Asthma oder Sodbrennen = Huhn oder Ei?
Bis 15 Millionen Menschen bei uns leiden an Atemwegserkrankungen mit erschwerter Atmung |
Die Idee ist so bestechend simpel: Beim Rückfluss von saurem Mageninhalt gelangt dieser schließlich bis zum Kehlkopf, den Rachenraum, den Mund, die Nase und Nasennebenhöhlen und letztlich sogar in Luftröhre, Bronchien und Lungen. Und hat dort überall fatale Folgen, so die Theorie. Von kariösen Zähnen (Wenn die Zähne sauer werden) bis zum säureverursachten Asthma (Refluxassoziierte Atemwegserkrankungen). Diese Ursächlichkeit – zuerst Magensäure, dann Asthma – zweifelt der Militärarzt und Allergologe Joseph Turbyville, Fort Knox/USA an. Nach seiner Auffassung passiert genau das Gegenteil: Millionen Patienten leiden zu allererst an Asthma oder anderen Atemwegserkrankung, bei denen die Atmung erschwert ist. Und erst diese erschwerte Atmung und ihre physikalischen Folgen auf Brustkorb und Bauchraum lassen dann die gastro-ösophageale Reflux-Krankheit entstehen [1].
Reflux-Häufigkeit bei Asthma Belastet Verdauungssaft aus dem Magen häufiger als normal die Speiseröhre, und löst dies Schmerzen oder Schleimhaut-Schäden aus, sprechen Mediziner von der chronisch gastro-ösophagealen Reflux-Krankheit (kurz: „Reflux“ = Rückfluss). Asthmatiker leiden vier- bis fünfmal häufiger unter Refluxbeschwerden als Nicht-Asthmatiker. Und: Bei vier von fünf Asthmatikern kann eine erhöhte Säurebelastung der Speiseröhre gemessen werden (Langzeit-Säuremessung).
Kann unser Atem nicht frei durch die Atemwege strömen, so Turbyville, steigert dies über verschiedene Mechanismen den Rückfluss von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre.
- In der Speiseröhre herrscht bei den Druckverhältnissen einer gesunden Atmung fast immer ein negativer Druck, die Organwände liegen also eng aneinander. Ist die Atmung jedoch erschwert, wie bei Asthma oder der chronisch-obstrukiven Atemwegserkrankung (COPD), ändert sich dies und Mageninhalt kann leichter in die Speiseröhre eindringen.
- Zudem kann bei Asthmatikern der Druckunterschied zwischen Brust- und Bauchraum während der Atmung auf das zwanzigfache des Normalen ansteigen. Dies reicht, so Turbyville, um die Verschlusskraft des kräftigen unteren Speiseröhren-Schließmuskels allmählich zu schwächen und damit zunehmend einen krankhaften Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre zu ermöglichen.
- Auch der obere Schließmuskel der Speiseröhre wird funktionell durch eine chronisch-erschwerte Atmung gestört. Hauptfolge ist – besonders beim Schlaf – das Eindringen von Luft von oben. Luft in der Speiseröhre führt jedoch reflektorisch zu einer Entspannung des unteren Schließmuskels, wodurch die Gefahr des Aufsteigens sauren Mageninhalts in die Speiseröhre weiter ansteigt.
- Der letzte, jedoch nicht zu unterschätzende Punkt sind die Medikamente, die Asthmatiker einnehmen: Beispielsweise lassen inhalierte Beta-Sympathomimetika den unteren Speiseröhren-Schließmuskel erschlaffen.
Aus dieser Umbewertung der bisherigen Sichtweise folgen zahlreiche Konsequenzen:
- Bei Sodbrennen-Patienten, bei denen die medikamentöse Säureblockade kaum die Beschwerden lindert, könnte ein Asthma Ursache des fortgesetzten Refluxes sein (auch säurearmer Mageninhalt kann in der Speiseröhre Schmerzen auslösen!). Oder eine andere, die Atmung erheblich behindernde Atemwegserkrankung (einschließlich chronisch-obstruktive Nasennebenhöhlen- oder Mandel-Entzündungen).
- Bleibt eine Sodbrennen-Therapie erfolglos, sollte auch immer auf mögliche Nebenwirkungen von aktuell eingenommenen Medikamenten geachtet werden – viele Präparate können Reflux und damit Sodbrennen auslösen (Welche Mittel lösen am häufigsten Sodbrennen aus?).
- Asthma-Patienten mit Reflux können zwar symptomatisch von Säureblockern profitieren. Die Säure ist jedoch nicht Ursache ihrer Beschwerden, sondern der Bruch der Anti-Refluxbarriere der Speiseröhre. Eine besseres Verständnis des dynamischen Zusammenhanges zwischen Speiseröhre und Atemwegen könnte die therapeutischen Erfolge bei obstruktiven Atemwegs-Erkrankungen deutlich verbessern.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Mit Sicherheit ist der Zweifel eine wesentliche Triebkraft des Erkenntnisgewinns, in der Medizin und in der gesamten Wissenschaft. Die Überwindung von theoretischen Dogmen ist aus Patientensicht immer dann besonders wertvoll, wenn sich hieraus eine Verbesserung der Behandlungserfolge ergeben. Und dies ist im Bereich der Reflux-Behandlung dringend nötig – viele Patienten mit Sodbrennen, saurem Aufstoßen oder refluxbedingten Schlafstörungen werden von der Ärzteschaft, oft nahezu reflexartig, mit immer den gleichen Präparaten versorgt. Zumeist ohne jede individuelle Begutachtung der tatsächlichen Verhältnisse, die im Einzelfall zu den Schmerzen und anderen Beschwerden beitragen. Diesen Ärzten sei gesagt, dass eine erfolgreiche Behandlung der Reflux-Krankheit fast immer dann möglich ist, wenn die Betroffenen und ihr Leiden ernst genommen wird (Signifikant verringerte Lebensqualität durch Sodbrennen).
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, September 2010.
- Turbyville JC: Applying principles of physics to the airway to help explain the relationship between asthma and gastroesophageal reflux. Med Hypotheses. 2010 Jun;74(6):1075-80 (Medline).
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