Krebsschutz durch H. pylori: „Magenkeim“ behandeln oder nicht?
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Helicobacter pylori: |
Infektionen mit dem „Magenkeim“ Helicobacter pylori (kurz: „H. pylori“) stehen in Zusammenhang mit einem verringertem Risiko, an Speiseröhren-Krebs zu erkranken. Es ist jedoch unklar, ob diese Risikoverringerung mit Erbgutfaktoren oder bestimmten Umwelteinflüssen zu tun hat. Und ob eine Infektion mit H. pylori nur vor einigen Speiseröhren-Krebsarten schützt oder vor allen. Ein australisches Forscherteam um Dr. David Whiteman in Brisbane hat jetzt genauer untersucht, ob Magenkeim-Infektionen und Krebsarten im Ösophagus zusammenhängen und ob es Zusatzfaktoren gibt, die die Risikoverringerung erklären könnten.
Zu diesem Zweck wurde eine bevölkerungsbasierte Fallkontrollstudie in Australien mit 766 Patienten mit bestätigtem Speiseröhrenkrebs im Vergleich zu 1.346 Kontrollen durchgeführt:
- 260 Patienten mit Adenokarzinom, engl. „esophageal adenocarcinoma“ (EAC)
- 298 Patienten mit Adenokarzinom des ösophagogastralen Übergangs, engl. „adenocarcinomas of the esophagogastric junction“ (EGJAC)
- 208 Patienten mit Plattenepithelkarzinom, engl. „esophageal squamous cell carcinoma“ (ESCC)
Bei allen Betroffenen wurde geprüft, ob eine H. pylori-Infektion stattgefunden hatte sowie individuelle Unterschiede von Erbanlagen („Polymorphismen“) von wichtigen Signalsubstanzen des Immunsystems (Interleukin-1B / IL-1B und Tumornekrosefaktor alpha / TNF-alpha). Vorausgegangene Studien hatten diesen multifunktionalen Signalstoffen eine Bedeutung bei dem H. pylori-Krebsschutz der Speiseröhre zugesagt.
Es zeigte sich, dass eine H. pylori-Infektion signifikant mit einem verringerten Risiko von EAC (etwa auf die Hälfte) und EGJAC (etwa auf 40%) assoziiert war. Das Risiko, an einem Plattenepithelkarzinom (ESCC) zu erkranken, wurde durch die Infektion mit dem Magenkeim nicht verändert. Die statistische Analyse zeigte weiterhin, dass weder die Refluxhäufigkeit noch der Zigarettenkonsum diese Risikoverteilung für das Auftreten von Speiseröhren-Krebs veränderte. Die erblich bedingten unterschiedlichen Ausprägungen der Immun-Signalsubstanzen IL-1B und TNF-alpha veränderten die krebsschützende Wirkung von H. pylori nicht. IL-B1 und TNF-alpha spielen also keine Rolle bei der Senkung des Krebsrisikos.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Das Geheimnis um den Krebsschutz des – hinsichtlich der Geschwüre von Magen oder Zwölffingerdarm völlig unerwünschten weil erkrankungsauslösenden – Erregers H. pylori bleibt weiterhin ungelüftet. Klar ist nur, dass eine H. pylori-Infektion des Magens zu einer verringerten Magen-Säurebildung führen. Dies erklärt jedoch nach bisherigen Analysen nur teilweise, warum jahrelanger Magensaft-Rückfluss seltener zu Krebserkrankungen der Speiseröhre führen könnte. Weitere Forschungen sind also notwendig.
Viel wichtiger ist aber eine lebenspraktische Antwort auf die Frage, ob eine H. pylori-Infektion antibiotisch beseitigt werden soll („Eradikation“) oder nicht. Diese Behandlung gehört heute zum therapeutischen Alltag bei Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwür. Die vorgestellte Studie kann jedoch nicht beantworten, ob eine erfolgreiche H. pylori-Eradikation die Wahrscheinlichkeit einer Speiseröhren-Krebserkrankung im weiterem Lebensverlauf erhöht (diese Tumoren sind insgesamt äußerst selten). Die Studie weist nur darauf hin, dass es in der modernen Medizin keine absoluten Aussagen über „Gut und Böse“ gibt. Therapeutische Entscheidungen sind somit sehr häufig hoch-individuelle Entscheidungen, in die Patienten und Ärzte viele Überlegungen einfließen lassen müssen. Für Sodbrennen-Patienten gilt dieses Dilemma auch – Sodbrennen steht in engem Zusammenhang mit einer erfreulich erhöhten Lebenserwartung (Längeres Leben durch Sodbrennen?). Kaum ein von Sodbrennen betroffener Mensch würde deshalb auf die Verwendung wirksamer Antazida (wie z. B. Maaloxan®) oder effektiver Säureblocker (wie z. B. Omeloxan®) verzichten.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Mai 2010.
- Whiteman DC, Parmar P, Fahey P, Moore SP, Stark M, Zhao ZZ, Montgomery GW, Green AC, Hayward NK, Webb PM; Australian Cancer Study: Association of Helicobacter pylori infection with reduced risk for esophageal cancer is independent of environmental and genetic modifiers. Gastroenterology. 2010 Jul;139(1):73-83; quiz e11-2 (Kurzfassung, Langfassung).

