Impotenz durch Säureblocker: Propaganda oder was?
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Die Säureblocker aus der Familie der Protonen-Pumpen-Blocker (PPI) sind hochwirksame und sichere Medikamente. So sicher, dass sie auch rezeptfrei erhältlich sind (z. B. Omeloxan®). Kaum ein Arzneimittel wird in Deutschland mehr verordnet: Die pro Jahr verordnete PPI-Menge würde reichen, jeden Menschen in Deutschland fast einen Monat lang mit der empfohlenen Tagesdosis zu versorgen [1]. Um so interessanter ist es, wenn medizinische „Qualitätsmedien“ über eine potentielle Nebenwirkung „informieren“, die in Deutschland bislang nur etwa 30mal berichtet worden ist: Sexuelle, erektile Dysfunktion (Impotenz) [2].
Das in Berlin ansässige arznei-telegramm berichtet in seiner Ausgabe Nr. 6, 2012 über einige im eigenen Monitoringsystem „Netzwerk aktuell“ aufgelaufene Fälle:
„Erektile Dysfunktion unter Esomeprazol: Ein 51-jähriger Mann mit Refluxösophagitis klagt nach mehrmonatiger Einnahme von Esomeprazol über seit Wochen bestehende Impotenz. Nach Absetzen des Protonenpumpenhemmers normalisiert sich die Sexualfunktion wieder. Bereits vor elf Jahren äußerten wir den Verdacht, dass Protonenpumpenhemmer Erektionsstörungen auslösen könnten. Bislang erhielten wir hierzu zwölf Verdachtsberichte.“
Auch dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), so heißt es weiter, lägen 18 Meldungen aus dem Inland vor. Anschließend wird noch über einige, ebenfalls seltene Fälle von sexuellen Dysfunktionen unter PPI-Therapie aus dem Vereinigten Königreich berichtet. Abschließend weist das Blatt darauf hin, dass einige Arzneimittel-Fachwerke ebenfalls diese Nebenwirkung erwähnen. Obwohl die Arzneimittel-Datenbank des Verlages „Impotenz“ selbst als „seltene Nebenwirkung“ des am häufigsten eingesetzten PPIs Omeprazol bewertet, scheint der Bericht des arznei-telegramms im besten Fall kaum mehr als platzfüllende Sensationsheische zu sein.
Kommentar Sodbrennen-Welt.de
• Propaganda, also die absichtliche Manipulation von Erkenntnissen, funktioniert oft mittels argumentativer Umkehrung wirklicher Verhältnisse. Tatsächlich ist es so, dass Refluxpatienten – nicht nur, wenn sie übergewichtig sind – unter sexuellen Problemen wie verringerter sexueller Lust, Problemen mit der sexuellen Erfüllung (Orgasmus) oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leiden. Eine wirksame Behandlung kann diese Komorbiditäten lösen [3].
• Aus dem Zusammenhang gerissen, ist die erwähnte Nebenwirkungs-Meldung völlig sinnlos. 30 Nebenwirkungsmeldungen bei rund 2,3 Milliarden(!) verordneten Tagesdosen (2010 [1]) in Deutschland sind klinisch irrelevant. Und sie deuten daraufhin, dass Impotenz und sexuelle Dysfunktionen keine Nebenwirkungen von PPIs sind, sondern Zufallsbefunde.
• Bleibt nur die Frage, warum das umstrittene Fachblatt solche Meldungen in dieser Weise verbreitet. Neben der wahrscheinlichsten Annahme, dem bereits erwähnten, vielleicht Aufmerksamkeit steigernden Alarmismus der Redaktion, steht die mögliche Annahme, dass hier propagandistisch die Ablösung der PPIs als derzeit wichtigste „Magenmittel“ vorbereitet wird. Damit stößt das arznei-telegramm in das gleiche Horn wie andere Fachmedien, die – seit Ablauf der Patentfristen für PPIs und den letzten lukrativen Lizenzverkäufen – immer häufiger über irgendwelche Nebenwirkungen der Substanzgruppe berichten. Es bleibt abzuwarten, wodurch die PPIs in den nächsten Jahren abgelöst werden (sollen).
- Rainer H. Bubenzer – Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, April 2012.
- © dedMazay - Fotolia.com.
- Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2011. Springer-Verlag, Heidelberg, 2011.
- NN: Netzwerk aktuell: Erektile Dysfunktion unter Esomeprazol (NEXIUM, Generika). Arznei-telegramm. 2012 Jun;43(6):56.
- Iovino P, Pascariello A, Limongelli P, Tremolaterra F, Consalvo D, Sabbatini F, Amato G, Ciacci C: The prevalence of sexual behavior disorders in patients with treated and untreated gastroesophageal reflux disease. Surg Endosc. 2007 Jul;21(7):1104-10 (Kurzfassung).

