Sodbrennen: Schmerzen beim Sex, kein Orgasmus
Sodbrennen kann Sex zur Qual machen |
Chicago (4.5.2010). Probleme durch verstärkt auftretendes Sodbrennen beim Geschlechtsverkehr werden von Ärzten – hinter vorgehaltener Hand – als „Reflux-Dyspareunie“ bezeichnet. Diese Störung geht mit Schmerzen beim Sex und ausbleibender sexueller Befriedigung einher. Aus ärztlicher Sicht wäre es das beste, dieses häufige Problem würde gar nicht existieren. Dann bräuchten Ärzte bei der Patienten-Beratung nicht auf das unangenehme Thema Sex zu sprechen kommen. Und es würde nicht noch deutlicher werden, dass Sodbrennen die Lebensqualität der Betroffenen oftmals sehr viel stärker einschränkt als andere „viel ernsthaftere“ Erkrankungen (Was Sodbrennen mit Arthritis, Herzinsuffizienz oder chronischen Kopfschmerzen zu tun hat). Deswegen tauchen in Abständen Betrachtungen und „Studien“ von Magen-Darm-Experten („Gastro-Enterologen“) auf, die die Reflux-Dyspareunie ins Reich der Fabeln und Märchen verweisen wollen. Zuletzt bei dem weltweit größten Fachkongress von Gastro-Enterologen, der Digestive Disease Week in Chicago (7.-10. Mai 2010). Eine türkische Arbeitsgruppe zeigt dort Studienergebnisse, die sie mit der Säure-Langzeitmessung in der Speiseröhre mit einer Bravo-Kapsel (pH-Messung in der Speiseröhre ohne Kabel und Katheter) gewonnen hatten. Diese zeigten, dass es vor, während und nach dem Geschlechtsverkehr vor allem in Missionarshaltung weder bei Frauen noch bei Männern zu einer Erhöhung der Säurebelastung in der Speiseröhre kommt [1]. Dies, so die Gastroforscher von der Ege-Universität in Izmir, zeige, dass es die Reflux-Dyspareunie nicht geben kann.
„Was nicht sein darf, kann nicht sein“, könnte man nun annehmen, denn Patienten-Erfahrung und unverstellte ärztliche Beobachtung kennen seit langem den Zusammenhang zwischen Sodbrennen und gestörtem Sex. So heißt es in einem ärztlichen Lehrbuch schon vor Jahren: „Sodbrennen ... kann sich störend bei Gartenarbeit und Geschlechtsverkehr auswirken“ [2]. In einer Studie von 1986 wurde dementsprechend sowohl ein starker Zusammenhang zwischen Sodbrennen und schmerzhaften Problemen beim Sex (bei Frauen) als auch eine deutliche Besserung durch die gewählte Behandlung festgestellt [3]. Der Thorax- und Herzchirurg Dr. Alan JB Kirk führte damals an dem renommierten Krankenhaus Royal Infirmary im schottischen Glasgow eine kontrollierte, prospektive Studie mit 100 Reflux-Patientinnen durch. Alle Frauen waren zur Behandlung ihres Sodbrennens ins Krankenhaus gekommen, immerhin 77 Prozent gaben – oft erst nach direkter Befragung – schmerzhafte Sodbrennen-Probleme auch besonders beim Geschlechtsverkehr an. Bei einer Gruppe von 100 Frauen ohne Refluxkrankheit lag dieser Anteil dagegen nur bei fünf Prozent.
Eine beeindruckend einfacher Behandlungsplan (Information, Aufklärung, nicht-medikamentöse Allgemein-Maßnahmen, Antazidum-Einnahme vor dem Sex) führte zu einer deutlichen Besserung oder zum Verschwinden des Problems bei 79% Prozent der betroffenen Frauen, wie die Nachuntersuchung drei Monate später zeigte. Die Allgemeinmaßnahmen bestanden aus Gewichtsreduktion (wenn nötig), Einschränkung des Zigarettenkonsums (vor allem im Bett), Verzicht auf große Abendmahlzeiten und Empfehlung von kleinen Snacks und Erhöhung des Bett-Kopfteils. Neben eventuell notwendigen Medikamenten wurde den Betroffenen die Einnahme eines Antazidums vor dem Zubettgehen bzw. vor dem Sex verordnet. Da die „Missionars-Haltung“ wegen der möglichen Druckerhöhung im Bauchraum als beschwerdefördernd eingeschätzt wird, wurden andere Stellungen empfohlen (vor allem solche, bei denen die Frau auf dem Mann sitzt oder liegt). Die Studie belegt im wesentlichen drei Einsichten:
- Die „Reflux-Dyspareunie“, also Sodbrennen-Schmerzen, die die sexuelle Befriedigung behindern, gibt es. Und die Störung ist eine der Folgen der Refluxkrankheit, die die Lebensqualität insgesamt stark einschränken kann.
- Bereits einfachste Allgemein-Maßnahmen und die Einnahme von Antazida vor dem Sex sind hilfreich.
- Ohne direkte Befragung berichten Patienten mit Refluxkrankheit nicht von ihren sexuellen Problemen durch Sodbrennen-Schmerzen. Lediglich 12% der von Kirk befragten Frauen hatten spontan hierüber berichtet. Alle anderen erst nach ausdrücklicher Befragung.
Unklar ist, wie groß der Anteil von Männern ist, die beim Geschlechtsverkehr eine belastende Verschlechterung ihrer Sodbrennen-Schmerzen erfahren.
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, August 2010.
- Bor S, Vardar R, Valytova E, Belen E: Sexual Intercourse Does Not Increase the Reflux on Patients With Gastroesophageal Reflux Disease. Gastroenterology 2010 May; 138(5): S490 (Abstract).
- Bouchier IAD, Allan RN, Hodgson HJF, Keighley MRB: Textbook of Gastoenterology. London, Baillière Tindall, 1984:42.
- Kirk AJ: Reflux dyspareunia. Thorax. 1986 Mar;41(3):215-6 (Abstract, Volltext).
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