Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Antazida
Altes Heilmittel mit neuer Wirkung
Einleitung
Säureneutralisierende Heilmittel (Antazida) verwenden Menschen, wie aus archäologischen Forschungen und alten Überlieferungen medizinischer Texte bekannt ist, schon seit Urzeiten. Bei welchen Erkrankungen und aus welchen Gründen Antazida aber überhaupt wirksam sind, ist erst seit rund 100 Jahren tatsächlich bekannt. Seither wurde die früher sehr uneinheitliche Substanzgruppe immer weiter auf ihren eigentlich Zweck hin - die Säureneutralisation - optimiert. Säureneutralisierende Antazida wie das magnesium- und aluminiumhaltige Maaloxan sind ein Beispiel hierfür. Doch damit endet die Geschichte der Antazida nicht. Im Gegenteil: Forschungen der letzten Jahre zeigen, dass insbesondere die aluminiumhaltigen Antazida eine Reihe weiterer wertvoller therapeutischer Effekte haben, die bislang noch unbekannt waren.
Säureneutralisation
Doch zuvor ein Blick auf die bislang wichtigste Antazidawirkung - die Säureneutralisation. Die Magenschleimhaut produziert Säure (Salzsäure = HCl) und Eiweiß spaltendes Verdauungsenzym (Pepsin), mit denen die Verdauung von Nahrungsbestandteilen - vor allem Eiweißen - beginnt. Bei Gesunden ist der, ebenfalls überwiegend aus Eiweißen bestehende Magen vor Zerstörung durch diese Verdauungssäfte geschützt. Ist dieser Schutz jedoch geschwächt, beginnen Magensäure und Verdauungsenzyme damit die innere Schleimhautzellauskleidung (Mukosa) des Magens zu zerstören. Wird in dieser Situation die schädigende Wirkung der Salzsäure ausgeschaltet, kann sich die Mukosa wieder erholen und heilen. Am einfachsten geschieht dies durch den chemischen Prozess der Neutralisation: Bei dieser chemischen Reaktion verbindet sich die Salzsäure mit einer basischen Verbindung, z. B. einem Aluminiumsalz. Die Säure wird durch die Neutralisierung unwirksam, da sich saure und basische Effekte ausgleichen. Die Ziele der Magentherapie mit Antazida, wie sie von modernen magnesium- und aluminiumhaltigen Antazida wie Maaloxan erfüllt werden, gehen aber über die Forderung nach optimaler Säureneutralisation hinaus: Antazidabestandteile sollten nicht vom Körper aufgenommen (Resorption) werden, um keine Nebenwirkungen zu verursachen. Zudem sollten bei der Neutralisation selbst nur unlösliche Reaktionsprodukte im Magen entstehen, die ohne Resorption durch den Verdauungskanal geschleust und ausgeschieden werden. Kurzum: Moderne Antazida sollten nicht nur effektiv, sondern auch sicher in der Anwendung sein.
Bindung von Gallensäuren
Es heißt "Ohne Säure kein Ulkus" - doch ist damit nicht alleine die Magensäure gemeint. Bei einer Reihe von Störungen der Funktion von Magen- und Zwölffingerdarm spielt noch eine andere Gruppe von körpereigenen Verbindungen mit aggressiven Effekten eine Rolle: Die Gallensäuren. Sie werden von der Leber gebildet, in der Gallenblase gesammelt und bei Bedarf zum Zwecke der Fettverdauung in den Zwölffingerdarm (Duodenum) ausgeschieden. Bei vielen Magenkranken findet sich ein Rückfluss von Duodenuminhalt in den Magen (gastroduodenaler Reflux). Hierbei gelangen auch Gallensäuren in den Magen. Da sie wie Waschmittel oberflächenaktiv sind, können sie die stark fetthaltigen Membranen von Magenzellen zerstören und so zu einem Magengeschwür mit beitragen. Wie Forschungen der letzten Jahre zeigen, werden aggressive Gallensäuren durch magnesium- und aluminiumhaltige Antazida gebunden (Adsorption) und damit unschädlich gemacht. Und zwar erstaunlicherweise vor allem jene elektrisch ungeladenen Gallensäuren, die besonders stark Schleimhaut schädigend (mukosatoxisch) sind, während die elektrisch geladenen und weniger toxischen Gallensäuren unbehelligt bleiben. Gallensäuren werden übrigens von magnesium- und aluminiumhaltigen Antazida wie Maaloxan nicht dauerhaft gebunden: Bei der weiteren Passage durch den Verdauungstrakt verringert sich der Säuregrad des Nahrungsbreies, wodurch die Adsorption der Gallensäuren an Antazida nachlässt. Folge: Die Gallensäuren stehen wieder der weitgehend ungestörten Fettverdauung zur Verfügung.
