Speiseröhrenkrebs extrem selten,
Krebs-Screening überflüssig
Gerade viele Männer mit Sodbrennen haben unbestimmte, oft quälende Krebs-Ängste |
Zweifelsohne haben Patienten mit chronischer Refluxkrankheit ein erhöhtes Krebsrisiko für Speiseröhrenkrebs („Ösophagus-Adenokarzinom“). Auf dem Boden der allgemeinen Krebsangst und mit Unterstützung einiger Unternehmen der Medizinbranche verkaufen sich deshalb entsprechende teure „Vorsorge“-Untersuchungen recht gut. Doch das Risiko, und das ist die gute Nachricht einer neuen US-Studie, die im renommierten Fachblatt American Journal of Gastroenterology veröffentlich wurde, ist viel zu niedrig, um ein Routine-Screening zu rechtfertigen, auch nicht bei Reflux-Patienten [1]. Die Autoren bekräftigen, dass Sodbrennen-Patienten nur ein äußerst geringes Risiko für das Auftreten von Speiseröhrenkrebs haben.
Der leitende Forscher Dr. Joel H. Rubenstein von der Universität von Michigan in Ann Arbor/USA betonte gegenüber US-Medien Mitte Dezember 2010, dass „das absolute Risiko von Speiseröhrenkrebs für Frauen und jüngere Männer recht gering ist. Und zwar so gering, dass einem dies keine Sorgen machen müsse“. Selbst für Patienten mit relativ größerem Risiko – nämlich weiße Männer über 60 Jahren mit wöchentlichem Sodbrennen oder anderen refluxbedingten Beschwerden – gibt es keine stichhaltigen Belege, um ein Routine-Screening für diese Krebsarten zu rechtfertigen oder zu empfehlen [2].
Das Team um Rubinstein hat für die vorgelegte Studie Informationen aus staatlichen US-Krebsregistern und anderen öffentlichen Quellen verwendet. Dabei zeigte sich im Einzelnen:
- Bei Frauen jeden Alters mit einer chronischen Refluxkrankheit ist das Risiko von Speiseröhrenkrebs „extrem niedrig“. Bei 100.000 Sodbrennen-Patientinnen unter 60 kommt es lediglich bei vier Frauen zu Speiseröhrenkrebs. Zum Vergleich: Das Risiko eines Speiseröhrenkrebses bei Frauen insgesamt ist etwa so niedrig wie das Brustkrebsrisiko bei Männern (etwa 3,9 Erkrankungen auf 100.000 Personen im Alter von 60 Jahren/Jahr).
- Das Risiko von Speiseröhrenkrebs bei männlichen Reflux-Patienten hängt vom Alter ab: Bei 100.000 unter 35jährigen kommt es nur in einem Fall pro Jahr zu diesem Krebs. Auch unter 50jährige mit chronischem Reflux haben ein kaum höheres Risiko. Erst mit höherem Alter steigt die Gefahr: Bei 100.000 über 70 Jahre alten Refluxpatienten (wöchentliches Sodbrennen vorausgesetzt) erkranken im Durchschnitt 61 pro Jahr an einem Ösophaguskarzinom.
Obwohl das Erkrankungsrisiko dann nur ein Drittel der Erkrankungsrate an Dickdarmkrebs beträgt, so sagen die Forscher, könnte ein Screening (Reihenuntersuchung) – rein statistisch – gerechtfertigt sein. Dagegen spricht, dass es keine sicheren wissenschaftlichen Belege gibt, dass durch ein Speiseröhrenkrebs-Screening wirklich krebsbezogene Todesfälle vermieden werden können. „Es ist ziemlich umstritten, ob dieses Screening effektiv ist“, sagte Rubenstein. „Wir haben einfach keine gute Evidenz dafür, dass die endoskopische Reihenuntersuchung wirklich funktioniert“. Und solche Studien-Evidenz ist auch nicht zu erwarten: Denn niemand wird kontrollierte, klinische Studien zu dieser Frage durchführen, weil Speiseröhrenkrebs so extrem selten ist – selbst bei Patienten mit Refluxkrankheit, so Rubenstein.
Trotzdem Reihenuntersuchungen durchzuführen, wie interessierte Fachkreise zum Beispiel in Deutschland empfehlen, ist wegen der möglichen Risiken nicht vertretbar, meinte Rubenstein. Anders als viele Menschen glauben, gibt es auch beim Screening deutliche Gesundheitsrisiken. Zum Beispiel Angst und Stress wenn ein Untersuchungsergebnis fälschlicherweise auf Krebs hinweist („falsch-positives Ergebnis“). Auch die Magenspiegelung, Gewebe-Entnahmen oder die dabei gegebenen Medikamente sind nicht ohne: Es kommt immer wieder zu schweren Verletzungen, zu Arzneimittel-Nebenwirkungen und sogar zu Todesfällen. Bei Aufwägung der jeweiligen Risiken gegen den möglichen Nutzen spricht derzeit nichts für die Speiseröhrenkrebs-Reihenuntersuchung. Vielleicht mit Ausnahme älterer Männer, die Nutzen und Risiken jedoch mit ihrem Arzt besprechen sollten, um dann persönlich eine eigene Entscheidung zu treffen, so Rubenstein.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Aus Sicht der Gastroenterologie ist die chronische Refluxkrankheit ein Paradebeispiel über den Zusammenhang eines Risikofaktors – hier chronische Reflux-Krankheit – mit dem möglichen Auftreten einer Krebserkrankung – hier Ösophagus-Adenokarzinom. Doch, und dies zeigt die vorgestellte Studie, muss erstmal belegt werden, ob dieser – extrem selten bestehende – Zusammenhang auf irgendeine Weise verändert werden kann. Und zwar zum Vorteil von Patienten, nicht der Ärzte und Kliniken, die daran verdienen! Und ohne Terror-Meldungen über angebliche Krebsgefahren von Sodbrennen, wie sie vor einigen Jahr von einer Gruppe interessierter Pharmahersteller, Medien und Ärzteverbände lanciert worden sind (→ Alarmzeichen Sodbrennen – Vorsicht Desinformation).
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Oktober 2010.
- Bildquelle: Klosterfrau Bilddatenbank
- Rubenstein JH, Scheiman JM, Sadeghi S, Whiteman D, Inadomi JM: Esophageal Adenocarcinoma Incidence in Individuals With Gastroesophageal Reflux: Synthesis and Estimates From Population Studies. Am J Gastroenterol. 2010 Dec 7 (Kurzfassung).
- Norton A: No need for esophageal cancer screen despite heartburn. Thomson Reuters, New York City, 15.12.2010 (Text).

