„Gut“ gegen „böse“: Naturmedizin gegen chemisch definierte Säureblocker
Der böse Sodbrennen-Geist: Zurück in die Flasche und einfach zukorken!? |
„Naturmedizin ist wirksam und hat keine Nebenwirkungen“, so hoffen viele Verbraucher oder Naturmediziner. Es liegt nahe, dass „natürliche“ Produkte gegen Sodbrennen deshalb Verkaufsschlager sein sollten. Zumindest bis zu einer wissenschaftliche Überprüfung, wie jetzt in Norwegen vorgestellt: Ein mit pflanzlichen Pektinen hergestelltes, in Skandinavien ab 2000 vertriebenes Antisodbrennen-Produkt erwies sich zwar als recht beliebt, war aber vergleichsweise „wirkarm“. Die Studie zeigte, dass der „böse“ Säureblocker aus der Gruppe der Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI) um ein vielfaches wirksamer bei Sodbrennen war als das „gute“ und „natürliche“ Präparat [1].
In die randomisierte Studie wurden 77 Patienten mit leichter bzw. mittelschwerer gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD) eingeschlossen. Beschwerden wie Sodbrennen oder saures Aufstoßen bestanden bereits seit mindestens drei Monaten an mindestens zwei Tagen in der Woche. Alle eingeschlossenen Patienten wurden einer Magenspiegelung unterzogen, um zu prüfen, ob eine Behandlung nach Bedarf – also entsprechend gerade vorhandener Beschwerden – oder eine längere, gezielte Therapie notwendig war (letzteres war bei schwerer Speiseröhren-Entzündung, Grad C oder Grad D nach Los Angeles Klassifikation, gegeben).
Die Studiendauer betrug sechs Wochen, alle Probanden wurden randomisiert einer der beiden vorgesehenen Behandlungsgruppen zugeordnet. Patienten der einen Gruppe konnten – nach Bedarf – das natürliche, zwischen Magen und Speiseröhre eine Barriere bildende Pektin-Präparat verwenden. Die Patienten der Vergleichsgruppe verwendeten – ebenfalls nach Bedarf – den PPI-Säureblocker mit dem Wirkstoff Esomeprazol (20 mg, rezeptpflichtig). Endpunkt der Untersuchung war die Zufriedenheit der Patienten mit der bedarfsbezogenen Behandlung insgesamt (je nach Behandlungs-Woche, Reflux-Beschwerden oder individuellen Therapiepräferenzen).
Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Wirkung von Esomeprazol war dem natürlichen Produkt signifikant überlegen. 92% der Säureblocker-Verwender waren mit der Gesamtwirkung auf die Refluxbeschwerden zufrieden, während die Verwender des pektinhaltigen Produktes nur in 58% der Fälle zufrieden waren (p = 0.001). Entsprechend signifikant vorteilhaft stellte sich die Verringerung der Beschwerden in der PPI-Gruppe gegenüber dem Naturpräparat dar (durchschnittliche Beschwerdestärke am Studien-Ende 5,9 und 8,0 jeweils; p = 0.019). Auch die Zahl der Wochen mit befriedigender Beschwerdekontrolle lag bei PPI-Verwendung signifikant höher (89% und 62% jeweils; p = 0.008). Entsprechend war die Zahl der Patienten, die die bisherige Therapie bei Bedarf weiter einsetzen würden in der Esomeprazol-Gruppe signifikant höher (85% und 42% jeweils; p < 0.001). Als Nebenergebnis zeigte sich, dass insgesamt ältere Patienten eher mit der jeweiligen Therapie zufrieden waren. Zudem bevorzugten Patienten mit eher geringerer Beschwerdestärke besonders die bedarfsabhängige Behandlung (on demand-Therapie) ihrer Beschwerden, während Patienten, die eine länger dauernde Behandlung wünschten, zu Studienbeginn signifikant mehr Beschwerden hatten.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Die Studie zeigt eine Vielzahl von – oft unberechtigten – Vorurteilen gegenüber Naturmedizin und Ängsten gegenüber „Schulmedizin“ auf.
- Pflanzliche Heilmittel haben sehr wohl Nebenwirkungen. Besonders dann, wenn sie – wie in früheren Zeiten immer üblich – in wirksamer Dosierung eingenommen werden. Manche Heilpflanzen sind wegen ihrer Gefährlichkeit als Arzneimittel verboten worden.
- Sehr wohl sind viele chemisch definierte Arzneimittel der „Schulmedizin“ hochwirksam und gleichzeitig nebenwirkungsarm. Bei korrekter Anwendung gilt dies besonders auch für Säureblocker aus der PPI-Gruppe. Deshalb stehen etliche dieser hochwirksamen PPI-Säureblocker als freiverkäufliche Arzneimittel zur Verfügung (z. B. Omeloxan®).
- Das Prinzip der auf dem Magensaft schwimmenden Barriere („Floß“ / engl. raft), das den Rückfluss von Magensaft in die Speiseröhre verhindern soll, entspringt der kindlichen Vorstellung von Produktentwicklern [2]. Selbst wenn sich ein solcher „Korken“ zwischen Magen und Speiseröhre aufbauen würde, könnte dieser nicht den Rückfluss sauren Magensaftes verhindern. Schließlich ist die Magenmuskulatur und der Mensch insgesamt in ständiger Bewegung. Zudem legen wir uns auch mal hin, auch wenn wir Sodbrennen haben! Die säureblockierende Wirkung sowohl des untersuchten Präparates sowie ähnlicher Produkte auf dem deutschen Markt (Wirkstoff Natriumalginat) kommt wesentlich durch beigemischte säureneutralisierende Substanzen zustande. Ist solche Säureneutralisation gewünscht, sollten Sodbrennen-Patienten deshalb besser gleich zu einem effektiven und schnellwirksamen Antazdium greifen (z. B. Maaloxan®). So bleiben auch die Nachteile der „natürlichen/pflanzlichen schwimmenden Barrieren“ aus (z. B. Völlegefühl, Blähung, Verstopfungen u.a.).
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juni 2010.
- Farup PG, Heibert M, Høeg V: Alternative vs. conventional treatment given on-demand for gastroesophageal reflux disease: a randomised controlled trial. BMC Complement Altern Med. 2009 Feb 24;9:3 (Kurzfassung, Volltext).
- Europäische Patentschrift EP 0 286 058 B1 resp. deutsche Patentschrift DE 38 72 560 T2 (gültig ab 11.02.1993), Patentinhaber: Ferrosan International A/S, Soeborg/Dänemark (Volltext).
- Hampson FC, Jolliffe IG, Bakhtyari A, Taylor G, Sykes J, Johnstone LM, Dettmar PW: Alginate-antacid combinations: raft formation and gastric retention studies. Drug Dev Ind Pharm. 2010 May;36(5):614-23 (Kurzfassung).

