wirkendes Johanniskraut-Präparat zu verkaufen, ist kaum verantwortbar (Selbstmordgefahr!). Hierauf sollte "test" auch deutlich hinweisen.
Hinweis Apotheken-Kunden sollten berücksichtigen, dass auf den Eintritt einer antidepressiven Wirkung von Johanniskraut mehrere Wochen zu warten ist (wenn es denn überhaupt dazu kommt).
Richtig Johanniskraut-Präparate werden gerne bei depressiven Verstimmungen und leichten bis mittelschweren Depressionen verwendet. Die Heilpflanze beeinflusst Stoffwechselfunktionen der Leber und kann so den Abbau von anderen Arzneimitteln beschleunigen. Das gilt zum Beispiel für hormonelle Verhütungsmittel und zahllose andere Mittel [1]. Auch die Wirkspiegel des Säureblockers Omeprazol werden durch Johanniskraut erheblich reduziert [2].
Falsch Dass die Kombinationsgabe der beiden Mittel nicht empfehlenswert ist, kann jeder Apotheker in seinen Datenbanken (zum Beispiel ABDA Interaktionen) nachprüfen. Doch genauso entscheidend ist, dass die Kunden-Gebrauchsinformationen die Wechselwirkungen von Johanniskrautextrakt erwähnen sollten. Der Beipackzettel des von Stiftung Warentest abgefragten Johanniskrautpräparates „Laif 600“ enthält jedoch keinen patientenverständlichen Hinweis auf die mögliche Wirkungsverringerung des Säureblockers Omeprazol. Obwohl dies genauso fatal ist wie eine mangelnde Apotheken-Beratung, wird dieser Mangel nicht von der Stiftung Warentest kritisiert.
Hinweis Grundsätzlich gilt, dass bei Einnahme von Johanniskrautpräparaten mit anderen Medikamenten immer der behandelnde Arzt informiert werden sollte. Kritiker fordern deshalb sogar eine generelle Verschreibungspflicht für Johanniskrautextrakte [3].
Richtig Patienten mit akuten Refluxbeschwerden, die unbedingt ein Johanniskrautpräparat ohne ärztlichen Rat verwenden möchten, können ihr Sodbrennen oder ihr saures Aufstoßen auch mit einem wirksamen Antazidum behandelten (beispielsweise mit dem bewährten Präparat Maaloxan), empfiehlt auch „test“. Wirkungseinschränkungen von antidepressiven Medikamenten oder Johanniskrautextrakten durch dieses säureneutralisierende Antazidum sind nicht bekannt.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Reflux-Beschwerden verschlechtern ganz erheblich die Lebensqualität der Betroffenen (vergleichbar zu schweren Herzleiden). So stark, dass sie sogar zu Depressionen führen oder diese verstärken können [4]. Die Linderung akuter Sodbrennen-Beschwerden verbessert dann nicht nur das Wohlbefinden, sondern kann so auch eine vorübergehende depressive Verstimmung lindern. Stiftung Warentest gibt den Tipp, Apotheker sollten Kunden „das Omeprazolpräparat nicht abgeben“, wenn diese ein Johanniskrautpräparat und einen Säureblocker zusammen kaufen möchten. Dies erscheint angesichts der oft heftigen Sodbrennen-Beschwerden fragwürdig. Nicht zuletzt, weil Säureblocker zügig zur gewünschten Wirkung führen, Johanniskrautpräparate aber nicht.
Verbrauchern, die am Arzt vorbei Medikamenten einnehmen wollen, ist ans Herz zu legen, sich ausreichend zu informieren. Daraus ergibt sich die wichtige Frage an Apotheker nach Wechselwirkungen bei Einnahme mehrerer Medikamente wie von selbst (diese Frage wurde in dem von „test“ konstruierten Testfall von den Käufern überhaupt nicht gestellt!).
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, April 2010.
- Mills E, Montori VM, Wu P, Gallicano K, Clarke M, Guyatt G: Interaction of St John's wort with conventional drugs: systematic review of clinical trials. BMJ. 2004 Jul 3;329(7456):27-30 (Medline, Volltext).
- Wang LS, Zhou G, Zhu B, Wu J, Wang JG, Abd El-Aty AM, Li T, Liu J, Yang TL, Wang D, Zhong XY, Zhou HH: St John's wort induces both cytochrome P450 3A4-catalyzed sulfoxidation and 2C19-dependent hydroxylation of omeprazole. Clin Pharmacol Ther. 2004 Mar;75(3):191-7 (Medline).
- Bewertung: Johanniskrautextrakt. atd arznei-telegramm Arzneimitteldatenbank. Berlin, 26.3.2010 (abgefragt 12.4.2010).
- Bubenzer RH: Enger Zusammenhang: Angsterkrankung/Depression und Refluxkrankheit. Sodbrennen-Welt.de, Berlin, September 2008 (Volltext).