Hemmung der Pepsinaktivität
Ein weiterer aggressiver Faktor bei Beschwerden im oberen Verdauungstrakt ist das vom Magen gebildete Pepsin, ein Eiweiß spaltendes Enzym. Seine Aktivität wird alleine schon durch die Anhebung des Säuregrades im Magen (Anhebung des pH-Wertes) verringert, wie sie durch Antazida bewirkt wird. Hinzu kommt, dass aluminiumhaltige Antazida Pepsin vorübergehend (reversibel) binden können. Die Folge beider Wirkungen ist eine reversible Abschwächung der aggressiven Wirkungen von Pepsin auf die Magenschleimhaut - ohne dass dabei jedoch die Eiweißverdauung gestört wird.
Mukosaprotektion
Allein die drei genannten Effekte von magnesium- und aluminiumhaltigen Antazida könnten ausreichen, um ihre gute klinische Wirksamkeit zu erklären. Doch einige merkwürdige Beobachtungen, die schwedische Forscher in den 80iger Jahren machten, weisen auf Fähigkeiten dieser Heilmittel hin, die zuvor unbekannt waren. Es konnte nämlich gezeigt werden, dass Antazida aus der genannten Gruppe den gleichen heilenden Effekt auf säurebedingte Magengeschwüre haben, wenn sie deutlich niedriger dosiert werden als es, gemäß der derzeitigen Empfehlungen üblich ist. Erste Antworten auf die Frage, warum dies so ist, können erst jetzt langsam gegeben werden; endgültig erklärt ist das Phänomen aber noch nicht. Sicher ist jedoch, dass nur aluminiumhaltige Antazida heilungsfördernden Effekte haben, die über die Abschwächung aggressiver Einflüsse (s.o.) hinausgehen.
Wahrscheinlich fördert das Aluminium die Bildung von körpereigenen Prostaglandinen. Prostaglandine sind lokale Gewebshormone, die auch in der Magenschleimhaut gebildet werden. Sie führen dort zu verstärkter Durchblutung, regen die Magenzellen zu vermehrter Bildung säureneutralisierenden Bikarbonates an, stimulieren die Schleimproduktion der Mukosazellen, fördern die Zellteilung und Zellregeneration in der Mukosa und vermindern die Säuresekretion. Zusammenfassend veranlassen Prostaglandine also einen verstärkten Selbstschutz der Mukosa und eine gesteigerte Regeneration der Schleimhautzellen (=Mukosaprotektion und -reparation). Nicht-steroidale Antirheumatika übrigens haben in jedem Punkt gegenteilige Effekte, wodurch verständlich wird, warum sich oft Magengeschwüre als Nebenwirkung einstellen.
Ob die heilenden Effekte von geringen Mengen magnesium- und aluminiumhaltiger Antazida nun über das Prostaglandinsystem vermittelt werden oder über andere Wege, ist für Patienten weniger entscheidend als die praktischen Auswirkungen dieser Heilwirkungen. Und auch hier zeigte sich in den letzten Jahren Erstaunliches: Mit aufwändigen wissenschaftlichen Methoden konnte nämlich gezeigt werden, dass ein magnesium- und aluminiumhaltiges Antazidum wie Maaloxan Magengeschwüre besser heilen lässt als andere Ulkus-Standardtherapien. Zwar dauerte die Heilung zumeist etwas länger als z. B. unter massiver medikamentös bewirkter Säuresekretionshemmung. Doch zeigte sich im Bereich der Ulkusnarbe eine weitaus bessere Wiederherstellung der Magendrüsen und eine intensivere Gefäßversorgung und Durchblutung als unter anderen Therapien. Dies deckt sich mit Erfahrungen bei Magenspiegelungen verheilter Ulzera aus jüngerer Zeit: Die "weiße Narbe" ist durch schnelle Heilung entstanden, aber schlecht durchblutet und neigt wahrscheinlich zu häufigeren Rezidiven als die "rote Narbe", die durch physiologische Heilung entstanden und gut durchblutet ist (Magengeschwüre neigen dazu, wenn überhaupt, an den gleichen Lokalisationen wie zuvor aufzutreten). Aluminiumhaltige Antazida verhindern also eine überstürzte Narbenbildung durch Förderung der physiologischen Selbstheilungskräfte in der Magenschleimhaut.
