Schlafmittel: Oft Ursache von Schlafstörungen bei Refluxpatienten.
Müdigkeit - eine Folge von Schlafproblemen. |
Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben – daran erinnern oftmals die Bemühungen der Medizin. Die Einnahme von Schlafmitteln bei der Refluxkrankheit sind so ein Fall: Sodbrennen oder saures Aufstoßen stehen bei drei von vier Reflux-Betroffenen im Zusammenhang mit Schlafstörungen (Huhn oder Ei? Schlafstörungen bei Sodbrennen-Patienten) [1]. Viele verwenden Schlafmittel, um besser ein- oder durchschlafen zu können. Doch leider können die in der westlichen Welt am häufigsten verordneten Schlafmittel (zum Beispiel auf Grundlage des Wirkstoffes Zolpidem) natürliche Schutzmechanismen des Körpers gegen die nächtliche Säurebelastung der Speiseröhre blockieren. Dies erhöht die Gefahr, dass sich der Krankheitsverlauf verschlimmert [2].
Während des nächtlichen Schlafes verändern sich die Funktionen von Kehlkopf und Speiseröhre deutlich, zum Beispiel bleibt der Schluckreflex aus und es nimmt die Verschlusskraft der Schließmuskel in der Speiseröhre ab. Vor der Säurebelastung aus dem Magen schützt uns dann der, immer mit kurzem Aufwachen verbundene Schluckreflex, der die Speiseröhre dann effektiv reinigt (Ösophagus-Clearance). Die vorgestellte doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie sollte prüfen, ob sich dieser säurebedingte nächtliche Schluckreflex während der Einnahme des Hypnotikums Zolpidem verändert. Zolpidem soll das Einschlafen erleichtern und die Schlafdauer verlängern ohne so schnell abhängig zu machen wie zum Beispiel die vormals gerne verordneten Benzodiazepin-Wirkstoffe. Untersucht wurden acht gesunde Kontrollpersonen sowie 16 Patienten mit dokumentierter gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD). Alle Studienteilnehmer nahmen abends entweder Zolpidem oder ein Scheinmedikament ein und wurden die Nacht über kontinuierlich mittels pH-Metrie (/gastro/200606-Langzeit-Saeuremessung--24-Stunden-pH-Metrie.htm Langzeit-Säuremessung) und einer komplexen schlafmedizinischen Untersuchung („Polysomographie“) untersucht.
Nach Einnahme von Placebo zeigten neun von zehn (89%) aller untersuchten Personen (ob mit oder ohne Refluxkrankheiten) refluxassoziierte Schluckreflexe, jeweils mit kurzem Aufwachen verbunden. Nach Einnahme des Schlafmittels waren es jedoch nur noch vier von zehn Probanden (40%). Bei den Kontrollpersonen dauerte die einzelne Refluxphase normalerweise rund 1,2 Sekunden, unter Einfluss des Hypnotikums aber 15,7 Sekunden – also knapp 14-mal länger. Die einzelne Refluxphase bei Sodbrennenpatienten dauerte ohne Schlafmittel 37,8 Sekunden, nach Einnahme des Hypnotikums jedoch 363 Sekunden – also knapp zehnmal so lang. Unter Einfluss des Schlafmittels betrug die Länge der Refluxphasen 630 Sekunden, wenn die Aufwachphase mit Schluckreflux ausblieb, und 50 Sekunden, wenn es trotzdem zum Aufwachen kam. Alle Unterschiede waren statistisch signifikant. Zolpidem verringerte also die physiologische Aufwachreaktion bei nächtlicher Säurebelastung (und den Schluckreflex) und erhöht die Dauer der einzelnen Säurebelastungsphasen in der Speiseröhre bei Gesunden wie bei Patienten mit Refluxkrankheit. Die Autoren sehen in der Verlängerung der nächtlichen Säure-Belastung unter Einnahme des Schlafmittels eine erhöhte Gefahr für die Verschlimmerung der Erkrankung (Speiseröhre-Entzündungen, Schleimhautveränderungen, Geschwürsbildungen und andere Schäden des empfindlichen Organs).
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
Bedenkt man, dass in Deutschland jährlich über 32 Millionen Tagesdosen Zolpidem (Kosten über 25 Millionen €) neben ungezählten anderen chemisch definierten, rezeptpflichtigen Schlafmitteln eingenommen werden (insgesamt über 130 Millionen Tagesdosen auf Kassenkosten) sowie verordnungsfreie Schlafmitteln, wird die Dimension des Problems klar [3]. Wenn dann noch bedacht wird, dass weder in den Fach- noch den Patienteninformationen der entsprechenden Hypnotika oder in ärztlichen Lehrbüchern auf die fatalen Nebenwirkungen hingewiesen wird, entsteht eine klare Vorstellung, warum refluxbedingtes Sodbrennen eine millionenfach quälende Gesundheitsstörung ist. Was sind aber die Konsequenzen?
- Wirksame Behandlung der Refluxkrankheit – dies verringert die Säurebelastung durch nächtliche Refluxe und verbessert so das Ein- und Durchschlafen.
- Verzicht auf gewohnheitsmäßige (Langzeit-)Einnahme von Schlafmitteln, die zur Verstärkung von Reflux und damit auch weiteren Schlafstörungen führen.
- Ersatz von nebenwirkungsreichen Schlafmitteln durch Alternativen – von „Omas“ Hausmitteln, über Entspannungstherapie (Autogenes Training) bis hin zu homöopathischen und pflanzlichen Möglichkeiten.
- Sinnvoll ist es auch, mit dem verordnenden Arzt/Heilpraktiker die wichtigeren Wechselwirkungen von Medikamenten und Sodbrennen zu besprechen.
- Mögliche Zielsetzung der Behandlung:
Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich »Euer Gnaden«.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.
Joachim Ringelnatz, 1931
Und: Alle Refluxpatienten sollten sich die Ergebnisse einer aktuellen französischen Studie zu Gemüte führen. Diese zeigt, dass Schlafmittel zu den wichtigen Ursachen von Schlafstörungen bei Refluxpatienten zählen, fast so wichtig wie nächtliches Sodbrennen selbst [4].
- Rainer H. Bubenzer – Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, April 2011.
- © Oliver Flörke - Fotolia.com
- Harding SM: Sleep-related gastroesophageal reflux: evidence is mounting ... Clin Gastroenterol Hepatol. 2009 Sep;7(9):919-20 (Volltext).
- Gagliardi GS, Shah AP, Goldstein M, Denua-Rivera S, Doghramji K, Cohen S, Dimarino AJ Jr: Effect of zolpidem on the sleep arousal response to nocturnal esophageal acid exposure. Clin Gastroenterol Hepatol. 2009 Sep;7(9):948-52 (Kurzfassung).
- Schwabe U, Paffrath D: Arzneiverordnungs-Report 2010. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, 2010.
- Cadiot G, Delaage PH, Fabry C, Soufflet C, Barthélemy P: Sleep disturbances associated with gastro-oesophageal reflux disease: Prevalence and impact of treatment in French primary care patients. Dig Liver Dis. 2011 Jul 11 (Kurzfassung).