Antazidawirkungen und Hemmung von Säurebildung und -freisetzung
Magnesium- und aluminiumhaltige Antazida entfalten ihre heilende Wirkung über zahlreiche Mechanismen. Dass sie zugleich auch sicher in der Anwendung sind, zeigt nicht zuletzt ihre Befreiung von der Rezeptpflicht. Dennoch kommen zahlreiche andere, rezeptpflichtige Substanzen bei den verschiedenen Erkrankungen des oberen Verdauungstraktes zum Einsatz. Am bedeutendsten sind die Medikamente, die die Freisetzung von Säure in das Mageninnere hemmen (H2-Blocker, Säuresekretionshemmer) oder die Bildung von Salzsäure in den Magenzellen verhindern (Protonenpumpenblocker, PPI). Die Wirkung dieser beiden Substanzgruppen zielt alleine auf die Verringerung der Säuremenge im Magen. Sinnvoll ist dies natürlich bei allen Erkrankungen, die tatsächlich primär durch eine gesteigerte Säurebildung gekennzeichnet sind. Dies ist allerdings selten der Fall, oftmals zeigt sich hingegen bei sog. peptischen (säurebedingten) Beschwerden eher eine verminderte Säuremenge im Magen. Wichtig sind H2-Blocker und PPI auch dann, wenn Antazida auf Grund einer zu kurzen Verweildauer nicht ausreichend wirksam werden können. Dies ist z. B. bei allen schwereren Formen des Rückflusses von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre (schwere Refluxösophagitis) der Fall. Elegant ist auch die Vorbeugung von Rückfällen von Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren (Ulkusrezidiv) mit H2-Blockern: Bei dieser oft langjährigen Therapie steigt die Compliance der Patienten, wenn sie das schützende Medikament nur einmal am Tag nehmen müssen anstatt dreimal wie bei Antazida notwendig.
Doch H2-Blocker und PPI haben auch deutlich Nachteile: Nicht nur, dass die erwähnten heilenden Effekte von aluminiumhaltigen Antazida fehlen; es kommt durch intensive Anhebung des pH-Wertes im Magen auch zu unerwünschten Wirkungen. Beispielsweise verliert das Verdauungsenzym Pepsin oberhalb eines bestimmten pH-Wertes seine Wirksamkeit endgültig (irreversibel). Störungen der Eiweißverdauung sind dann mögliche Folgen. Zudem erleichtert die starke Anhebung des pH-Wertes, wie sie durch H2-Blocker, vor allem aber durch Protonenpumpenblocker bewirkt wird, die Besiedlung des Magens und des nachfolgenden Verdauungstraktes mit Bakterien (ein weitgehend normal saurer Mageninhalt tötet die meisten Bakterien ab). Aluminium- und magnesiumhaltige Antazida heben den pH-Wert des Magens dagegen niemals so stark an, dass diese Gefahr besteht. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass bei längerer Anwendung von PPI schwer wiegende Folgen für andere Organe (z. B. die Augen) bis hin zu bösartigen Entartungen von Magenzellen vermutet werden. Dennoch: Zusammen mit Antazida haben säuresekretionshemmende Substanzen einen festen Platz in der Therapie von Magenbeschwerden. Und dies liegt vor allem daran, dass mit der Einführung von diagnostischer Magenspiegelung und therapeutischer H2-Blockerbehandlung die Häufigkeit schwerer Komplikationen peptischer Erkrankungen (Magenblutungen, Magendurchbruch) deutlich zurückgegangen sind.
Antazidum ist nicht gleich Antazidum
Es gibt also deutliche Unterschiede zwischen Antazida und anderen Magentherapeutika. Wichtig ist aber auch, dass Antazida untereinander sehr starke Unterschiede in Wirkungen und Nebenwirkungen aufweisen. Natriumbikarbonat (NaHCO3) wirkt beispielsweise zwar säureneutralisierend, wird aber auch vom Körper aufgenommen (absorbiert). Hierdurch besteht die Gefahr von Stoffwechselstörungen, Verstärkung von Bluthochdruck und leichterem Auftreten von Herzinfarkten. Außerdem kommt es zur Entwicklung von Gasen im Magen und es bildet sich nach dem Absetzen von Natriumbikarbonat überschießend Magensäure. Auch kalziumhaltige Antazida (zumeist Kalziumkarbonat) werden vom Körper aufgenommen. Bei Überdosierung oder längerer Anwendung können Störungen des Säure-Basenhaushaltes im Blut (Milchalkalisyndrom) und zu hohe Kalziumspiegel auftreten. Beide Antazidagruppen sollten wegen der Gefahr von - oftmals lange unerkannt bleibenden - Komplikationen (z. B. Nierenschädigung) sehr umsichtig eingesetzt werden. Schließlich fehlt bei diesen Antazida, die von aluminiumhaltigen Antazida bekannte Adsorption von Pepsin und Gallensäuren genauso wie die positiven Wirkungen auf die Selbstheilungskräfte der Schleimhaut von Magen und Zwölffingerdarm. Und: Magnesium- und aluminiumhaltige Antazida wie Maaloxan reichern sich (außer bei Nierenkranken) nicht im Körper an; Auswirkungen auf irgendwelche anderen Körperfunktionen sind also ausgeschlossen.

